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Wednesday, October 28, 2026

Hilfsorganisation unter Druck – Missbrauchsfälle bei Ärzte ohne Grenzen: Was sind die Folgen?

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Was ist passiert? Ende 2024 haben Frauen schwere Vorwürfe sexueller Ausbeutung und sexuellen Missbrauchs gegen Mitarbeitende von Médecins Sans Frontières (MSF) erhoben. Die Betroffenen waren vor dem Bürgerkrieg im Sudan ins Nachbarland Tschad geflohen. MSF untersuchte während mehrerer Monate 59 Vorwürfe von sexueller Belästigung, Ausbeutung und Missbrauch durch eigene Mitarbeitende, temporär Beschäftigte, Lieferanten und andere. In der Folge wurden 18 Mitarbeitende entlassen.

Mann mit Maske unterschreibt Dokument, Frau hält schlafendes Kind in einem Zelt.
Legende: Eine Frau, die aus der äthiopischen Region Tigray geflohen ist, hält ihr mangelernährtes und stark dehydriertes Baby im Arm. Das Kind wird in einer Klinik von MSF im Osten des Sudan behandelt. AP Photo / Nariman El-Mofty

Welche Folgen hat das für MSF? Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt MSF Schweiz in diesem Jahr mit 6.25 Millionen Franken. Davon hält sie 1.25 Millionen zurück, weil die Hilfsorganisation die Bundesstelle ungenügend über diese sexuellen Missbrauchsfälle im Tschad informiert habe. Die Deza forderte zusätzliche Informationen und Berichte zu den Vorfällen ein. Diese wurden bereits geliefert, bestätigt MSF-Generaldirektorin Sarah Epprecht: «Die Deza wird uns über die nächsten Schritte informieren, sobald ihre Prüfung abgeschlossen ist.» Diese sei noch im Gang, so die Deza, und sie betont, dass sie sich eine externe Untersuchung weiterhin vorbehalte.

Jeder Missbrauchsfall sei einer zu viel, sagt Médecins Sans Frontières. Von Missbrauch betroffen ist nicht nur MSF als Organisation. So sollen Mitarbeitende der Welt­gesund­heits­organisation WHO in Kongo-Kinshasa während der Ebola-Epidemie zwischen 2018 und 2020 Frauen sexuell ausgebeutet haben. Weiter sollen NGO-Mitarbeiter auf Haiti Frauen sexuell missbraucht haben. Aber nicht nur die körperliche Integrität ist betroffen: In der Demokratischen Republik Kongo sollen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und lokale Beamte Geld für Nothilfeprogramme abgeschöpft haben.

Betroffene Organisationen – so auch MSF – sprechen von Nulltoleranz gegenüber jeglichem Missbrauch. Ganz verhindern lasse es sich jedoch leider nicht.

Über 1000 Beschwerden pro Jahr

MSF veröffentlicht dazu auch Zahlen: So gingen im Jahr 2025 insgesamt 1122 Beschwerden über Missbrauch und unangemessenes Verhalten ein. Davon betreffen 1021 die medizinischen und humanitären Projekte. Nach Prüfung und Untersuchung wurden 299 dieser Beschwerden als Fälle von Missbrauch oder unangemessenem Verhalten bestätigt.

Die Gesamtzahl der eingegangenen Beschwerden im Zusammenhang mit medizinischen und humanitären Projekten ist im Vergleich zu 2024 um 18 Prozent gestiegen (864 Beschwerden).

MSF-Generaldirektorin Sarah Epprecht erklärt: «Jegliche Form von Missbrauch oder Fehlverhalten ist inakzeptabel. Wir erwarten, dass alle unsere Mitarbeitenden die Verhaltensrichtlinien von MSF vollumfänglich respektieren. Wir arbeiten zudem beständig daran, unsere Präventionsmechanismen zu verbessern.»

Eine Zunahme der Meldungen könne darauf hindeuten, dass Menschen die Meldesysteme besser kennen und mehr Vertrauen haben, Missstände anzusprechen.

