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Sunday, November 1, 2026

Arbeitskampf in der Türkei: Berufliche Abwehrkräfte stärken

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Arbeitsrechte müssen in der Türkei hart erkämpft werden. Für Minderheiten kann das gefährlich sein, wie ein Streik in einem Privatkrankenhaus zeigt

D ie Radiologietechnikerin Kader Güneşdoğdu sitzt in einem Vorstellungsgespräch. Gefragt wird sie nicht nur nach ihrer Arbeit. Es geht um Politik, Haltung – und das Gespräch zeigt, wie schnell Herkunft und Identität in der Türkei einen verdächtig machen. Denn dann, erzählt sie später, habe man von ihr wissen wollen: „Sind Sie Alevitin oder Sunnitin?“ Die Absage, die auf das Gespräch folgt, klingt zunächst fast höflich. Man nehme derzeit kein Personal auf, heißt es. Aber dann fällt der Satz, der zeigt, worum es eigentlich geht: „Sie haben ja gestreikt.“

Der Arbeitskampf, um den es dabei geht, begann am 10. November 2025 im privaten Krankenhaus Özel Okmeydanı Hastanesi in Istanbul. 51 Tage lang weigerten sich Beschäftigte dort, das Gebäude zu verlassen, um so ihre Ansprüche auf ausstehende Löhne und Abfindungen durchzusetzen. Am Ende bekamen sie ihr Geld. Doch Kader haftet seitdem nicht nur ihre kurdisch-alevitische Herkunft an, sondern auch ihre politische Haltung: Wer einmal gestreikt hat, wird vielleicht wieder seine Rechte einfordern. Für sie ist klar: Den Kampf um ihr Geld hat sie gewonnen. Den Kampf um ihre Zukunft noch nicht.

In den Wochen des Arbeitskampfes haben Kader Güneşdoğdu und Eylem Göktaş im Krankenhaus geschlafen, gewartet, diskutiert, telefoniert, Anwälte eingeschaltet, Unterstützer gesucht und Polizisten erklärt, warum sie nicht gehen wollten. Am Ende bekamen sie, was ihnen nach eigener Darstellung zustand: ausstehende Löhne, Abfindungen, offene Ansprüche. Ein Erfolg, könnte man sagen.

Doch in der Türkei kann selbst ein gewonnener Arbeitskampf zur Belastung werden. Wer einmal gezeigt hat, dass er seine Rechte kennt, gilt danach schnell als Risiko. Für Kader und Eylem endet der Streik deshalb mit der Auszahlung nicht. Er beginnt von neuem, jedes Mal, wenn sie sich um eine neue Stelle bewerben, jedes Mal, wenn ein Krankenhaus fragt, wer sie sind, wo sie gearbeitet haben und warum sie dort nicht mehr arbeiten.

Angeblich bauliche Probleme

Aber wie fing das alles an? Am 10. November 2025, erzählt Kader Güneşdoğdu, habe die Leitung des Özel Okmeydanı Hastanesi die Beschäftigten zusammenrufen lassen. Dann habe nicht eine leitende Ärztin und Arzt, ein technischer Gutachter oder jemand aus der Gesundheitsbehörde mit den Beschäftigten gesprochen, sondern ein Finanzberater der Unternehmensleitung.

Er habe ihnen mitgeteilt, dass das Krankenhaus geschlossen werde. „Wir räumen das Krankenhaus, es ist nicht erdbebensicher“, habe es geheißen. Für Kader ist schon die Art, wie den Beschäftigten die Schließung mitgeteilt wurde, fragwürdig. Man hört ihr noch an, wie wütend sie darüber ist, dass man die Schließung eines Krankenhauses mit fast 200 Beschäftigen auf diese Weise begründen wollte: „Die Entscheidung lässt man den Finanzberater treffen?“, sagt sie, die Handflächen fragend nach oben gedreht.

