Nach der Wahl in Berlin: Immer noch die anderen

Die Linke holte mit einer Spitzenkandidatin mit Einwanderungsgeschichte auch Erstwähler:innen mit Migrationshintergrund an die Urnen. Und nun?
E iner der ersten Texte meiner journalistischen Karriere, die vor fast genau 38 Jahren mit einem Praktikum in einer feministischen Presseagentur begann, handelt von einer Erfahrung, die man heute wohl „othering“ nennen würde.
Ich war in ein „türkisches Mädchenzentrum“ (so sagte man in den 1980ern) geschickt worden, wo mich eine Gruppe junger Frauen zwischen 14 und 18 Jahren erwartete, die fast alle in Deutschland geboren waren und von denen keine deutsche Staatsbürgerin war. Betreut wurden sie von Sozialarbeiterinnen, die selbst aus der Türkei kamen: Das war 1988 noch eine Seltenheit und der Grund für meinen Besuch.
Während wir im Kreis saßen und redeten, begrüßte eine Nachzüglerin alle mit Wangenküsschen – auch mich, schreckte dann aber auf. „Entschuldigung!“, sagte sie, und auf mein „Wofür denn?“: „Sie sind doch Deutsche! Aber wir machen das immer so.“ Heute glaube ich, dass damals der Grundstein für die Frage gelegt wurde, die mich seither mein ganzes Berufsleben lang beschäftigt: Wer ist eigentlich „wir“ – und wer darf das (mit)bestimmen?
Das „Othering“, das Ausgrenzende in dieser Begegnung galt ja nicht mir, sondern der jungen Frau selbst und dem „Wir“, auf das sie sich bezog: Sie entschuldigte sich dafür, gegen Regeln verstoßen zu haben, die nicht in ihrem „türkischen Mädchenzentrum“, ihrem Zufluchtsort, galten, wohl aber in der Welt um diesen herum – in der erst später sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“ (die ihr offenbar kaum wohlwollend entgegentrat, wenn sie glaubte, sich selbst für eine so freundliche Annäherung entschuldigen zu müssen.)
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Einer Antwort nicht viel nähergekommen
Fast vier Jahrzehnte später habe ich den Eindruck, dass wir einer Antwort auf diese Frage nicht viel nähergekommen sind – jedenfalls keiner demokratischen und inklusiven. Für den deutschen Bundeskanzler sind sogar jüdische Deutsche eigentlich „Ausländer“, und ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass Markus Söders Sinneswandel zu Kürzungen beim Länderfinanzausgleich – den er nach dem AFD-Sieg in Sachsen-Anhalt noch als „Strafzahlung für bestimmtes Wahlverhalten“ ablehnte, für ein links wählendes Berlin aber für gerechtfertigt hält – auch etwas mit dem „Wir Deutschen, ihr Ausländer“-Thema zu tun hat.
Denn die AfD hat ihren Stimmenzuwachs ja bei (nach herrschendem Diskurs) viel deutscheren Deutschen gewonnen als die Linke. Die holte in Berlin mit einer Spitzen- und vielen weiteren Kandidat:innen mit Einwanderungsgeschichte auch viele Erst- und Erstmalswähler:innen mit Migrationshintergrund an die Urnen.
Bei der Berlin-Wahl im September durften erstmals auch 16-jährige das Landesparlament mitwählen. Unter den bis 24-jährigen Wähler:innen hat die Linke 43 Prozent der Stimmen bekommen. Das ist eine ganz schön große Gruppe junger Bürger:innen, die Söder und andere von Mitbestimmung ausgrenzen wollen. Und es ist vielleicht genau die, der es endlich gelingen könnte, eine demokratische und inklusive Antwort auf die Frage, wer hier eigentlich „wir“ ist, zu finden.
Oder sie sind einfach nur klüger als wir und durchschauen das Othering
In Berlin haben über 55 Prozent der Jugendlichen einen sogenannten Migrationshintergrund. Bei meiner Arbeit lerne ich viele dieser jungen Menschen kennen; manche davon nennen sich Türken, Araber oder einfach Ausländer: ein „Wir“, das dem anfangs beschriebenen gleicht, ein Schutzraum. Oder sie sind einfach nur klüger als „wir“ und durchschauen das Othering, das trotz sich stets ändernder Markierungen wie heute der „Migrationsgeschichte“ immer noch wirkt. Ach, wie froh wäre ich, wenn ihnen irgendwann mal Migrationsvergangenheit zugestanden würde! Aber wie heißt es leider so wahr: „Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen“ (William Faulkner).
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