Neues Schweizer Standardwerk – Woher Familiennamen stammen und wieso Frauen darin kaum vorkommen

Mit dem «Familiennamenatlas der Deutschschweiz» wurde dieser Tage ein neues Standardwerk veröffentlicht. Beim Blättern darin zeigt sich schnell: Hier findet man Antworten auf Fragen, die man sich noch gar nicht gestellt hat!
Nehmen wir Gasser: Vor einigen 100 Jahren erhielt jemand, der an einer Gasse wohnte, diesen Beinamen. Er blieb ihm und seiner Familie erhalten und verfestigte sich mit der Zeit zum Familiennamen.
Namen werden nicht isoliert betrachtet
Im Familiennamenatlas sind alle besprochenen Namen nach Themen gruppiert. Zum Thema «Gasse und Strasse» gehören 18 Familiennamen, darunter Engesser, Gessler, Hochstrasser oder Strässle. Der Begleittext informiert zudem über den historischen Bedeutungsunterschied zwischen einer Gasse (jede Art von Hohlweg zwischen Mauern, Hecken oder Felsen) und einer Strasse (befestigter und befahrbarer Verkehrsweg).
Die Familiennamen werden also nicht einfach erklärt und auf einer Karte lokalisiert, sondern in ihren historischen und sprachlichen Kontext eingebettet. Das ist primär bei Namen spannend, die auf Übernamen zurückgehen. Vielen Menschen, die Bissig, Stritt, Wild, Zangger oder ähnlich heissen, macht die Vorstellung Mühe, ihr Vorfahr habe einen üblen Charakter gehabt.
Ihnen mag ein Blick in den Themenartikel «Übernamen nach aggressivem Verhalten» helfen, in dem man erstens sieht, dass es rund 90 verschiedene Familiennamen dieses Typs gibt, und diese Namen zweitens auf die gesamte Deutschschweiz verteilt sind – man ist also alles andere als ein Einzelfall.
Ausserdem erfährt man, dass es früher üblich war, Menschen einen Übernamen zu geben, der auf eine auffällige Eigenschaft Bezug nimmt – und negative Abweichungen von der Norm häufiger benannt wurden als positive.
Das Forschungsprojekt «Familiennamenatlas der Deutschschweiz»
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Der Familiennamenatlas der Deutschschweiz wurde in einem vierjährigen Forschungsprojekt von Linguistinnen und Linguisten an der Universität Bern unter der Leitung von Professorin Luise Kempf erarbeitet. Er umfasst drei Bände mit rund 1100 Seiten. Die einzelnen Artikel wurden nach linguistischen Kriterien ausgewählt.
- Band 1: Graphie und Phonologie (Schreibung und Lautung, z.B. Brugger/Brügger, Schwab/Schwob, Giger/Geiger).
- Band 2: Morphologie und Syntax (Grammatik und Satzbau, z.B. Familiennamen mit der Endung «-mann» oder Satznamen wie Nievergelt oder Schlaginhaufen)
- Band 3: Lexik und Benennungsmotive (Familiennamen, die auf einen Vornamen, die Herkunft oder eine Eigenschaft einer Person zurückgehen)
Datenbasis für die Untersuchung waren das «Familiennamenbuch der Schweiz» und das «Portal der schweizerischen Familiennamenforschung».
Aufgearbeitet wurde der Bestand von rund 8300 alteingesessenen Familiennamen der Deutschschweiz. Der Familiennamenatlas richtet sich primär an Forschende, aber auch an interessierte Laien.
Die digitale Version kann hier heruntergeladen werden.
Nur 3 Prozent Frauennamen in Familiennamen
Einen tiefen Blick in unsere patriarchale Vergangenheit gewährt das Thema «Metronyme». Das sind Familiennamen, die auf einen Frauennamen zurückgehen, wie Gredig (zu Margarethe), Dillier (zu Odilia) oder Elsener (zu Elsa). Davon gibt es bloss 75 in der Deutschschweiz, gegenüber 1541 Familiennamen, die auf einen männlichen Vornamen zurückgehen.
Grund dafür ist die patrilineare Vererbung, also dass Name und Besitz in der Regel vom Vater auf den Sohn übergingen. Das Missverhältnis spiegelt somit die untergeordnete soziale Stellung der Frau in der Gesellschaft, in der diese Namen entstanden sind.
Der Vorname einer Frau ging nur ausnahmsweise auf ihre Nachkommen über, etwa wenn sie uneheliche Kinder hatte oder wenn sie ihren Mann an Geld oder Ansehen überflügelte.
Typisch Schweiz!
Sprachlich gebe es einiges, was an den Deutschschweizer Familiennamen auffalle, sagt Professorin Luise Kempf von der Universität Bern, die das Forschungsprojekt «Familiennamenatlas» leitet. Zum Beispiel, dass dieselben Namen parallel in dialektalen und hochsprachlichen Varianten vorkommen, wie bei Wyss und Weiss oder Schnider und Schneider. Das spiegele das Spannungsverhältnis zwischen Hochsprache und Mundart hierzulande.
Was sie selbst überrascht habe, sei die eigenartige Häufung von Namen, die auf den Gang einer Person Bezug nehmen, wie Gnepf, Hoppler, Stürchler oder Wipf. Über Gründe dafür könne nur spekuliert werden.
Aber der Familiennamenatlas sei ja der Ausgangspunkt für genau solche Forschungen.
Radio SRF 1, Dini Mundart Schnabelweid, 24.9.2026, 20:03 Uhr;weds
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