«In die Schweiz zu ziehen, fühlte sich an wie Heimkommen»

- Arina Gart zog mit 24 von Deutschland nach Dubai.
- Ein Jahr später wanderte sie von dort aus in die Schweiz aus, um ihr eigenes Personalvermittlungsunternehmen zu gründen.
- «Vor dem Umzug hierher hatte ich grossen Respekt vor der Schweiz», sagt sie.
- Doch schon beim ersten Besuch habe sie sich willkommen und zu Hause gefühlt.
Als Arina Gart zum ersten Mal in die Schweiz reiste, war sie nervös. Die 26-Jährige hatte grossen Respekt vor dem Land, den hohen Lebenshaltungskosten und ihrem Schritt in die Selbstständigkeit. Doch schon beim ersten Spaziergang durch St. Gallen legte sich die Nervosität: «Ich habe mich sofort wie zu Hause gefühlt», sagt sie rückblickend.
Gart hatte bereits an vielen Orten gelebt: Geboren wurde sie in Sibirien, mit vier Jahren zog sie mit ihren Eltern in die Region München. Während eines Auslandssemesters in Spanien wuchs in ihr der Wunsch, Deutschland zu verlassen. Mit 24 nahm sie schliesslich ein Jobangebot in Dubai an, obwohl sie die Stadt zuvor noch nie besucht hatte.
Ein Jahr arbeitete sie dort als Personalvermittlerin, unter anderem für Anwälte und Treuhänder. Dubai sei extrem sicher und sauber, sagt sie. «In der Dubai Mall kann man Handy, Tasche und Portemonnaie liegen lassen und sicher sein, dass nichts geklaut wird.» Trotzdem fühlte sie sich dort nie wirklich angekommen.
«Ständig in klimatisierten Räumen»
Ihr fehlten die Nähe zum deutschsprachigen Raum, die Natur und ein Alltag im Freien. «Es war mir viel zu heiss. Man ist ständig in klimatisierten Räumen», sagt Gart. Spontan spazieren zu gehen oder an einen See zu fahren, sei für sie kaum Teil ihres Lebens in Dubai gewesen. «Wir Europäer lieben es doch, im Sommer in die Berge zu gehen und die frische Luft zu geniessen.»
Auf der Suche nach einem neuen Zuhause begann sie, verschiedene Länder wie Zypern und Südafrika zu vergleichen. Sie sprach mit Geschäftspartnern aus Liechtenstein, die ihr rieten, sich die Schweiz zumindest einmal anzusehen. Sie hatte das Land zunächst also vor allem als Geschäftsstandort im Blick.
Dass sie ihre Firma ausgerechnet hier gründen würde, war trotzdem nicht selbstverständlich. «Ich wusste: Wenn ich in der Schweiz nicht performe, frisst mich das Land wegen der Lebenshaltungskosten auf.» Wohnung, Krankenversicherung, Bewilligung, Firmengründung – alles sei gleichzeitig auf sie zugekommen. «Ich musste von Anfang an liefern.»
«Schweizer Behörden haben mich positiv überrascht»
Heute betreibt Gart eine Schweizer GmbH und vermittelt Personal vor allem für den deutschen Markt. Die Schweizer Firmenadresse sei auch geschäftlich ein Vorteil: «Zu sagen, man hat eine Schweizer GmbH, hat ein gewisses Standing.» Sie erhalte dadurch neue Anfragen und möchte künftig auch Kundinnen und Kunden in der Schweiz betreuen.
«Im Unterschied zu Dubai müssen Menschen in der Schweiz nicht immer zeigen, was sie alles haben.»
Besonders überrascht habe sie, wie schnell und unkompliziert hier alles funktioniere. Vom Steueramt über Anwälte und Treuhänder bis hin zu Linkedin-Kontakten: Alle seien extrem hilfsbereit gewesen. «Ich hatte nie das Gefühl, dass mir eine Haltung begegnet wie: Jetzt kommt die Deutsche, was will die hier?» Privat sei sie bislang noch wenig vernetzt – auch weil sie nach eigenen Angaben sehr viel arbeite. Beruflich habe sie jedoch rasch Kontakte geknüpft.
«Die Leute haben etwas, müssen es aber nicht zeigen»
Gart weiss, dass nicht alle Expats ein gleichermassen positives Bild der Schweiz zeichnen. Und einzelne Vorfälle habe auch sie schon erlebt. Ein Nachbar habe ihr etwa nach einem kurzen Gespräch gesagt, der Kontakt zu einer Deutschen käme für ihn «nicht infrage». Sie nahm es gelassen: Ihren Akzent könne sie nicht verbergen. Sie frage einfach nach, wenn sie Schweizerdeutsch nicht verstehe, und erlebe die meisten Menschen dabei als geduldig.
Den stärksten Kontrast zu Dubai sieht sie im Umgang mit Status. «Dubai ist eine kleine Bubble», sagt sie. Vieles sei dort auf Wirkung nach aussen ausgerichtet. «Die Leute haben nichts und zeigen alles.» In der Schweiz empfinde sie es umgekehrt: «Die Menschen haben etwas, müssen es aber nicht ständig zeigen.»
Statt in der Dubai Mall verbringt Gart ihre freie Zeit heute lieber in den Bergen. Sie möchte noch möglichst viele Regionen der Schweiz entdecken, im Winter Ski fahren und irgendwann auch das Matterhorn sehen. «Die Schweiz ist für mich wie ein Bilderbuch», sagt sie. «Ich fühle mich sicher, wohl und angekommen.»
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Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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