Wegen Freundinnen Lippen aufgespritzt: «Ich bereue es»

- Mehrere Frauen berichten, dass sie sich wegen ihres Freundeskreises Botox oder Hyaluron spritzen liessen.
- Auch auf der Strasse sprechen Frauen darüber, was das mit ihrem Selbstbild macht.
- Forscherin Anne-Mette Hermans bestätigt: Das direkte Umfeld beeinflusst die Einstellung zu kosmetischen Eingriffen stärker als Social Media.
Die beste Freundin lässt sich Botox in die Stirn spritzen, die Kollegin schwärmt von ihren neuen Lippen – und plötzlich fallen beim Blick in den Spiegel Dinge auf, die vorher kaum gestört haben.
Beauty-Druck wird häufig mit Social Media verbunden. Perfekte Haut, volle Lippen und faltenfreie Gesichter begegnen uns dort täglich. Doch auch das direkte Umfeld kann beeinflussen, wie wir über unser eigenes Aussehen und kosmetische Eingriffe denken, wie die Forschung bestätigt (siehe Interview unten).
Wie stark dieser Einfluss sein kann, zeigen auch Gespräche mit jungen Frauen, wie die 20-Minuten-Community zeigt:
«Meine Lippen hatten es eigentlich nicht nötig»
Gloria (34) liess sich vor zwei Jahren Hyaluron in die Lippen spritzen. «Die meisten in meinem Freundeskreis liessen sich die Lippen aufspritzen. Ich habe das oft bei ihnen gesehen und dachte, ich müsse es auch machen.» Auch auf Social Media habe sie solche Inhalte gesehen. Doch erst ihr Freundeskreis habe sie beeinflusst: «Plötzlich ist es gar nicht mehr so weit weg. Es wird Realität, wenn die Freunde es machen.» Als sie über 30 war, wurde der Wunsch immer stärker.
«Ich war eigentlich immer zufrieden mit meinen Lippen. Ich hatte vorher schon schöne Lippen und hätte es nicht nötig gehabt.» Trotzdem habe sie sich beeinflussen lassen und schliesslich Hyaluron spritzen lassen. «Ich bereue diese Entscheidung. Ich finde, es ist ein wenig too much.» Für Gloria ist klar: «Ich würde es nicht noch einmal tun.»
«Ich will für immer jung und schön bleiben»
Für Isi (23) ist bereits jetzt schon klar: «Mit meinem ersten Lohn nach dem Studium lasse ich mir Botox spritzen.» Ihre Kolleginnen hätten das bereits gemacht und davon erzählt. «Sie haben sich Botox in die Stirn spritzen lassen und ich dachte mir: Ja, das will ich auch.» Ihre Begründung: Sie will Falten vorbeugen. «Ich will für immer jung und schön bleiben. Ich will den Falten gar keine Chance geben. Wenn sie einmal da sind, gibt es kein Zurück mehr.»
Sie findet es toll, dass ihre Kolleginnen bereits Botox ausprobiert haben. «So sieht man es nicht nur auf Social Media, sondern hört auch eine Meinung aus dem echten Leben.» Verurteilen würde sie das nie: «Sie sehen einfach super aus. Jetzt will ich es umso mehr.» Auch andere Kolleginnen unterstützen sie: «Wir haben schon abgemacht, dass wir dann alle gemeinsam zum Termin gehen.»
Wie stehst du zu kosmetischen Eingriffen wie Botox oder Fillern?
Direkt nach Botox-Termin: «Genau so, wie ich es wollte»
Auch Esther (26) hat bereits darüber nachgedacht, sich Botox spritzen zu lassen. «Meine Kolleginnen haben es schon gemacht. So habe ich auch darüber nachgedacht.» Bei einer Freundin habe sie gesehen, dass es «sehr gut» aussehe. Da habe sie gedacht: «Vielleicht ist es doch cool. Ich könnte mit Hyaluron meine Stirnfalte wegmachen.»
