Mit 38 erblindet – Wenn das Augenlicht schwindet, aber die Lebenslust bleibt

Wegen einer starken Netzhaut-Erkrankung ist Edith Sidler vor zwei Jahren erblindet. Am Internationalen Tag des weissen Stocks, einem Aktionstag für blinde und sehbehinderte Menschen, erzählt die 40-Jährige von täglichen Herausforderungen – und gibt Einblick in eine Welt, die sehende Menschen nur schwer nachempfinden können.
Edith Sidler
Podcasterin
Edith Sidler leidet an «Retinitis pigmentosa», einer schweren Erkrankung der Netzhaut. Ihr Augenlicht hat zunehmend abgenommen, bis sie vor zwei Jahren vollständig erblindet ist. In ihrem Podcast «Imblindpunkt» spricht sie über das Leben mit einer Sehbehinderung.
SRF: Wenn Sie als Bundesrätin etwas für blinde Menschen in der Schweiz verändern könnten – was wäre es?
Edith Sidler: Ich würde die Gesellschaft stärker sensibilisieren, damit es wieder stärker ein Miteinander wird.
Wir müssen die für uns schwierigen Themen gemeinsam ansprechen und versuchen, bessere Lösungen zu finden.
Ist es denn mehr ein Gegeneinander?
Zusammen eine gute Lösung zu finden, heisst, aufeinander zuzugehen. Wenn eine blinde Person an einem Bahnhof Unterstützung benötigt, ist das schwierig, weil sie die anderen Menschen nicht sieht. Da müssten die anderen Menschen auf uns zugehen.
Ich vermisse es, meinen Kindern in die Augen schauen und sagen zu können: Es ist gut so, wie du bist.
Viele haben aber eine Hemmschwelle und trauen sich nicht, uns anzusprechen. Das ist schade, denn so kommt man gar nicht erst ins Gespräch.
Was sind die grössten Herausforderungen für die Blinden im Alltag?
Es ist wichtig, dass die Trottoirs und taktilen Markierungen für blinde und sehbehinderte Menschen freigehalten werden. Trotzdem stellen Restaurants immer wieder Tische darauf. Oder Menschen unterhalten sich und merken gar nicht, dass sie auf diesen wichtigen Markierungen für blinde und sehbehinderte Menschen stehen.
Das ist wirklich ein grosses Hindernis, darauf muss immer wieder hingewiesen werden.
Gibt es auch Sachen, die besser geworden sind?
Der Zugang zur digitalen Welt hat sich extrem verbessert. Gleichzeitig ist alles schneller geworden, das ist für uns wiederum eine Barriere.
Sie sind seit zwei Jahren komplett blind. Was vermissen Sie?
Ich vermisse es, meine Kinder aufwachsen zu sehen. Zu sehen, wie sie glücklich ihre Lehrabschlussprüfung bestehen, vielleicht ins Militär gehen oder einfach gross werden. Und ich vermisse es, ihnen in die Augen schauen und sagen zu können: Es ist gut so, wie du bist.
Das Urvertrauen in mich gibt mir die Kraft, einfach weiterzumachen.
Der Verlust des Augenlichts ist wie ein Trauerprozess. Man verliert etwas Geliebtes. Deshalb habe ich mit einer Kollegin einen Podcast gestartet. Darin sprechen wir über das Erfahrene und geben wichtige Informationen niederschwellig an die Gesellschaft weiter.
Gleichzeitig hört man in Ihrer Stimme eine unglaubliche Lebensfreude. Woher nehmen Sie die?
Etwas sehr Wichtiges, das mir meine Eltern mitgeben haben und das mein Mann und meine Kinder weitertragen, ist das Vertrauen in mich.
Das Vertrauen, dass ich es gut kann, dass ich es richtig mache und ich meinen Weg so gehe, wie ich es für mich richtig finde. Dieses Urvertrauen gibt mir die Kraft, einfach weiterzumachen.
Das Gespräch führte Stefan Siegenthaler.
Radio SRF 1, «Morgengast», 15.10.2026, 7:15 Uhr ; bachofno;weds
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