SRF-Bestenliste – Die besten Bücher im Oktober 2026

Beziehungsfragen, historische und vererbte Traumata, Umgang mit der momentanen Weltlage – und ein unterhaltsamer Krimi. Die SRF-Bestenliste im Oktober ist sehr vielseitig – und fest in Frauenhand.
1. Sarah Elena Müller: «Unwucht» (53 Punkte)
Im zweiten Roman «Unwucht» der Schweizer Autorin Sarah Elena Müller geht es um die Beziehung zwischen zwei jungen Erwachsenen: Er ist suchtkrank, sie ist Überlebenskünstlerin. Die Beziehung ist schmerzvoll und belastend. Jahre später, längst hat man sich getrennt, versucht die Frau, einen Umgang mit dem Erlittenen zu finden, indem sie darüber schreibt. Doch dadurch entstehen neue Probleme und brennende Fragen: Wer hat die Deutungsmacht über das Gewesene?
Der Roman spielt auf mehreren Ebenen, deren Kräfte aufeinander wirken: anziehend und abstossend zugleich.
Buchhinweis
Box aufklappen Box zuklappen
Sarah Elena Müller. «Unwucht». 336 Seiten. Limmat, 2026.
Lesen Sie hier die Rezension zu «Unwucht».
2. Dana Vowinckel: «Anton und Alma» (48 Punkte)
Vordergründig ist «Anton und Alma» die turbulente Liebesgeschichte zwischen Anton, der in einer jüdischen Akademikerfamilie in Berlin aufwächst, und Alma, die aus einem Vorort im Osten Berlins stammt, und nicht zufällig Bormann mit Nachnamen heisst – wie ein enger Vertrauter Hitlers. Aber es geht um weit mehr: In einer Welt voller persönlicher und gesellschaftlicher Katastrophen, kann man es da als Mensch überhaupt noch «richtig» machen im Leben? Welche Rolle spielt Religion dabei – und was ist, wenn andere damit nicht einverstanden sind?
Was grosse Liebe ist, fühlt man eigentlich nur, wenn man sie selber erlebt – es sei denn, man darf in einen der seltenen Liebesromane wie ‹Anton und Alma› von Dana Vowinckel eintauchen.
Buchhinweis
Box aufklappen Box zuklappen
Dana Vowinckel: «Anton und Alma». 542 Seiten. Suhrkamp, 2026.
2. Yael Inokai: «Die Auster» (48 Punkte)
Yael Inokai lebt seit vielen Jahren in Berlin. Dort spielt auch ihr neuer Krimi «Die Auster». Die Handlung: Dr. Joachim Bronstett, schwerreicher Geschäftsführer eines Luxuskaufhauses, wird eines Morgens tot in seiner Villa aufgefunden, und zwar von seiner Putzfrau. Doch anstatt die Polizei zu rufen, tut sie, was sie immer tut: Sie putzt. Überaus gründlich …
Mich begeistert die eigenwillige Hauptfigur, die sich durchs Leben kämpft und dabei einen Mord aufklärt.
Buchhinweis
Box aufklappen Box zuklappen
Yael Inokai. «Die Auster». 220 Seiten. Hanser Berlin, 2026.
Autorin Yael Inokai im Gespräch über ihr Buch «Die Auster».
4. Shida Bazyar: «Die Lücken» (27 Punkte)
Der neue Roman von Shida Bazyar ist erschreckend aktuell. «Die Lücken» erzählt von einem fiktiven Dorf und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern: Figuren, die aus dem Dorf verschwunden, geblieben oder neu hinzugekommen sind. Der Roman verdichtet neunzig Jahre Geschichte, springt zwischen den Zeiten und legt nach und nach frei, worüber lange geschwiegen wurde. Es geht um die NS-Vergangenheit und um ihre Schatten, die bis in die Gegenwart reichen. Eine Gegenwart, in der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, Familien aus dem Iran in diesem fiktiven Dorf auf ein neues Zuhause hoffen.
Shida Bazyar hat einen behutsamen, sanften Ton angeschlagen, was ein bisschen überrascht. Sie zeigt damit gekonnt das Grauen im Alltag und das Alltägliche im Grauenvollen.
Buchhinweis
Box aufklappen Box zuklappen
Shida Bazyar: «Die Lücken». 512 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, 2026.
5. Julia von Lucadou: «Zeiten erhöhter Gefahr» (23 Punkte)
Was ist, wenn die Welt aus den Fugen gerät und die Angst sich im Innern festsetzt? In ihrem neuen Roman erzählt Julia von Lucadou von einem Mann, der zwischen Bunkerfantasien, verdrängten Erinnerungen und wachsender Angst den Boden unter den Füssen verliert. Geschickt verknüpft sie gesellschaftliche Verunsicherung mit persönlichen Traumata – und zeichnet das Porträt eines Menschen, der seine Identität zu verlieren droht.
Julia von Lucadou spürt dem Gefühl der Angst und dem Bedürfnis nach Sicherheit nach und schafft es dabei, einen sehr ernsthaften wie auch unterhaltsamen Roman zu schreiben.
Buchhinweis
Box aufklappen Box zuklappen
Julia von Lucadou: «Zeiten erhöhter Gefahr». 224 Seiten. Hanser Berlin, 2026.
Lesen Sie hier die Rezension zu «Zeiten erhöhter Gefahr».
Die aktuelle Bestenliste als PDF herunterladen
Zur aktuellen Auswahl
Box aufklappen Box zuklappen
An der Erstellung der Bestenliste für Oktober 2026 waren 37 Jurymitglieder beteiligt, die insgesamt 562 Punkte vergeben haben.
So entsteht die SRF-Bestenliste
Box aufklappen Box zuklappen
Die SRF-Bestenliste wird jeden Monat von einer Fachjury bestimmt. Zur Jury gehören 50 Buchkritikerinnen, Bibliothekare, Buchhändlerinnen, Literaturwissenschaftler und Vertreterinnen von literarischen Institutionen.
Jedes Jurymitglied darf jeweils bis zu vier Titel, deren Veröffentlichung nicht länger als sechs Monate zurückliegt, für die SRF-Bestenliste nominieren. Die Punktewertung funktioniert wie folgt:
- 1. Platz: 7 Punkte
- 2. Platz: 5 Punkte
- 3. Platz: 3 Punkte
- 4. Platz: 1 Punkt
Die vergebenen Punkte werden addiert und ergeben die jeweilige Reihung. Jedem Jurymitglied steht es frei, weniger (oder auch gar keinen) Titel zu nominieren. Sobald ein Titel drei Mal auf der SRF-Bestenliste vorgekommen ist, wird er gesperrt, um einen gewissen Titelumlauf zu gewährleisten.
Im Sinne einer grösstmöglichen Transparenz, Objektivität und Unparteilichkeit im Abstimmungsverfahren dürfen keine Bücher nominiert werden, deren Autor:in Mitglied der Jury ist.
Die Jurymitglieder von A bis Z
Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 23.9.2026, 7:00 Uhr ; spib
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.