Gewaltsame Festnahmen in USA: Die Tricks der Abschiebepolizei, um Widerstand zu vermeiden

Nachdem die US-Abschiebepolizei ICE in den Städten massiven Widerstand provoziert hat, operiert die Behörde jetzt dezentral. Tausende sind betroffen.
Foto: reuters
Der Aufruhr war groß, als am vergangenen Freitag der 28 Jahre alte Oscar Belgal von einem ICE Beamten in der Bronx auf offener Straße und vor den Augen seines fünf Jahre alten Sohnes angeschossen wurde. Über das gesamte Wochenende fanden in ganz New York Anti-ICE- und Anti-Trump-Demonstrationen statt. Man war außer sich, dass Szenen wie diese, die man bislang nur aus Minneapolis, Chicago oder Los Angeles kannte, nun auch in der Stadt angekommen waren, die sich als die einwandererfreundlichste Stadt der USA begreift.
Dabei hätte man es eigentlich ahnen können. Der ICE-Terror in den Städten beherrscht zwar seit Monaten nicht mehr die Schlagzeilen. Doch ICE-Chef Tom Homan hatte sich erst eine Woche zuvor bei einer Pressekonferenz unnachgiebig gezeigt – insbesondere gegen die sogenannten Sanctuary Cities, Städte wie New York, Chicago, San Francisco oder Boston, die sich zum sicheren Hafen für Einwanderer ungeachtet ihres Aufenthaltsstatus erklärt haben. „Die Sanctuary Cities beherbergen und schützen Schwerverbrecher. Wir werden die Straßen dieser Städte fluten.“
Bei der gleichen Presskonferenz prahlte Homan mit den jüngsten Erfolgen seiner Behörde. Im Juni habe man 43.000 Menschen festgenommen, im Juli 49.000, im August 51.000 und im September sehe es auch nicht schlecht aus. Das war deutlich mehr als etwa zu Beginn des Jahres, als die ICE nach den Offensiven in Los Angeles und Minneapolis in aller Munde war. 39.694 waren es im Januar, 32.531 im März.
Der breite Widerstand in der Bevölkerung und die laute Kritik in den Medien hatte die ICE damals vorübergehend dazu bewogen, sich zurückzuziehen. Doch seit Beginn des Sommers findet eine größer angelegte Jagd auf Einwanderer statt als je zuvor. „Es ist mir egal, wie sehr ihr mich beschimpft oder als Nazi bezeichnet“, sagte Homan. „Wir verschwinden nicht. Wir werden weiterhin unseren Auftrag erfüllen.“
Sie kommen in kleinen Trupps und verschleppen Menschen
Um weniger Widerstand und öffentliche Empörung zu erregen, operiert die ICE seit Beginn des Sommers dezentral. Es gibt gezielte Aktionen von Maine über Wisconsin bis nach Arizona. Kleine Einheiten machen punktuelle Festnahmen und verschwinden so schnell wieder, wie sie gekommen sind.
So tauchte in Madison, Wisconsin plötzlich ein Trupp von fünf ICE-Männern in einem Waschsalon auf und verhaftete fünf Menschen, während diese ihre Wäsche machten. Angeblich waren sie allesamt Straftäter. Auf dem Video eines Mitkunden ist zu sehen, wie drei bullige ICE-Beamte den Kopf eines Jugendlichen gegen einen Seifenautomaten schlagen.
In Harrison, New Jersey schnappten sich ICE-Beamte einen türkischen Staatsbürger, der gerade vom Einkaufen nach Hause kam. Er wurde aus dem Wagen gezerrt, während er verzweifelt nach seiner Frau schrie. Der Mann war geschäftlich in die USA eingereist und hatte zwischenzeitlich ein Studentenvisum beantragt, das noch nicht genehmigt ist.
In einem herzzerreißenden Video, das von vielen Medien in den USA und Lateinamerika gezeigt wurde, ist zu sehen, wie sich in Florida in einem Krankenhauszimmer eine Tochter schreiend an ihre Mutter klammert, die gerade abgeführt wird. Beide waren nach einem Verkehrsunfall in die Notaufnahme eingeliefert worden, die Tochter hatte noch eine Infusion im Arm. Die beiden Ecuadorianerinnen hatten laufende Asylanträge, nachdem man in ihrer Heimat mehrfach versucht hatte, sie zu entführen. Mittlerweile wurden sie deportiert.
Bei der neuen Strategie der ICE, plötzlich im Alltag der Menschen aufzutauchen und sie zu verschleppen, kommt es immer häufiger zu Gewalt. Allein in diesem Sommer wurden 9 Menschen bei Schießereien getötet und 13 verletzt. Das größte Aufsehen erregte die Erschießung von Lorenzo Salgado Araujo auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte außerhalb von Houston. Salgado Araujo lebte seit 35 Jahren als unbescholtener Familienvater in Texas.
Tom Homan hat bereits angekündigt, Bemühungen von New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani und der Gouverneurin Kathy Hochul zu ignorieren, die ICE aus der Stadt zu verbannen. Und ihr verdeckter, leiser Auftritt macht es nicht einfacher, sie an ihrem Werk zu hindern. Die ICE-Männer, die Oscar Belgal anschossen, waren als Bauarbeiter verkleidet.
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Zohran Mamdani, Bürgermeister von NYC, kritisierte den Einsatz von ICE‑Agenten. Am Donnerstagabend schossen sie auf einen Mann, sein fünfjähriger Sohn saß daneben.
Von Johanna Sagmeister und Fabian Schroer
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