Neues Naturschutzkonzept – Welches Potenzial haben wilde Weiden für die Schweiz?

«Wie wertvoll Viehweiden auch für wild lebende Tier- und Pflanzenarten sein können, habe ich erst mit der Zeit begriffen», sagt Herbert Nickel. Er ist Biologe und Spezialist für Zikaden – kleine, nur 3 bis 5 Millimeter grosse Insekten. Erst nach vielen Bestandsaufnahmen wurde es für ihn immer klarer: «Auf extensiv bewirtschafteten Weiden ist die Zahl seltener Arten ungleich grösser als auf Mähwiesen.»
Seit vielen Jahren schon ist der Biologe Herbert Nickel draussen unterwegs und er ist im Vorstand des Deutschen Vereins Naturnahe Weidelandschaften e. V. In Deutschland und den Niederlanden sind sogenannte wilde Weiden bereits ein erfolgreiches Naturschutzkonzept. Jetzt erreichen die wilden Weiden auch die Schweiz.
Mehr Blüten für mehr Insekten
Biologe Nickel ist unterwegs auf dem Leukerfeld im Wallis auf einer Naturschutzfläche, die vor vielen Jahren als Ausgleich für den Bau der Autobahn ausgewiesen wurde. «Eigentlich ist die Fläche mit 17 Hektar etwas zu klein für eine wilde Weide», sagt Nickel, «trotzdem taugt sie als Anschauungsbeispiel».
Der wichtigste Unterschied zur herkömmlichen Beweidung ist, dass nur relativ wenige Tiere zum Einsatz kommen. Vier- bis zehnmal weniger Tiere – je nach Fläche. So können die Rinder oder Pferde nie alles abfressen, es bleibt immer ein Teil stehen.
«Auf einer wilden Weide sieht man deshalb immer Blumen blühen, im Unterschied zu einer Mähwiese, wo nach dem Schnitt auf einmal alles weg ist», erklärt Nickel. Das hat direkte Auswirkungen auf die Insektenvielfalt. Es hat mehr Schmetterlinge, Wildbienen, Heuschrecken und Zikaden – alle Gruppen profitieren.
Hufe formen eine attraktive Mikrolandschaft
Doch nicht nur das: Die Rinder und Pferde schaffen mit ihren Hufen auch eine ganz eigene Mikrolandschaft, die sowohl für Pflanzen, als auch für Tiere interessant ist. Herbert Nickel zeigt auf eine kleine Fläche, wo die Eringerkühe den Boden aufscharren und sich dabei jedes Mal den Sand über den ganzen Körper werfen.
«Hier am Rand solcher offener Stellen finden wir fast immer kleine Löcher von nur wenigen Millimetern Durchmesser», sagt der Biologe. Es sind selbst gegrabene Bruthöhlen von seltenen Wildbienenarten und Grabwespen.
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Bild 1 von 3. Ein Eringerrind auf dem Leukerfeld suhlt sich im Sand und schafft nebenbei einen idealen Nistplatz für seltene Insektenarten. Bildquelle: Herbert Nickel.
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Bild 2 von 3. Im Unterschied zu Mähwiesen (rechts) findet sich auf wilden Weiden (links) stets ein Blütenangebot. Bildquelle: Herbert Nickel.
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Bild 3 von 3. Mechanische Mähmaschinen zerhacken nicht nur viele Insekten, sondern auch Vogelnester oder Reptilien, wie hier eine Ringelnatter. Bildquelle: Herbert Nickel.
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An feuchten Stellen wiederum führen die tiefen Trittspuren der Rinder dazu, dass sich kleine Wasserlöcher bilden. «Im Sommer sitzen Unken oder Frösche in diesen feuchten Stellen», sagt Nickel. Und schliesslich wachsen mit der Zeit auch Büsche, insbesondere Dornbüsche, welche die Tiere weniger gut abfressen können.
Diese Büsche sind Brut- und Versteckplätze für seltene Vogelarten, wie den Neuntöter, die Dorngrasmücke oder das Braunkehlchen. «Im Vergleich zu mechanisch flach gefahrenen Wiesen sind solche Weiden unglaublich abwechslungsreich und das wirkt sich direkt aus», sagt Nickel, «die Zahl der seltenen Arten ist teils spektakulär».
«Wir brauchen wieder mehr Scheiss in der Landschaft»
Ein letzter wichtiger Punkt sind die verdauten Hinterlassenschaften der Pferde und Rinder. Im Dung der Tiere entwickeln sich Unmengen von Fliegen und Schmetterlinge holen sich auf den Kuhfladen Mineralien.
Am wichtigsten aber sind die Mistkäfer, die den grössten Teil der Dungmasse umsetzen und ihn quasi in Insektenbiomasse verwandeln. All diese Insekten wiederum sind Nahrung für Reptilien, Amphibien, Fledermäuse und Vögel.
Lebensraum Kuhfladen
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Bild 1 von 3. Ein Kuhfladen bietet Mineralien für ziemlich viele Bläulinge. Bildquelle: Jack Percks.
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Bild 2 von 3. So viele Mistkäfer leben in einem einzigen Kuhfladen – wenn die Kuh nicht prophylaktisch mit Antiparasitika behandelt wurde. Bildquelle: Gernot Kunz.
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Bild 3 von 3. Die grosse Biomasse an Insekten auf Weiden ist die Nahrungsgrundlage für zahlreiche Vögel, Fledermäuse und Reptilien. Bildquelle: Herbert Nickel.