Ist der Ruf von MSF gefährdet? Ein Schaden sei in diesem Fall unbestritten, erklärt Reputationsexperte Hans-Jakob Boesch. Für ihn wiegen solche Missbrauchsfälle schwer, weil Hilfsorganisationen hohen ethischen und moralischen Ansprüchen genügen wollten. Entscheidend sei, wie MSF reagiere. Volle Transparenz, eine umfassende Aufarbeitung und Massnahmen, um solche Missbräuche in der Zukunft zu verhindern, könnten helfen, Vertrauen wiederherzustellen, so Boesch. MSF erklärt, man bekenne sich weiterhin zu uneingeschränkter Transparenz und Rechenschaftspflicht gegenüber der Deza.

Welche Verantwortung trägt die Deza? Auch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) könne einen solchen Fall nicht auf die leichte Schulter nehmen, sagt Hans-Jakob Boesch. Sie stehe nicht unmittelbar in der Kritik. Die Deza müsse jedoch gegenüber der Öffentlichkeit aufzeigen, dass sie mit den richtigen Partnern arbeite, «bei Vorfällen interveniert und die Organisationen auch kontrolliert». Sie müsse Aufarbeitung verlangen und Massnahmen gegen weitere Fälle an die Hand nehmen.

Wie reagiert die Deza? Die Partner seien vertraglich verpflichtet, transparent über Missbrauchsfälle zu informieren. Der Fall MSF habe jedoch gezeigt, dass die Bestimmungen angepasst werden müssten, so ein Deza‑Sprecher. Ab 2027 sollen sie umgesetzt werden. Darüber hinaus führe die Deza mit allen Organisationen, die wie MSF einen Kernbetrag erhalten, einen regelmässigen Dialog auch zum Schutz vor sexuellem Missbrauch.

Warum ist das Risiko besonders hoch? Sarah Epprecht von MSF sagt: «Konflikte, Vertreibung, Entbehrungen und die Abhängigkeit von humanitärer Hilfe führen zu erheblichen Machtungleichgewichten.» Missbrauch lasse sich nie vollständig ausschliessen. Die eigene Verantwortung bestehe darin, die Risiken so wirksam wie möglich zu reduzieren und bei Fehlverhalten schnell zu reagieren. Jede Hilfsorganisation müsse sich solcher Risiken bewusst sein, sagt Kommunikationsexperte Hans-Jakob Boesch. «Die Direktion muss sie kennen und bestmöglich reduzieren sowie auf eine allfällige Eskalation vorbereitet sein», so Boesch.

Direkt betroffen sei die Glückskette nicht, sagt Mediensprecher Christian Engeli. Sie hätten keine Projekte mit MSF im Tschad. Dennoch seien sie von MSF über die Vorfälle im Tschad informiert worden.

Denn die Glückskette überweist Ärzte ohne Grenzen Geld: 2025 beliefen sich die Beiträge an Projekte von MSF auf 2’681’455 Franken.

Die Glückskette spende nur Geld an Projekte und Organisationen, die von ihr geprüft sind. Sie würden die Hilfswerke auch auf mögliche Missbräuche ansprechen, so Engeli. Mit der Hilfe, die die Glückskette leiste, dürfe kein Schaden entstehen.

Weitere Zusammenarbeit

Die Glückskette arbeitet weiterhin mit MSF zusammen. Es wäre falsch, eine solche Organisation sofort auszuschliessen, wenn ein solcher Missbrauchsfall auftritt, erklärt Sprecher Engeli.

Sorgen bereitet der Glückskette jedoch, dass solche Vorfälle die Spendenbereitschaft der Menschen beeinträchtigen könnten. Im Sudan geschehe eine der grössten humanitären Katastrophen. Ende Oktober, lanciert die Glückskette eine Solidaritätskampagne für den Sudan. Am 29. Oktober ist nationaler Sammeltag.

Die Glückskette ist eine unabhängige Stiftung. Sie ist eng mit der SRG verbunden, deren Unternehmenseinheiten die Spendenaufrufe verstärken und die nationalen Solidaritätstage verbreiten. Dazu gehört auch SRF.

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