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Saturday, October 24, 2026

Chilbi im Herbst – Wie sich der Jahrmarkt vom Handelsplatz zum Vergnügen wandelte

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Das Riesenrad leuchtet ins vernebelte Dunkel, Kinderaugen glitzern in den Lichtern, der Marroni-Duft zieht durch die Gassen, Jugendliche kreischen von der Achterbahn – es ist Herbst und damit Chilbi-Zeit.

Der Jahrmarkt hat sich verändert. Und dies nicht erst seit ein paar Jahren. Betrachtet man den St. Galler Herbstjahrmarkt, der während der Olma direkt neben der Messe für Rummel sorgt, geht die Geschichte über 800 Jahre zurück.

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  • Bild 1 von 4. Der Herbstjahrmarkt in St. Gallen findet jeweils während 11 Tagen statt – gleichzeitig wie die Olma. Bildquelle: SRF/Nicolas Ledergerber.

    Marktszene bei Sonnenuntergang mit Menschen und Bäumen im Hintergrund.
  • Bild 2 von 4. In Luzern gibt es den Lunapark während der Määs. Diese feierte vor zwei Jahren ihr 650-Jahr-Jubiläum. Bildquelle: Keystone/Urs Flüeler.

  • Bild 3 von 4. Von West bis Ost: Chilbis sind in der Schweiz beliebt – wie hier in Genf. Bildquelle: Keystone/Martial Trezzini.

  • Bild 4 von 4. Jedes Jahr ein Highlight an der Basler Herbstmesse: der Jahrmarkt inklusive Riesenrad. Bildquelle: Keystone/Georgios Kefalas.

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Schon im Mittelalter herrschte während des Jahrmarkts Ausnahmezustand. Darum gab es spezielle Regeln. Während des Markts – damals noch in der Altstadt – musste jedes Haus Wasser bereitstellen für den Fall, dass es brennt. Auch die Stadtwache wurde jeweils verstärkt, weil mehr Leute in die Stadt kamen.

Für die Händler bedeutete der Jahrmarkt auch mehr Freiheiten. Dank der sogenannten Jahrmarktsfreiheit durften fremde Händler Waren feilbieten. Historikerin Stadelmann mit einem Beispiel: «Ein deutscher Gaukler kam nach St. Gallen, um seine Possenspiele darzubieten. Nebenbei verkaufte er ein Medikament. So was war nur am Jahrmarkt möglich.»

Kein Jahrmarkt – wegen des neuen Abts

Neben seiner wirtschaftlichen Funktion war der Jahrmarkt vor allem ein Treffpunkt. Viele Leute kamen auf engem Raum zusammen. Damals wie heute erzeugte dies auch Spannungen.

1565 zum Beispiel war die Stadt St. Gallen reformiert, das Kloster aber katholisch. Weil ein Tag vor Beginn des Herbstjahrmarkts ein neuer Abt eingesegnet werden sollte, befürchtete man Streitereien am Jahrmarkt. Der Jahrmarkt wurde abgesagt, «aus Angst vor Unruhen», sagt Stadelmann. «Die Stimmung war angespannt. Alle Stadttore wurden geschlossen. Der Abt musste seine Benediktion ohne auswärtige Gäste feiern.»

Der kirchliche Konflikt führte unter anderem zu einer Neuordnung zwischen Stadt und Kloster. Und dazu, dass der Abt später sein eigenes Tor in der Stadtmauer erhielt.

Vom Handelsplatz zum Freizeitvergnügen

Vom Handelsplatz entwickelte sich der Herbstjahrmarkt immer mehr zum Spektakel. Während des 19. Jahrhunderts wurden exotische Tiere, Kulturen und Völker zur Schau gestellt. Der St. Galler Historiker Max Lemmenmeier sagt: «Die Darstellung von Aussergewöhnlichem war die Neuerung. Es wurden Menschen mit Missbildungen gezeigt oder ganze afrikanische Dörfer.» Diese Völkerschauen, die es bis in die 1930er-Jahre gab, wurden dem Jahrmarkt angehängt, weil so mehr Publikum kam.

Aus dem Stadtarchiv

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  • Bild 1 von 3. Der St. Galler Jahrmarkt um die Jahrhundertwende. Damals fand er auf dem Brühl statt, wo heute die Tonhalle und das Stadttheater zu finden sind. Bildquelle: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen/15/2/B,721.

  • Bild 2 von 3. Diese Aufnahme datiert auf das Jahr 1917, als sich die St. Gallerinnen und St. Galler auf dem Jahrmarkt vergnügten. Bildquelle: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen/15/2/B,723.

  • Bild 3 von 3. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1966. Noch heute sind die grossen Fahrgeschäfte auf dem Spelterini-Platz im Museumsquartier. Bildquelle: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen/PA Foto Gross/E5327.

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Während der Weltkriege fanden die Herbstjahrmärkte weiterhin statt. «Jahrmarkt war immer. Es kamen einfach weniger Leute», sagt Lemmenmeier. 1941 fand eine Landwirtschaftsausstellung in der Nähe statt. Mitten in der Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs ging es darum, die Lebensmittelversorgung der Schweiz sicherzustellen.

Jahrmarkt als Zugpferd für die Olma

«Die Bevölkerung wurde informiert, wie der Anbau gefördert und die Selbstversorgung besser werden kann. Daraus wurde dann 1943 die Olma», erklärt Historiker Lemmenmeier. Der Unterhaltungsfaktor des Jahrmarkts sei das Zugpferd gewesen für die Landwirtschaftsausstellung.

Noch heute funktionieren Messe und Herbstjahrmarkt nebeneinander – in St. Gallen, Luzern, Basel oder anderswo. Mit Warenhäusern, Geschäften in der Innenstadt und später auch dem Internet wurde der Jahrmarkt allerdings immer weniger ein Ort des Einkaufens. Was er blieb: ein Treffpunkt mit spezieller Anziehungskraft. Wegen der Achterbahn oder wegen der Marroni?

Das gängigste Wort in der Schweiz ist «Chilbi». Es leitet sich vom altalemannischen Begriff kilchwîhi ab, was wiederum Zusammensetzung aus Chilche und Weihe ist. Sprich: Kirchweihe.

Jahrmärkte kennen noch andere, regionale Bezeichnungen. In Mittel- und Westdeutschland ist Kirmes sehr weitverbreitet. Im Norden ist es der Dom, zum Beispiel in Hamburg. In Österreich oder Bayern ist auch Kirchtag/Kirta oder Dult zu hören. Oftmals heissen Jahrmärkte schlicht Jahrmarkt, Volksfest oder Rummel.

Regionaljournal Ostschweiz, 15.10.2026, 17:30 Uhr ;  ledn;buec;liea

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