Hilfsmittel für die Ukraine – Kanada spricht Gelder für die Flugabwehr – was bringen die?

Die Ukraine fordert seit Wochen Langstrecken- und Flugabwehrwaffen. Nun hat Kanada 200 Millionen US-Dollar für die Finanzierung von Flugabwehrraketen zugesagt. Doch die Beschaffung ist schwierig. Was also nützt dieses Geld? Die Einschätzung von Fredy Gsteiger, diplomatischer Korrespondent von SRF.
Fredy Gsteiger
Diplomatischer Korrespondent
Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen
Fredy Gsteiger ist diplomatischer Korrespondent und stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».
Mehr Artikel von Fredy Gsteiger
Hilft dieses Paket der Ukraine wirklich?
Es hilft ein bisschen. Aber gemessen am gewaltigen Bedarf der Ukraine, die von Russland immer mehr unter Druck steht, handelt es sich lediglich um Brotsamen – 200 Millionen US-Dollar reichen nicht weit. Es geht auch um Symbolpolitik. Kanada gehört zu den treuesten Unterstützern der Ukraine, auch weil dort eine grosse Zahl von Exil-Ukrainerinnen und -Ukrainern lebt. Aber Kanada kann der Ukraine genau das nicht in massgeblichem Ausmass liefern, was sie akut am meisten braucht: Nämlich Luftabwehrwaffen, angesichts der ständig zunehmenden russischen Angriffe auf Städte, auf die Zivilbevölkerung und auf die Energie- und Verkehrsinfrastruktur.
Wie schützt sich die Ukraine im Moment vor komplexen russischen Angriffen?
Die Situation ist dramatisch. Gerade wenn es um Raketenangriffe geht, hat die Ukraine inzwischen kaum noch Mittel, diese abzuwehren. Es fehlen besonders Präzisionsabwehrwaffen, wie die sehr wirksamen amerikanischen Patriot-Raketen. Es mangelt aber auch an den europäischen Samp/T-Abwehrraketen, die von Frankreich und Italien gefertigt werden. Dazu kommt, dass die amerikanischen Bestände an solchen Abwehrwaffen wegen des Kriegs gegen den Iran massiv geschrumpft sind. Die Amerikaner können und wollen daher kaum noch solche Waffensysteme an andere Länder liefern.
Russland rüstet massiv auf. Es produziert mehr, als es verbraucht. Wieso kann das die Ukraine nicht?
Russland ist eine Diktatur. Da lässt sich mit Befehlen die Wirtschaft zu einer Kriegswirtschaft umstellen. Das hat Russland getan, auch dank chinesischer Unterstützung. Die Ukraine wiederum hat erfolgreich die Produktion von Drohnenabwehrmitteln ausgebaut. Sie ist nun auch daran, eigene Raketenabwehrwaffen zu entwickeln oder weiterzuentwickeln. Aber das gelingt nicht über Nacht. Dasselbe gilt für das – inzwischen allerdings womöglich schon nicht mehr gültige – Angebot von US-Präsident Donald Trump, dass die Ukraine in Lizenz Patriot-Raketen herstellen darf. Aber auch das braucht Zeit, die die Ukraine nicht hat.
Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Abwehr der Ukraine zusammenbricht?
Der russische Staatschef Wladimir Putin scheint willens, den Kampf fortzuführen und sogar noch zu intensivieren. Dazu ist Russland auch imstande. Die russische Kriegswirtschaft stellt derzeit jeden Monat mehr Angriffsraketen her. Putin scheint auch bereit, hunderttausende von Soldaten zusätzlich zu rekrutieren – darunter womöglich zehntausende von Nordkoreanern. Die kommenden Monate könnten entscheidend sein für das Schicksal der Ukraine. Viel hängt nun davon ab, ob europäische Länder ihre Luftabwehrmittel doch noch an Kiew abtreten.
Kommt es zu einer Einigung am Verhandlungstisch, statt auf dem Schlachtfeld?
Eine Verhandlungslösung wäre grundsätzlich gut, wenn sie fair wäre und im Einklang mit dem Völkerrecht stünde. Danach sieht es aber nicht aus. Wenn die Ukraine in Sachen Luftabwehr weiterhin blank dasteht, dann ist zu befürchten, dass der Widerstandswille und die Verteidigungskraft nachlassen. Dass die Menschen den Glauben verlieren, die Ukraine als demokratisches Land zu retten.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.