Fake-Flirt, echte Erpressung: Banden nehmen Jugendliche aus

- Sextortion trifft überproportional oft junge Männer – in der Schweiz waren 2025 neun von zehn geschädigten Personen männlich.
- Kriminelle Banden locken weltweit Jugendliche mit Fake-Profilen auf Dating-Apps und sozialen Netzwerken in die Falle.
- Zahlen aus Südaustralien zeigen die Dimension auf: Im Finanzjahr 2025/26 wurden über 217'000 australische Dollar erbeutet, ein Opfer verlor allein 53'000 Dollar.
Der Kontakt beginnt oft mit einem attraktiven Profil auf einer Dating-App oder in sozialen Netzwerken. Nach kurzer Zeit fordert die vermeintliche Bekanntschaft intime Bilder. Wer sie schickt, erhält Drohungen: zahlen oder die Aufnahmen gehen an Familie und Freunde.
Mehr Opfer, mehr Geld erbeutet
Die Polizei des australischen Bundesstaates Südaustralien (Sapol) erhielt im Finanzjahr 2025/26 220 Meldungen von männlichen Opfern sexueller Bilderpressung und Sextortion, nach 170 im Vorjahr. Der finanzielle Schaden, den die Täterinnen und Täter in diesem Zeitraum anrichteten, belief sich laut Sapol auf 217'000 australische Dollar, verglichen mit 107'000 Dollar im Vorjahr. Besonders drastisch: Ein einziges Opfer verlor 53'000 Dollar.
Was ist Sextortion?
Sextortion steht für «sexual extortion», also sexuelle Erpressung. Täterinnen und Täter bringen ihre Opfer dazu, intime Bilder oder Videos zu schicken, oder sie verwenden manipuliertes Material. Danach drohen sie mit einer Veröffentlichung oder damit, die Aufnahmen an Familie und Freunde zu senden.
Meist verlangen die Kriminellen Geld, teilweise auch weitere intime Bilder. Fachstellen raten Betroffenen, nicht zu zahlen, den Kontakt abzubrechen, Beweise zu sichern und Hilfe zu holen.
Drei von vier Sextortion-Opfern sind laut Sapol Männer, ein Muster, das sich landesweit wiederholt – auch in der Schweiz (siehe unten). Auf nationaler Ebene registrierte die eSafety Commission, Australiens staatliche Online-Sicherheitsbehörde, im Jahr 2025 insgesamt über 3300 Meldungen sexueller Erpressung. Davon stammten 86 Prozent von männlichen Opfern, und 42 Prozent aller Meldungen kamen von jungen Männern zwischen 18 und 24 Jahren.
Wie die Masche funktioniert
Tamara Parham, stellvertretende Direktorin von Kinderschutz Schweiz, erklärt, wie das funktioniert: «Bei einer typischen Masche geben sich Tatpersonen online beispielsweise als junge Frauen aus, stellen rasch einen sexualisierten Kontakt her und bringen die Betroffenen dazu, intime Bilder oder Videos zu teilen. Anschliessend werden diese zur Erpressung eingesetzt.»

Hinter den Fällen in Australien stehen laut Sapol oft organisierte Gruppen im Ausland. Bekannt ist etwa das nigerianische Netzwerk Yahoo Boys. Laut der eSafety Commission werden für solche Betrugsmaschen auch Callcenter in Manila oder Delhi eingesetzt. Die Strafverfolgung ist schwierig, wenn die Kriminellen ausser Landes sitzen.
Was müsste sich am ehesten ändern, damit Jugendliche besser vor KI-Erpressung geschützt sind?
Rund jeder neunte Jugendliche ist betroffen
Wie weit verbreitet das Problem ist, zeigt eine nationale Erhebung des Australischen Instituts für Kriminologie, durchgeführt gemeinsam mit der eSafety Commission, mit 1953 Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren: 11,3 Prozent von ihnen hatten in ihrem Leben bereits sexuelle Erpressung erlebt. Über die Hälfte dieser Betroffenen war beim ersten Vorfall noch keine 16 Jahre alt. Zwei von fünf Betroffenen wurden mit digital manipuliertem Material erpresst, und zwei Drittel kannten die Tatpersonen ausschliesslich aus dem Internet.
Auch in der Schweiz leiden Junge darunter
Hat die Schweiz das gleiche Problem mit Sextortion wie Australien? «Ja, dieses Muster zeigt sich auch in der Schweiz sehr deutlich», meint Parham. «Gemäss der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik waren 2025 neun von zehn geschädigten Personen von Sextortion männlich. Fast ein Drittel – 31,5 Prozent – war minderjährig.»
«2025 waren [in der Schweiz] neun von zehn geschädigten Personen von Sextortion männlich. Fast ein Drittel – 31,5 Prozent – war minderjährig»
Auf die Frage, ob Sextortion seit der breiten Verfügbarkeit von KI-Tools zugenommen habe, sagt Parham: «Das können wir anhand unserer Daten nicht belegen. Klar ist aber: KI senkt die technischen Hürden massiv. Sogenannte Nudification-Tools können inzwischen nicht nur Kleidung auf Bildern digital entfernen, sondern aus öffentlich verfügbaren Fotos auch sexualisierte Videos erzeugen.»
Was sollen Betroffene tun?
Laut Parham ist das Wichtigste, nicht auf die Forderungen einzugehen und kein Geld oder weiteres Bildmaterial zu senden. «Wenn möglich, sollte der Kontakt abgebrochen und Beweismaterial wie Chatverläufe, Profile, Nutzernamen und Zahlungsforderungen gesichert werden», sagt sie. «Anschliessend sollte der Fall der Polizei gemeldet werden.»
Weiter betont sie: «Melden, melden, melden! Auch bei einem unguten Gefühl sollen sich Kinder, Jugendliche oder Eltern melden oder bei clickandstop.ch anrufen.» Scham und Angst seien bei Sextortion häufig gross. Jugendliche bräuchten deshalb eine Vertrauensperson, die zuhört, sie ernst nimmt und keine Schuldzuweisungen macht.
Dieser Meinung ist auch Manuela Sonderegger, Medienleiterin des Bundesamts für Cybersicherheit (BACS): «Bei Meldungen im Zusammenhang mit Sextortion empfiehlt das BACS den Betroffenen, Strafanzeige bei der Polizei zu erstatten.»
Weitere Tipps zum Umgang mit Sextortion gibt es auf der Website von Kinderschutz Schweiz.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von (Cyber-) Mobbing betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Clickandstop.ch, Online-Meldestelle der Stiftung Kinderschutz Schweiz
Hilfe bei Mobbing, Fachstelle für Schulen und Eltern (kostenpflichtig)
Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?
Hier findest du Hilfe:
Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene
Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter
Clickandstop.ch, Online-Meldestelle der Stiftung Kinderschutz Schweiz
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio, Beforemore und bei den UPK Basel.
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Michael Andai (mia) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Er ist seit 2025 AI-Journalist und schreibt über alles rund um künstliche Intelligenz.
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