Es wurde ein kurzes Video von einer beschädigten Stelle im Gebäude gezeigt, so schildert es Kader. „Mit diesem sieben Sekunden langen Video begründete der Vorstand: Ihr holt das Personal raus, ihr räumt das Krankenhaus, wir schließen.“

Streik bedeutet im Stadtteil Okmeydanı: Menschen kommen vorbei, bringen Essen, stellen Kontakte her, rufen andere an, schicken Anwälte, informieren politische Gruppen

Den Beschäftigen sei vor der Schließungsankündigung weder ein Gutachten noch eine ausführliche technische Prüfung vorgelegt worden, sagt Kader. „Normalerweise müsste man Bohrkerne entnehmen“, sagt Kader. „Das ist nichts, worüber man in ein, zwei Tagen entscheiden kann.“ Stattdessen sei ihnen ein Angebot gemacht worden, das für sie keins war: drei Monate unbezahlter Urlaub, später werde man weitersehen.

Kader Güneşdoğdu ist 1983 in Dersim, offiziell Tunceli, geboren. Für viele Aleviten und Kurden ist die Region bis heute eng mit der brutalen Niederschlagung eines Aufstands dort durch das Militär 1937/38 verbunden, sie steht für eine Geschichte von Misstrauen und Widerstand. Auch heute ist die Glaubensgemeinschaft der Aleviten in der Türkei nicht vollständig anerkannt. Ihre Versammlungshäuser „Cemevi“ gelten staatlich nicht als reguläre Gebetsstätten.

Kader Güneşdoğdu kennt das Krankenhaus Özel Okmeydanı Hastanesi gut. Seit 18 Jahren und neun Monaten arbeitet sie dort als Radiologietechnikerin. Für sie bedeutet die Schließung deshalb nicht nur den Verlust eines Arbeitsplatzes. Es ist der Moment, in dem ein Ort, an dem sie den Großteil ihres Berufslebens verbracht hat, über die Köpfe der Beschäftigten hinweg abgewickelt werden soll.

Eylem Göktaş arbeitet seit etwa neun Jahren in der Epilationsabteilung. Auch für sie ist das Krankenhaus mehr als eine Adresse in einem Arbeitsvertrag. Sie und Kader kennen einander, viele Patientinnen und Patienten kommen nicht nur wegen der Klinik, sondern wegen der Menschen, die dort arbeiten. „Alle Patienten, die ins Krankenhaus kommen, kommen wegen uns“, sagt Eylem. „Sie kennen uns. Wir helfen allen, die kommen, egal wer sie sind.“ Das Krankenhaus ist nicht nur ein Betrieb, sondern ein Ort, an dem Arbeit, Nachbarschaft und gegenseitige Hilfe ineinandergreifen.

Noch am selben Tag, an dem die Schließung verkündet wird, begreift Eylem Göktaş: Wenn sie das Gebäude verlassen, verlieren sie mehr als ihre Schlüssel. Sie verlieren das einzige Druckmittel, das sie gegenüber denen haben, die das Krankenhaus leiten. „Unsere letzten drei Monatsgehälter wurden nicht gezahlt“, sagt Kader. Es ist der Moment, in dem aus Beschäftigten Streikende werden.

Eylem ruft Kader an. Sie müsse kommen, das Krankenhaus werde geschlossen, die Beschäftigten würden vor die Tür gesetzt. Allein würden sie das Gebäude nicht halten können. Kader kennt das Krankenhaus, das Viertel, und hat Erfahrung mit politischen Auseinandersetzungen. Eylem kennt die Menschen im Haus, ihre Sorgen und ihre Ängste. Gemeinsam tun sie, was die Geschäftsführung offenbar nicht erwartet hat: Sie gehen nicht. Sie sprechen mit Kolleginnen und Kollegen, rufen Anwälte an, nehmen Kontakt zur Gewerkschaft auf.

Noch am selben Tag weicht die Verunsicherung und die Streikenden sortieren sich. Wenn sie jetzt gehen, werden sie einzeln verhandeln müssen. Wenn sie aber bleiben, ist der Konflikt nicht schon vorbei, bevor er begonnen hat. „Wenn wir an diesem Tag nicht unsere Stimmen erhoben hätten, wäre die Sache vorbei gewesen“, sagt Eylem. So beginnt ein Streik, der 51 Tage dauern wird.

Dass aus der Schließung des Krankenhauses ein Streik wird, hat auch mit dem Ort zu tun, in dem das Gebäude liegt. Anders als die glänzenden Viertel am Bosporus steht das Viertel Okmeydanı für ein Istanbul, in dem Migration, Armut, Arbeiterbewegung und Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Vertretern eng beieinanderliegen. Kader nennt Okmeydanı einen Ort des Kampfes und des Widerstands.

