Wenn Kunst und Krankheit gegeneinander antreten

Milena Moser
Wenn Kunst und Krankheit gegeneinander antreten
Letzte Woche landete Victor wieder mal im Krankenhaus. Aber das war nicht einmal das Schlimmste.
Publiziert: vor 55 Minuten
- Victor, transplantiert, kam mit Fieber ins Spital
- Ein Notarzt hielt den Aufbau am Mittwoch für unmöglich
- Die San Francisco Symphony gewährte Aufschub; Medikamente wirkten
Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Geschichte hat einen glücklichen Ausgang. Aber das konnten wir nicht wissen, als wir vor einer Woche wieder mal einen strahlend sonnigen Sonntag im Notfall verbrachten. Warum passieren solche Dinge immer am Wochenende oder an einem Feiertag? Und manchmal auch an einem Geburtstag ...
Das ist unsere Realität: Wie alle Transplantierten ist Victor anfällig für Krankheitserreger aller Art, die sich schnell in seinem Körper ausbreiten und ins Blut übertreten. Das kann gefährlich werden. Deshalb die Routine: Notaufnahme, ein paar Tage Krankenhaus, Infusion, hoffen und beten. Es ist nicht immer ganz einfach, das richtige Medikament zu finden, und auf eines der wirkungsvollsten reagiert er mit einer seltenen allergischen Reaktion.
Gegen die Zeit: Ein Altar für die Symphonie
Aber diesmal war die Krankheit gar nicht das Hauptproblem. Victor war mitten in einer Installation. Er kreierte einen grossen Altar für die San Francisco Symphony – eine Arbeit, auf die er sich lange gefreut und vorbereitet hatte. Doch dann schlug die Krankheit wieder zu.
Obwohl ihn das Fieber schüttelte, fragte er alle, die an sein Bett traten – ob Pflegefachmann oder Ärztin, Ultraschalltechnikerin oder Laborant –, wie sie seine Chancen einschätzten, die Installation termingerecht fertigstellen zu können. Nur drei Tage später sollte der Altar nämlich in einem der teppichroten Gänge der Symphonie aufgebaut werden. Ich wusste längst, dass das nicht mehr realistisch war. Aber es brach mir das Herz.
Stumme Tränen auf dem Parkplatz
Zwischendurch ging ich raus, um mich auszuweinen. Da bin ich nie die Einzige: Wir stehen zwischen den traurigen, verstaubten Topfpflanzen auf dem ehemaligen Parkplatz und schauen aus tränenverschmierten Augen aneinander vorbei. Einander in Ruhe lassend und doch miteinander verbunden.
Wir lassen die Menschen, die wir lieben, nicht spüren, wie sehr uns ihr Zustand mitnimmt, denn das macht es für sie nur noch schlimmer.
«Die Kunst ist eine harte Chefin»
Als ich zurückkam, stand ein junger Mann mit halblangen Locken an Victors Bett und sagte, vermutlich als Antwort auf die immer gleiche Frage: «Die Kunst ist eine ganz schön harte Chefin.»
Wer drückte sich da so unerwartet poetisch aus? Ein Notarzt, der gerade seine Schicht angetreten hatte und der sich die Zeit nahm, Victor zuzuhören. Auch wenn ihn das Fieber schüttelte und er sich etwas wirr ausdrückte, schien der Mann zu verstehen, worum es ihm ging. Er sei nämlich ursprünglich Pianist, erklärte er. Aber er habe nicht «die Eier» gehabt, um als Künstler zu leben.
«Und da wurden Sie Notarzt?», fragte ich mit hochgezogenen Brauen. Das schien mir nun auch nicht gerade ein bequemes Leben.
«Die Kunst will alles, und sie will alles in deinem Leben sein. Das konnte ich nicht durchziehen», sagte der Mann, der mir sehr jung vorkam – zu jung, um schon ein zweites Leben zu leben. «Wir tun unser Bestes», sagte er dann. «Aber Mittwoch, das können Sie vergessen.» Und dann, etwas leiser: «Sie haben meine grösste Bewunderung.»
Eine klare Ansage. Endlich. Und doch weigerte ich mich, das zu akzeptieren. Die Kunst mag eine gnadenlose Herrin sein, aber sie ist auch Victors Lebenselixier. Ich habe ihn unter den widrigsten Bedingungen, die ihm seine zweite Chefin – die Krankheit – aufzwingt, die tollsten Werke vollenden sehen.
Und dann ging ich wieder raus, um zu weinen.
Doch ein paar Tage später, als ich diesen Text schreibe, hat sich das Blatt gewendet: Die Symphonie hat Victor einen späteren Aufbau bewilligt. Und die Medikamente beginnen jetzt auch zu wirken.
Die strenge Chefin Kunst hat eingelenkt, und die Krankheit ordnet sich ihr unter. Ein Wunder, einmal mehr.
Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.