Verhelfen die Krawalle Marine Le Pen zur Präsidentschaft?

- Die rechtsnationale Marine Le Pen profitiert in Frankreich von den Krawallen und liegt in Umfragen klar vorn.
- Sie wirft Präsident Macron Kontrollverlust vor und fordert mehr Polizei, härtere Strafen und weniger Migration.
Frankreich steht sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl unter Druck. Die Krawalle haben die Regierung von Emmanuel Macron zusätzlich geschwächt und den Wahlkampf auf die Themen Sicherheit, soziale Wut und Migration zugespitzt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Mehr zu diesem Thema
Wie wird in Frankreich gewählt?
Am 18. April 2027 findet der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahl statt. Erreicht niemand mehr als 50 Prozent der Stimmen, treten die zwei bestplatzierten Kandidaten am 2. Mai in einer Stichwahl gegeneinander an.
Wer sind die Favoriten?
Präsident Emmanuel Macron darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. In der jüngsten Ipsos-bva-Umfrage liegt die rechtsnationale Marine Le Pen je nach Kandidatenfeld bei 32 bis 33,5 Prozent. Hinter ihr folgt der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, der in allen getesteten Konstellationen auf 17 Prozent kommt. Dahinter folgen mehrere Kandidaten aus dem Mitte-Lager.
Nutzen die Krawalle Le Pen?
Le Pen wirft Macron vor, die Kontrolle über Frankreich verloren zu haben. Sie fordert mehr Polizei, härtere Strafen für Krawallmacher und eine restriktivere Migrationspolitik. Meinungsforscher und politische Beobachter gehen davon aus, dass sie bis in den April die Führung verteidigen kann. Ifop-Chef Frédéric Dabi sagte gegenüber AP, Le Pen sei die «einzige Kandidatin, die aus den Ereignissen politisch stärker hervorgehe». Einen Einzug in die Stichwahl hält er für sehr wahrscheinlich.
Der frühere Macron-Abgeordnete Jean-Baptiste Moreau sagte Reuters, für Le Pen sei der Weg zur Präsidentschaft «eine sechsspurige Autobahn». Gemeint ist: Die Krawalle spielen gleich mehrere ihrer Kernthemen gleichzeitig zu – Angst vor Kontrollverlust, Sicherheit, Migration und Unzufriedenheit über steigende Lebenshaltungskosten.
Wie stark glaubst du, dass die Krawalle Marine Le Pens Chancen auf die Präsidentschaft verbessern?
Wie sind die Chancen der Linken?
Das ist offen. Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon unterstützt die sozialen Forderungen der Protestierenden: bessere Schulen, höhere Löhne und stärkere öffentliche Dienstleistungen. Plünderungen und Sachbeschädigungen verurteilt er.
Der frühere Premierminister Édouard Philippe wirft Mélenchons Partei eine «beträchtliche politische Verantwortung» für die Gewalt vor. Mélenchon weist das zurück und macht die Regierung sowie deren Polizeieinsatz für die Eskalation verantwortlich. Politologin Hélène Miard-Delacroix sieht trotzdem ein Risiko: Mélenchon habe zwar nicht zu Plünderungen aufgerufen, aber «die Idee einer Revolte gezeichnet, die viele Junge faszinieren könne», sagte sie im ZDF.
Mélenchon kann mit sozialen Forderungen links gewinnen – die Nähe zu einer radikalen Proteststimmung könnte ihn bei Wählern aus der Mitte aber Stimmen kosten.
Können Kandidaten aus der Mitte noch aufholen?
Die politische Mitte startet geschwächt. Macron darf nicht mehr antreten, seine Regierung ringt gleichzeitig mit Krawallen, einem angespannten Staatshaushalt und sinkender Popularität. Mehrere mögliche Nachfolger – darunter Édouard Philippe, Gabriel Attal und Raphaël Glucksmann – konkurrieren zudem um dieselben Wähler.
Entscheidend für die Mitte wäre, Mélenchon noch vom zweiten Platz zu verdrängen. Mujtaba Rahman von der Beratungsfirma Eurasia Group sagt, Le Pen habe ein politisches Interesse an einem Duell mit Mélenchon: Ein solches Endduell würde ihr aus seiner Sicht den Weg in den Élysée-Palast praktisch garantieren.
Ein Kandidat aus der Mitte könnte Wählern dagegen eine Alternative zwischen den Extremen Le Pen und Mélenchon bieten. Ob sich die Mitte dafür noch hinter einer Person versammeln kann, ist allerdings offen.
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