„Die Soziologie des Kampfes ist dort sehr stark“, sagt sie. Das klingt groß, fast pathetisch, aber Kader meint es praktisch. Streik bedeutet in Okmeydanı: Menschen kommen vorbei, bringen Essen, stellen Kontakte her, rufen andere an, schicken Anwälte, informieren politische Gruppen. Aus einem Arbeitskonflikt wird eine öffentliche Angelegenheit. Für Kader liegt darin ein Teil des Erfolgs. „Die Energie dieses Ortes und die daraus entstandenen Synergien waren für diesen Widerstand sehr wichtig.“

Die Polizei ist von Anfang an da. Die Krankenhausleitung habe die Beschäftigten als Terroristen dargestellt, erzählen die beiden, als Leute, die das Gebäude besetzt und geplündert hätten. Die Streikenden weichen nicht zurück. Sie erklären den Beamten, warum sie bleiben: wegen ausstehender Löhne, zu zahlender Mieten, zu begleichender Rechnungen, hungriger Kinder. „Wir sind hier, um unser Recht zu bekommen“, sagt Kader zu den Polizisten. „Wenn unsere Rechte heute ausgezahlt werden, gehen wir heute hier raus.“

Die Beschäftigten stehen nicht mehr nur der Geschäftsführung gegenüber. Gegen sie stehen jetzt ein ganzes Unternehmen und die Polizei, die droht, das Gebäude zu räumen. Doch parallel entsteht Rückhalt: Nachbarschaft, Gewerkschaft, Anwälte, Öffentlichkeit. Genau darin liegt die politische Bedeutung dieses Streiks. Arbeitsrechte gelten in der Türkei oft nicht einfach, weil sie im Gesetz stehen. Sie werden erst wirksam, wenn Menschen bleiben, obwohl sie gehen sollen, und wenn andere dafür sorgen, dass sie dabei nicht allein bleiben.

Die Geschäftsführung setzte darauf, dass die Beschäftigten nicht zusammenhalten und aufgeben, erzählt Kader. Einige hätten keine Erfahrung mit Arbeitskämpfen gehabt, kein Vertrauen in das eigene Durchhalten. Also sprechen Kader, Eylem und andere immer wieder mit ihnen, erklären, überzeugen, halten sie im Gebäude. „Jeden Tag machten wir gemeinsam einen Plan“, sagt Kader. Aus einem eigentlich geschlossenen Krankenhaus wird so ein Ort, an dem weiter gearbeitet wird – nur anders.

Nicht alle verstehen, warum die Streikenden bleiben. Auch aus dem privaten Umfeld kommen Zweifel. Bekannte sagen ihnen, sie sollten nehmen, was man ihnen anbiete, und nach Hause gehen. Darin liegt die Härte des Arbeitskampfs. Die Epilationsfachkraft und die Radiologietechnikerin müssen nicht nur gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber bestehen. Sie müssen auch den Satz aushalten, der jeden Arbeitskampf von innen angreift: Es bringt doch nichts.

Während Eylem und Kader daran arbeiten, die Streikenden zusammenzuhalten, arbeitet die Gegenseite daran, sie auseinanderzubringen. Wenn Kader davon erzählt, wird ihr Ton härter. Sie zählt die Methoden der Gegenseite fast protokollarisch auf: Kolleginnen und Kollegen seien einzeln angerufen, eingeschüchtert, gegeneinander ausgespielt worden. „Sie fingen an zu drohen“, sagt sie lauter, fast wütend.

Die Einschüchterung bleibt nicht abstrakt. Vor dem Krankenhaus steht die Polizei, die Geschäftsführung spricht von Besetzung, die Beschäftigten von offenen Ansprüchen. Damit aus dem Bleiben kein bloßes Warten wird, stürzen sich die Kolleginnen und Kollegen in den Streik: Aufgaben verteilen, Unterstützer anrufen, mit der Presse sprechen.

Dann wird aus reinem Druck richtige Gefahr. In der Nacht zum 13. Dezember 2025 fallen auf das Krankenhaus Schüsse. Medien berichten später von maskierten Angreifern, die gegen drei Uhr morgens den Eingang der Klinik beschießen; am Tatort werden 18 Patronenhülsen gefunden. Die Beschäftigten schreiben den Angriff der Şafak-Gruppe zu, die das Krankenhaus betreibt. In Berichten und Hintergrundgesprächen ist dagegen von einer im Viertel aktiven Gruppe die Rede.

