Geschichte des Berliner Gendarmenmarktes: Die französischen Gründungen gingen schief

Vor 250 Jahren wurde am Berliner Gendarmenmarkt ein französisches Theater eröffnet. In der DDR wollte Peter Hacks dort ein eigenes französisches Theater haben.
Foto: ullstein bild
Es war, wie etwa der „Geschichte der Berliner Theater“ von 1899 zu entnehmen ist, Friedrich der Große, der den Befehl gab zum Bau eines Theaters. Ungefähr da, wo heute in Berlin das Konzerthaus steht, entstand ein Gebäude mit über tausend Plätzen. Der Ort lag außerhalb der Stadtmauern inmitten der Friedrichstadt, einem Zentrum hugenottischer Zuwanderung.
1685 hatte der Große Kurfürst mit dem Edikt von Potsdam den Zuzug der Flüchtlinge aus Frankreich kräftig befördert, ab 1688 wurde die Friedrichstadt als neue Vorstadt geplant und errichtet. Mittendrin ein Platz, auf dessen südlicher Seite eine deutsche Kirche errichtet wurde und eine französische auf der nördlichen. Beide Kirchen hatten zunächst noch keine Türme – die kamen erst 1785, zu ausschließlich dekorativen Zwecken. Ihre Kuppeln – französisch: Dôme – sorgten für die inzwischen etablierte Bezeichnung Deutscher und Französischer Dom.
Schon früher also war die heutige stadträumliche Figur – zwei Kirchen, ein Theater – auf dem Platz vollendet: „Prophete links, Prophete rechts – das Weltkind in der Mitten“, wie die Berliner in Aneignung eines Goethe-Wortes spotteten.
Berlin französisch machen
Obwohl die Berliner Hugenotten damals eine veritable Parallelgesellschaft errichten durften mit eigenen Schulen, Krankenhaus, Diakonie, Gericht, Friedhöfen und ungestörtem Gebrauch der französischen Sprache, gehörte das Theater nicht zu diesen Einrichtungen. Hier bestimmte allein der frankophile Friedrich II. So kam das Französisch auf die neue Bühne: Mit Pierre Corneilles Märtyrerstück „Polyeucte“ wurde sie am 22. April 1776 eröffnet.
Die in Ulm erscheinende Teutsche Chronik vermerkte am selben Tag missfällig, dass die Schauspieler auf dem Wege seien, „das ohnehin schon halb französische Berlin vollends ganz französisch zu machen“. Und das Blatt berichtete („Ein Kontrast“), dass „unser teutscher Kaiser Joseph neulich zum Leidwesen aller Französlinge in Wien das ganze französische Theater“ zurückgeschickt habe nach Paris.
Doch auch in Berlin war die Freude am neuen Haus mit seiner Giebelinschrift „Ridentur et corriguntur mores“ („Die Sitten mögen belacht und verbessert werden“) nur von kurzer Dauer. Zuerst hatte der Monarch den Intendanten angewiesen – wie Adalbert Behr und Alfred Hoffmann 1984 in ihrem Buch zum Schauspielhaus belegen – eine schon zuvor in Berlin tätige französische Schauspieltruppe zu entlassen und ein neues Ensemble einzustellen: Er solle „das schlechte Crop, so jetzt noch bei dem französischen Theater ist, je eher, je besser wegschaffen“ und durch „ordentliche und geschickte Leute“ ersetzen, denen gleich Verträge für vier bis sechs Jahre gegeben werden sollten.
Dann aber ließ er das Theater nach nur zwei Jahren, in denen dreimal die Woche Racine, Corneille und Voltaire gespielt worden war, aber auch Kinderballett und sogenannte Divertissements, schon wieder schließen. Der König teilte dem Intendanten mit, dass er die Schauspieler zu entlassen habe und auch selbst von der Gehaltsliste gestrichen sei: „Die gegenwärtigen Conjuncturen bereiten auf ernstere Szenen vor. Man kann sehr gut der komischen entbehren.“ Der König plante, Österreich den Krieg zu erklären.
Das Ende des Französischen Komödienhauses war besiegelt. Das Gebäude stand leer, wurde für die Pfropfenproduktion genutzt, nach einigen Jahren aber – am 5. Dezember 1786 – auf Geheiß des neuen Königs Friedrich Wilhelm II. wiedereröffnet und bald darauf als „Königliches Nationaltheater“ geführt. Hier sprach man Deutsch.
