Neue Studie – «Manchmal steckt hinter Bauchweh die Schule»

Laut einer neuen Studie dreht sich inzwischen jede fünfte Konsultation in der Kinderarztpraxis um schulische Probleme.
04.09.2026, 18:54
Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme: Mit solchen Beschwerden kommen Kinder regelmässig in die Praxis von Marc Sidler im Raum Basel. Nicht immer liegt die Ursache im Körper.
«Oft kommen die Kinder ja nicht mit offensichtlichen Schulproblemen zu uns», sagt Sidler, Präsident von Kinderärzte Schweiz. Erst im Gespräch zeige sich, dass hinter den Beschwerden Schwierigkeiten in der Schule stecken.
Wir haben täglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die wegen Problemen in der Schule zu uns kommen.
Für ihn und seine Berufskollegen alarmierend: «Das gehört mittlerweile zu unserer täglichen Arbeit, dass wir täglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, die wegen Problemen in der Schule zu uns kommen.»
Eine neue Studie von gfs.bern im Auftrag der Stiftung Mercator Schweiz bestätigt diese Beobachtung. Dafür wurden 469 Kinderärztinnen und Kinderärzte aus der ganzen Schweiz befragt. Das Ergebnis: Bei rund jeder fünften Konsultation spielen schulische Belastungen eine wichtige Rolle. Fast neun von zehn Befragten geben zudem an, dass solche Fälle im Lauf ihrer Berufstätigkeit zugenommen haben.
Leistungsdruck und Mobbing
Schulprobleme seien kein neues Phänomen, sagt Marc Sidler. Heute hätten sie jedoch «eine zusätzliche andere Dimension».
Als einen wichtigen Grund nennt der Kinderarzt den zunehmenden Leistungs- und Selektionsdruck. Bereits in jungen Jahren würden Kinder mit Noten und schulischen Weichenstellungen konfrontiert.
Auch Mobbing, soziale Ausgrenzung, Über- oder Unterforderung sowie ein angespanntes Verhältnis zur Lehrperson zählen laut Studie zu den häufigsten Ursachen. Nicht zuletzt würden Eltern häufiger Abklärungen und Diagnosen verlangen.
Besonders betroffen machen Sidler Kinder und Jugendliche, die der Schule über längere Zeit fernbleiben. «Wenn ein Jugendlicher oder auch ein Primarschulkind längere Zeit nicht mehr zur Schule geht, ist das für mich immer ein sehr hohes Alarmzeichen. Aus einzelnen Fehltagen werden dann plötzlich Wochen.»
Mit dem Alter werden die Probleme schwerwiegender
Die Studie zeigt auch, dass sich die Belastungen mit dem Alter verändern. Im Kindergarten fallen häufiger Verdauungsbeschwerden, auffälliges Sozialverhalten oder Konzentrationsprobleme auf. In der Sekundarstufe berichten Kinderärztinnen und Kinderärzte dagegen deutlich häufiger von Schulabsentismus, depressiven Verstimmungen, Essstörungen oder sogar suizidalen Gedanken.
Während jüngere Kinder Belastungen oft körperlich ausdrücken, nehmen bei Jugendlichen psychische Probleme zu.
Die Beziehung macht den Unterschied
Eine zentrale Rolle spielt laut Sidler die Beziehung zwischen Lehrperson und Kind. «Das kann einerseits eine Ursache von Schulproblemen sein. Andererseits ist eine gute Beziehung auch ein Schutzfaktor», sagt er. Kinder bräuchten Erwachsene, die hinschauen, zuhören und sie ernst nehmen. Wo dies gelinge, könne Schule Halt geben.
Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) warnt derweil vor vorschnellen Schlüssen. Kinder und Jugendliche seien heute generell vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Nicht alle psychischen oder körperlichen Probleme hätten ihren Ursprung in der Schule.
Für Sidler steht deshalb fest: Nicht die Schule an sich macht Kinder krank. Entscheidend sei, ob Kinder Unterstützung erhalten und sich in ihrem Umfeld verstanden fühlen. Denn hinter scheinbar alltäglichen Beschwerden könne mitunter eine viel grössere Belastung stecken.
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