Kolleginnen und Kollegen seien einzeln angerufen, eingeschüchtert, gegeneinander ausgespielt worden

Nach dem Angriff gibt Kader für die Beschäftigten eine Erklärung ab. „Jetzt habt ihr auf uns geschossen“, sagt sie. „Das ist keine Geldfrage mehr. Das ist eine Frage der Würde.“

Wer verstehen möchte, warum die Beschäftigten der Schließung von Anfang an misstrauen, muss auf die Organisation schauen, die das Krankenhaus betreibt. Die Şafak-Gruppe ist nicht nur der Arbeitgeber von Kader und Eylem. Sie ist Teil eines privaten Gesundheitssektors, in dem staatliches Geld, politische Nähe und unternehmerisches Risiko eng ineinandergreifen. Mehrere türkische Medien berichteten bereits 2024, dass die Gruppe nach hohen Strafen der Sozialversicherungsbehörde SGK in finanzielle Schieflage geraten sei und ein sogenanntes Konkordato beantragt habe.

Das ist ein gerichtliches Schutzverfahren für Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten. Es kann dem Unternehmen Zeit verschaffen, Schulden zu ordnen, Zahlungen aufzuschieben und sich vor direkten Vollstreckungen zu schützen. Für Beschäftigte heißt das: Der Arbeitgeber, der ihre Arbeit organisiert hat, wird zum Schuldner ihrer offenen Ansprüche.

Lukratives Geschäft mit Verlegung Neugeborener

Die Strafen, die die SGK dem Krankenhaus auferlegt hatte, stehen im Zusammenhang mit dem sogenannten Yenidoğan-Çetesi-Komplex. Dabei geht es um den Vorwurf, dass Neugeborene aus Profitinteresse in private Kliniken verlegt oder dort länger als medizinisch nötig behandelt worden sein sollen. Für private Krankenhäuser konnte das ein lukratives Geschäft sein, weil über die SGK abgerechnet wurde. Die Şafak-Gruppe wurde in diesem Zusammenhang mit hohen Strafzahlungen belegt.

Politisch aufgearbeitet ist der Komplex bis heute nicht. Ein parlamentarischer Vorstoß zur Untersuchung des Yenidoğan-Çetesi-Komplexes im Oktober wurde mit Stimmen der AKP und MHP abgelehnt. Die CHP-Politikerin Zeliha Aksaz Şahbaz kritisierte, im Verfahren stünden vor allem Beschäftigte vor Gericht, während Besitzer der Kliniken und zuständige öffentliche Stellen nicht im Zentrum juristischer Untersuchungen stehen.

In Gesprächen mit Beteiligten wird regelmäßig auf eine familiäre Verbindung des Şafak-Eigentümers Seçim Öztürk in die Politik verwiesen. Seine Tochter Ceyda Öztürk sei mit Sinan Buğra Adan verheiratet, dem Sohn des MHP-Politikers Celal Adan. Für sich genommen beweist das keine politische Einflussnahme. Im Kontext der SGK-Ermittlungen, der Strafzahlungen und der späteren Schließung des Krankenhauses wird diese Nähe jedoch Teil der Frage, warum Beschäftigte wie Kader und Eylem dem Netz um den Betreiber so wenig vertrauen.

Die Begründung der Schließung mit Erdbebengefahr, die den Mitarbeitenden gegeben wurde, ist also nicht der Anfang dieser Geschichte. Dokumente der türkischen Sozialversicherungsanstalt SGK, die der taz vorliegen, zeigen: Mehrere Einrichtungen aus dem Umfeld der Şafak-Gruppe standen schon vor der Schließung des Özel Okmeydanı Hastanesi im Fokus der Behörden. In einem Schreiben an die Staatsanwaltschaft Büyükçekmece vom 25. Oktober 2024 werfen SGK-Prüfer den Kliniken auffällig hohe und nahezu durchgehend wahrheitswidrige Abrechnungen vor. Besonders deutlich wird das bei Augenbehandlungen: Von 33.215 abgerechneten Laser-Iridotomien sei nur bei 140 Patientinnen und Patienten eine passende Diagnose festgestellt worden. Die Gefahr lauert also nicht im Beton des Gebäudes, sondern in den Büchern der Klinik.

