UNO-Generalversammlung – Bilanz UNO-Gipfelwoche: Katzenjammer bei den Vereinten Nationen

Es ist zu hören und zu spüren: Bei den Vereinten Nationen herrscht Katzenjammer. Das hat zu tun mit dem bevorstehenden Abgang von UNO-Generalsekretär António Guterres – «fin de règne» halt. Es hängt aber auch zusammen mit der dramatischen Finanzkrise der Weltorganisation, deren Angestellte oft nicht einmal wissen, ob ihr Lohn im nächsten Monat bezahlt wird.
Und es liegt daran, dass drei Gross- und Vetomächte – die USA, China und Russland – sich zentralen UNO-Prinzipien verweigern. Sie treten das Völkerrecht mit Füssen und nutzen ihre Macht aus. Rücksichtslos. Weshalb die UNO von Jahr zu Jahr ein bisschen irrelevanter wird.
Die UNO kann nur eines: Elend lindern
Die Organisation spielt zurzeit praktisch keine Rolle, wenn es darum geht, Kriege zu verhindern oder zu beenden: in der Ukraine, im Iran-Krieg, in Gaza, im Sudan, im Sahel, in Myanmar. Es sei denn als Hilfstruppe, die Not und Elend lindert. Das kann sie.
Einige der engagiertesten Reden waren während der UNO-Gipfelwoche von Staats- und Regierungschefs mittlerer und kleinerer Länder zu hören: aus Frankreich, Spanien und, ja, auch aus der Schweiz. Nicht von den Grossmächten: nicht vom US-Präsidenten, denn Donald Trump ist halt Donald Trump. Nicht von Russland – Staatschef Wladimir Putin boykottiert die Generaldebatte seit Jahren. Nicht von China, obschon Xi Jinping gerade nebenan in Washington war, die UNO aber ausliess.
Gefordert sind die Kleinen
Es liegt also an den Anderen, den Kleineren, der UNO und ihren Prinzipien wieder Kraft zu verleihen. Immerhin: Ein UNO-Austritt der Amerikaner ist kein Thema mehr. Und Trumps Friedensrat als Konkurrenz zum UNO-Sicherheitsrat ist bereits kläglich gescheitert. Zugleich fällt auf, dass China nicht in die Lücke springt, welche die USA als UNO-Führungsmacht hinterlassen. Peking fordert zwar mehr Einfluss, wenn es zum eigenen Vorteil ist. Aber vor jener Verantwortung, welche die USA einst wahrnahmen, schreckt China zurück.
Es gibt kaum eine globale Herausforderung, der sich die Weltorganisation nicht stellt: Menschenrechte, Entwicklung, Klimawandel, humanitäre Hilfe, Künstliche Intelligenz, Armutsbekämpfung, Bildung … Die Erfolge liegen meist weit hinter den Ambitionen zurück. Doch bei allem Wehklagen und aller Häme über die UNO: Ohne sie wäre die Welt nicht besser. Und wer jetzt vom Tiefpunkt der Weltorganisation spricht, hat einfach vergessen, dass sie in den düstersten Zeiten des Kalten Krieges weitaus wirkungsloser war als heute.
Die UNO steht für einen Traum
Gewiss: Misst man die Resultate an den Zielen, an der UNO-Charta, an den Standards der UNO, dann sind sie enttäuschend. Bloss: Soll man gleich den Massstab zerstören, weil einem die Messergebnisse nicht passen?
Im Grunde steht die UNO für einen Traum. Für den Traum, dass eine bessere Welt möglich ist. Im Moment spricht gerade wenig dafür. Aber träumen darf man. Und die Hoffnung einfach fahrenzulassen, ist auch kein Rezept.
Fredy Gsteiger
Diplomatischer Korrespondent
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Fredy Gsteiger ist diplomatischer Korrespondent und stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».
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