Doch noch traut sie sich nicht: «Ich hatte schon immer Respekt davor, dass etwas schiefgehen könnte. Deshalb habe ich es bisher aufgeschoben.»
«Meine Freundin hat mich beraten und aufgeklärt»
H. (36) und ihre Kollegin M. (26) kommen gerade von einem Botox-Termin. Die 36-Jährige liess sich vor drei Jahren erstmals Botox spritzen. Seither macht sie das regelmässig. Für M. war es das erste Mal: «Ich habe oft mit H. darüber gesprochen. Sie hat mich beraten und aufgeklärt. Ich habe schon viele verpfuschte Ergebnisse gesehen und war deshalb skeptisch.»
Sie habe sich schon länger an ihren Lippen gestört. Schliesslich habe sie sich entschieden, gemeinsam mit H. einen Termin in der Schönheitsklinik zu vereinbaren. Dort liessen sich beide behandeln. Die 26-Jährige ist zufrieden: «Das Ergebnis ist genau so, wie ich es wollte.»
«Das direkte Umfeld beeinflusst unsere Einstellung zu Beauty-Eingriffen»
Kann es passieren, dass wir unsere eigenen Falten oder vermeintlichen Makel kritischer wahrnehmen, wenn eine Freundin Botox oder Filler verwendet?
Ja. In Interviews, die ich geführt habe, haben mir Menschen davon berichtet, dass sie kritischer gegenüber vermeintlichen «Makeln» am eigenen Aussehen wurden, nachdem Personen in ihrem Umfeld kosmetische Eingriffe hatten. Das ist nicht überraschend: Menschen ohne solche Eingriffe beginnen teilweise, sogenannte «Upward Comparisons» – also Aufwärtsvergleiche – anzustellen. Sie vergleichen sich mit jemandem, den sie als attraktiver wahrnehmen, in diesem Fall mit Personen, die kosmetische Eingriffe hatten. Das kann zu einer grösseren Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führen.
Kann es unseren eigenen Wunsch nach Botox oder Fillern beeinflussen, wenn Menschen in unserem Umfeld solche Behandlungen machen lassen?
Absolut. Das ist in der Forschung gut belegt. Die Erfahrungen anderer sind einer der wichtigsten Faktoren dafür, wie sehr Menschen kosmetische Eingriffe akzeptieren und ob sie selbst einen solchen Eingriff in Betracht ziehen. Besonders stark ist dieser Zusammenhang beim direkten persönlichen Umfeld. Es gibt aber auch einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Inhalten von Personen mit kosmetischen Eingriffen und einer positiveren Einstellung gegenüber solchen Behandlungen.
Welche Rolle spielen soziale Vergleiche und verinnerlichte Schönheitsideale dabei?
Das hängt eng mit diesen Aufwärtsvergleichen zusammen. Wenn wir uns mit Menschen vergleichen, die wir als attraktiver wahrnehmen, kann dies die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper verstärken.
Kann die zunehmende Normalisierung von Botox und anderen Eingriffen dazu führen, dass mehr Menschen solche Behandlungen machen lassen?
Ja. Die Normalisierung kosmetischer Eingriffe und das sich insgesamt ausweitende Schönheitsregime führen dazu, dass sich eine wachsende und vielfältigere Gruppe von Menschen für kosmetische Eingriffe entscheidet.
Kann dadurch Beauty-Druck entstehen, obwohl Freunde uns gar nicht aktiv zu einem Eingriff raten?
Ja. Der Einfluss entsteht nicht zwingend dadurch, dass uns jemand aktiv zu einem Eingriff rät. Bereits die Erfahrungen und Behandlungen von Menschen in unserem direkten Umfeld können unsere Einstellung gegenüber kosmetischen Eingriffen beeinflussen.
Selina Keller (sek) arbeitet seit 2025 bei 20 Minuten und ist Redaktorin im Ressort Community
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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