Sicherheit als Vorwand

Dieser Hintergrund ist es also, der die Beschäftigten bezweifeln lässt, dass die Erdbebensicherheit der alleinige Grund für die Schließung war. Bauliche Probleme können zwar erklären, warum ein Krankenhaus geschlossen wird. Sie erklären aber nicht, warum Löhne, Abfindungen und andere Ansprüche verfallen sollen.

Auch die İstanbul Tabip Odası, die Ärztekammer Istanbul, kritisierte das Vorgehen. Ihr Vorsitzender Dr. Osman Küçükosmanoğlu sagte sinngemäß, ohne ernsthafte und wissenschaftlich korrekte Analyse könne man nicht mit ein paar Putzrissen und rostigem Eisen begründen, ein Gebäude sei nicht erdbebensicher. Entscheidend sei aber vor allem die arbeitsrechtliche Frage: „Bei Entlassungen müssen die aus dem Arbeitsrecht entstehenden Entschädigungen gezahlt und die aufgelaufenen, zurückgehaltenen Forderungen sofort beglichen werden.“ Für Kader und Eylem ist das der Kern des Streits. Nicht ob ein Krankenhaus sicher sein muss, sondern ob Sicherheit als Begründung dienen kann, Beschäftigte loszuwerden, ohne sie zu bezahlen.

Nach den Schüssen ist der Streik nicht vorbei. Im Gegenteil: Die Beschäftigten beschließen, den Druck auf die Şafak-Gruppe zu erhöhen. Ihr Protest soll nicht länger auf das Krankenhaus in Okmeydanı beschränkt bleiben. Kader und Eylem erzählen, dass die Streikenden damals beschließen, künftig regelmäßig vor anderen Krankenhäusern des Betreibers zu demonstrieren, bis ihre Forderungen erfüllt würden. Auch Journalistinnen und Journalisten laden sie zu den Kundgebungen ein. Sie wollen verhindern, dass ihr Arbeitskampf hinter den Mauern eines geschlossenen Krankenhauses unsichtbar bleibt.

Doch so weit kommt es nicht. Bereits nach der ersten Kundgebung vor einem anderen Krankenhaus gibt die Şafak-Gruppe nach. Nach 51 Tagen endet der Arbeitskampf. Die Beschäftigten erhalten die ausstehenden Zahlungen und weitere Ansprüche, für die sie gekämpft hatten, werden erfüllt.

Kader und Eylem verlassen das Krankenhaus. Für einen Moment sieht es so aus, als habe sich das Bleiben gelohnt. Sie haben nicht gewartet, bis jemand entscheidet, was von ihrem Recht übrig bleibt. Sie haben es eingefordert. Doch der Erfolg ist nicht das Ende der Geschichte. Er ist der Punkt, an dem eine neue beginnt.

Denn wer in der Türkei sichtbar um Rechte kämpft, verschwindet danach nicht einfach wieder in den Arbeitsmarkt. Kader sagt: „Ohne den Streik hätten wir unser Recht nicht bekommen.“ Für sie ist der Arbeitskampf deshalb mehr als nur eine Methode, Löhne einzutreiben. Er ist eine Erfahrung darüber, wie Rechte in der Praxis entstehen – nicht allein im Gesetz, sondern im Konflikt.

Bei Kader und Eylem reichen diese Erfahrungen tiefer als dieser Streik. Herkunft und Identität bleiben in der Türkei selten privat und können schnell gegen einen verwendet werden. Kader und Eylem sind Aleviten, Kurdinnen und vor allem Frauen. Kader sagt, das Gefühl, auf einer schwarzen Liste zu stehen, kenne sie nicht erst seit dem Arbeitskampf. Der Streik fügt dieser Erfahrung nur ein weiteres Kapitel hinzu.

Kader und Eylem haben bekommen, was ihnen zustand. Ein Happy End ist das trotzdem nicht. Der Arbeitskampf hat gezeigt, dass Rechte durchgesetzt werden können, aber auch, dass diejenigen, die sie sichtbar einfordern, dafür später einen Preis zahlen können.

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