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Der Dung ist die Grundlage für eine ganze Nahrungskette. Früher gab es überall am Rand der Dörfer extensive Dorfweiden. In den Bauernstuben hingen lange Fliegenfänger von den Decken – ein untrügliches Zeichen dafür, wie viele dieser für uns lästigen Insekten es damals gab.
Für die Vögel aber waren sie seit jeher ein gefundenes Fressen. Unterdessen ist diese Biomasse an Insekten aber massiv zurückgegangen. Naturschutzpraktiker Herbert Nickel sagt deshalb ganz unverblümt: «Wir brauchen wieder mehr Scheiss in der Landschaft, das ist gut für die Biodiversität.»
Vier grosse Projekte in der Schweiz am Start
Während in den Niederlanden und in Deutschland seit vielen Jahren schon mit neu angelegten grossflächigen Weidelandschaften experimentiert wird, erreicht dieser Naturschutztrend die Schweiz erst jetzt. Der Schweizer Verein Wilde Weiden will nächstes und übernächstes Jahr insgesamt vier Pilotprojekte aufbauen.
Was genau sind wilde Weiden?
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Zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt und mehreren Kantonen hat der Verein Wilde Weiden die aus seiner Sicht zentralen Punkte zusammengetragen:
- Grosse Flächen von mindestens 25 Hektar, in denen sich die Tiere frei bewegen können.
- Nur wenige Tiere: Pro Kuh braucht es – je nach Wüchsigkeit der Weide – 1.2 bis 3.3 Hektar Weide. Zugefüttert werden die Tiere nur in Ausnahmesituationen.
- Gefragt sind robuste Rinder- und Pferderassen, die das ganze Jahr über gemeinsam auf der Weide sind.
- Die Tiere werden nicht prophylaktisch mit Antiparasitenmitteln behandelt, weil dies die Dunginsekten gefährdet und sich so negativ auf die wild lebenden Tiere und Pflanzen auswirkt.
- Die Weideflächen liegen unter 1000 Metern, sind also keine Alpen. Die Pflege der Weiden wird auf ein Minimum beschränkt.
Wo genau in der Schweiz diese Projekte liegen, wollen die beteiligten Fachpersonen bisher nicht sagen, denn sie möchten erst die Details mit allen Beteiligten vertraglich klären. Doch Geschäftsführer Thomas Hertach verrät schon mal so viel: «Die vier Flächen sind verteilt auf die ganze Schweiz und es sind grosse Flächen, im Durchschnitt so gross wie 70 Fussballfelder, insgesamt 2,5 Quadratkilometer.»
Bei zwei Projekten handle es sich um nicht mehr genutzte, vergandete oder noch kaum je genutzte Flächen und in einem Fall gehe es um einen Landwirtschaftsbetrieb, welchen die Bauernfamilie zu einer wilden Weide umwandeln wolle.
Beweidung nützt auch in Naturschutzgebieten
2.5 Quadratkilometer sind in der dicht besiedelten Schweiz bereits eine stattliche Fläche. Noch viel grössere Flächen zu finden, wie es sie etwa in Ostdeutschland gibt, dürfte schwierig werden. Doch die zumindest zeitweise Beweidung von Flächen kann auch in bestehenden Naturschutzgebieten erfolgversprechend sein.
Im Wallis etwa, werden Rinder jetzt auch im Frühjahr in bestimmte Feuchtgebiete geschickt, um die Vegetation abzuweiden. «Danach sieht es auf den ersten Blick zwar schrecklich aus», sagt Arnold Steiner, Biologe bei der zuständigen Dienststelle für Nationalstrassenbau, «doch im Anschluss an diese Beweidung kamen bei uns im Wallis zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten zurück, die auf der Roten Liste stehen».
Es braucht da noch viel Überzeugungsarbeit, um wirklich voranzukommen
Viele Naturschutzgebiete würden sich artenreicher entwickeln, würden sie extensiv beweidet, statt immer zum genau gleichen späten Zeitpunkt gemäht zu werden, um etwa gezielt eine bestimmte Orchideenart zu fördern.
Zikadenspezialist Herbert Nickel stimmt dem zu. «Ich bin natürlich keineswegs gegen Orchideenschutz, aber der Naturschutz muss integrativer werden, wir möchten auf den wilden Weiden alle Artengruppen schützen.» Viele Fachleute seien überrascht, wie viel wilde Weiden bewirken könnten, aber zumindest in Deutschland seien die Skeptiker immer noch in der Überzahl, sagt Nickel, «es braucht da noch viel Überzeugungsarbeit, um wirklich voranzukommen».
Der Biologe auf dem Leukerfeld nimmt seinen umgebauten Laubbläser zur Hand und saugt auf einem Viertelquadratmeter die winzigen Zikaden aus der Wiese. Bestimmt werden die Arten dann erst zu Hause. «Ich habe auf dieser Fläche im Wallis bereits eine neue Zikadenart für die Schweiz gefunden und mehrere wirklich seltene Arten, die man sonst kaum findet», sagt Nickel.
Das Prinzip der wilden Weiden ist zwar kein Allheilmittel für den Naturschutz und nur für bestimmte Flächen geeignet. Doch das Konzept hat ein erstaunlich grosses Potenzial, um seltene Tier- und Pflanzenarten wieder zurückzubringen. Dies hat sich in anderen europäischen Ländern bereits mehrfach gezeigt.
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