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Saturday, October 24, 2026

Dirndl statt Tarnanzug: Sahwanna kellnert an der Schweizer Wiesn

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  • Im Herbst tauscht eine angehende Berufsunteroffizierin den Tarnanzug für ein paar Wochenenden gegen ein Dirndl.
  • Die 24-jährige Thurgauerin Sahwanna bedient seit vier Jahren am Oktoberfest in Uster und Baden.
  • Ihre Erfahrung aus dem Militär hilft ihr, im turbulenten Festzelt ruhig zu bleiben und Grenzen zu setzen.

Einmal tief durchatmen, dann stemmt Sahwanna die schweren Masskrüge und bahnt sich ihren Weg durch die feiernde Menge. «Mit 14 Krügen kann der Weg durchs Festzelt ganz schön lang werden, aber einen Unfall hatte ich zum Glück noch nie», erzählt die 24-Jährige stolz. Was für andere nach Stress pur klingt, ist für die junge Thurgauerin ein Riesenspass. Eigentlich ist Sahwanna Berufsunteroffiziers-Anwärterin. Doch im Herbst tauscht sie den Tarnanzug jeweils für ein paar Wochenenden gegen ein Dirndl.

Vor vier Jahren kam sie während einer beruflichen Zwischenphase zum Oktoberfest-Service und ist seither begeistert dabei. Für die Einsätze nimmt sie sich jeweils extra frei. «Der Umgang mit den Leuten macht mir enorm viel Freude. In meinem Berufsalltag habe ich eine Führungsposition, die Hierarchien erlauben oft keinen lockeren Umgang miteinander», erzählt sie. Im Festzelt sei das anders: «Hier bin ich bei den Leuten und begegne ihnen auf Augenhöhe.»

«Es ist nicht nur: Ich bringe Essen, und gut ist»

Ihr Arbeitstag in Baden beginnt gegen 14 Uhr. Bevor die ersten Gäste eintreffen, werden die Tische abgestuhlt, geputzt und dekoriert. Bis zur Türöffnung am späten Nachmittag muss alles bereit sein. Beim Vorbereiten der Tische legt Sahwanna zu Besteck und Servietten auf den ihr zugeteilten Plätzen auch kleine Zettel, auf denen sie sich vorstellt. «Es ist nicht nur: Ich bringe Essen, und gut ist», sagt sie. Als Servicekraft sei man selbst Teil des Erlebnisses.

Auf ihren Tischen finden Gäste einen kleinen Vorstellzettel. Für besonders spendable Gäste gibt es auch mal einen Goodiebag.

Auf ihren Tischen finden Gäste einen kleinen Vorstellzettel. Für besonders spendable Gäste gibt es auch mal einen Goodiebag.Privat

Der Einsatz lohnt sich auch finanziell. «Viele der Gäste sind wirklich sehr spendabel. Auch deshalb arbeiten viele Deutsche hier, die auf der Wiesn keinen Platz bekommen haben oder denen es dort einfach zu stressig ist», erklärt Sahwanna. Die Gäste ein wenig um den Finger zu wickeln, gehöre aber auch dazu, verrät sie. Die deutschen Servicekräfte seien beim Thema Trinkgeld oft direkter. Bei Schweizer Gästen funktioniere es ihrer Erfahrung nach besser mit etwas Fingerspitzengefühl.

Besonders grosszügige Besucherinnen und Besucher überrascht die Thurgauerin auch mal mit kleinen Aufmerksamkeiten als Dankeschön: kleine Goodiebags mit Seifenblasen oder einem Glückskeks-Spruch. Die Leute freuten sich jeweils riesig. Wohl auch deshalb hat Sahwanna bereits Stammgäste, die nach ihr fragen. Manche erkennen sie noch vom Vorjahr und kommen gleich ins Gespräch.

«Die mühsamsten Gäste geben oft das beste Trinkgeld»

Am Abend ist die Gaudi in vollem Gange. Firmenanlässe, hie und da mal ein Promi, aber vor allem auch viele Einheimische sind jetzt in Feierlaune und schunkeln zur Schlagermusik. Ein reines Sauffest sei es aber nicht, stellt Sahwanna klar. Allgemein gehe es an Schweizer Oktoberfesten wohl ein wenig gesitteter zu und her als beim Original in München.

Einen Kotzhügel suche man hier vergebens und auch die Sicherheitskräfte kämen nicht an ihre Grenzen. «Vielleicht gibt es mal ein paar Pöbeleien, aber eine Schlägerei habe ich hier noch nie beobachtet.» Besonders die jüngeren Gäste seien in den meisten Fällen sehr anständig. «Ab und zu fällt ein dummer Spruch, manchmal versuchen Leute auch mich zu umarmen.» Nur einmal sei die Stimmung an einem Tisch derart gekippt, dass sie ihn an eine andere Servicekraft übergeben habe.

Ihre Erfahrungen aus dem Militär würden ihr dabei helfen, in einem turbulenten Umfeld ruhig zu bleiben und klare Grenzen zu setzen. Die Arbeit am Oktoberfest habe Sahwanna aber auch gezeigt, dass man Leute nicht vorverurteilen dürfe. «Die mühsamsten Gäste geben oft das beste Trinkgeld, auch wenn sie mich davor nur grimmig angeschaut haben», sagt sie. Auch deshalb falle es ihr leicht, immer freundlich zu bleiben.

Trainieren für die Masskrüge

Gegen 23 Uhr verabschieden sich dann die letzten Gäste. Danach wird noch einmal aufgeräumt, geputzt und abgebaut. Die Tage sind lang und anstrengend, Rückenschmerzen und Muskelkater seien für Sahwanna aber kein Thema. «Die meisten von uns fangen bereits im Sommer mit dem Training an, um auf die schweren Masskrüge vorbereitet zu sein.»

Nach dem Aufräumen ist es Zeit, herunterzukommen und die Ruhe im leeren Festzelt zu geniessen. Nun folgt für Sahwanna der schönste Moment des Tages. «Wenn nur noch das Team da ist, trinken wir noch etwas gemeinsam.» Dann lässt die Crew die kleinen und grossen Momente des Abends noch einmal Revue passieren. Für Sahwanna steht schon fest: Auch im nächsten Oktober wird sie wieder dabei sein.

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Shirin Camenisch

Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News

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