Wiederaufbau des Ensembles
200 Jahre nach Eröffnung des Französischen Komödienhauses, im Frühjahr 1976, beschließt die SED, den schon früher angekündigten Wiederaufbau des kriegszerstörten Ensembles auf dem Gendarmenmarkt, der zu DDR-Zeiten Platz der Akademie hieß, nun tatsächlich umzusetzen. Als Erstes lässt die DDR die Französische Kirche wiedererstehen – klammheimlich finanziert mit Steuermillionen aus dem Westen, abgesprochen zwischen Diakonie West, Kirche Ost und den DDR-Devisenbeschaffern unter Alexander Schalck-Golodkowski. 5,5 Milliarden DM werden hier im Laufe der Jahrzehnte bewegt, zum Nutzen der Kirchen und zum Freikauf von Gefangenen.
Objekt Nr. 26 in einem 100 Millionen DM schweren Sonderbauprogramm für die Rekonstruktion von Kirchen und den Bau von Gemeindezentren in den Neubauvierteln der DDR ist die Französische Friedrichstadtkirche.
Jetzt kommt Peter Hacks ins Spiel. Der lange in Ost wie West erfolgreiche Dramatiker („Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“) will ein eigenes Haus. So wie Brecht eines hatte mit dem Theater am Schiffbauerdamm („Berliner Ensemble“). Und dafür schwebt ihm der eben neu entstandene Kirchsaal der Hugenotten vor.
Hacks, ebenso streitlustig wie umstritten, geht mit Unterstützung des Freundes und Theologen Walter Beltz – Hacks-Biograf Ronald Weber nennt ihn einen „Strohmann“ – auf die Hugenottengemeinde zu. Der von Beltz unterzeichnete, aber nach Webers Recherche auf Hacks' Schreibmaschine entstandene Brief an das „hochverehrte Konsistorium“ vom 12. März 82 schlägt der Gemeinde die Gründung eines Französischen Theaters vor, das sich vornimmt, „in seinem Wirken publikumsfreundlich und erfolgreich zu sein und sich jedes Zugeständnisses an spätbürgerliche Modernismen zu enthalten“.
Hacks, der Klassiker der DDR, will die französischen Klassiker spielen: Corneille, Racine und Molière, aber auch deutsche Klassik – Goethe – und natürlich reichlich Hacks selbst.
Die Gemeinde ist damals aber gar nicht Herr im eigenen Haus. Sie hatte die Ruine für 30 Jahre an den Bund der Evangelischen Kirchen der DDR übertragen und ihr damit die Begleitung des Wiederaufbaus angedient. Dennoch ist es die Gemeinde, die den Brief beantwortet. Eine gelegentliche Nutzung für Aufführungen erscheint dem Konsistorium durchaus denkbar. Doch hat man gravierende Bedenken wegen des absehbaren Konflikts zwischen Theaterbetrieb und kirchlichen Aktivitäten.
Eine feuchtfröhliche Stunde
Und die Gemeinde schiebt noch ein juristisches Argument gegen das Projekt vor: Die der Gemeinde einst „aufgrund landesherrlicher Hoheitsakte verliehenen Privilegien“ gestatteten ihr ausschließlich kirchliche und diakonische Aktivitäten – sie sei nicht befugt, die Trägerschaft für eine kulturelle Einrichtung zu übernehmen. Das war ein denkbar schwacher Einwand, betrieb die Gemeinde doch längst eine kulturelle Einrichtung, nämlich das Hugenottenmuseum.
Beim Bund der Evangelischen Kirchen gab es zunächst eine etwas größere Offenheit: „vielleicht braucht man ab und zu Träumer, die uns alle aus eingefahrenen Geleisen herauslocken. Ich halte es in der Tat für erwägenswert, der französischen Theaterkultur einen ständigen Platz zuzuweisen“, heißt es in einem kircheninternen Vermerk. Andere Kirchenmänner halten Gespräche mit Hacks allerdings für „ziemlich sinnlos“ oder den Antrag gar für das „Produkt einer etwas feuchtfröhlichen Stunde“.
Die Absage der Hugenottengemeinde vom 14. Juli 82 bleibt das letzte Wort in dieser Sache.
Die Trauerfeier für den Atheisten Peter Hacks findet am 4. September 2003 in der Französischen Friedrichstadtkirche statt. Unter den Gästen neben Beltz viele aus der DDR-Kulturszene: Volker Braun, Eberhard Esche, Christoph Hein, Klaus Höpcke, Hermann Kant, Wolfgang Kohlhaase, Werner Mittenzwei.
Auf den Prominentenfriedhof an der Chausseestraße wollte Hacks nicht. Dort liegt auch Heiner Müller, mit dem sich Hacks längst überworfen hatte. Sein Verleger Matthias Oehme zitiert seine Gründe: „Ich habe mir mit Heiner Müller nicht so viel zu erzählen, dass es für eine Ewigkeit reichen würde.“
Und so wird Hacks auf dem zweiten Friedhof der Hugenotten beigesetzt, in der Liesenstraße, nur wenige Meter entfernt von Theodor Fontane.
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