Weniger Löcher, höhere Rechnungen – zockt dich dein Zahnarzt ab?

Unsere Zähne sind heute deutlich besser dran als noch vor einigen Jahrzehnten. Das zeigt etwa eine Schweizer Langzeituntersuchung: 1965 hatten 14‑jährige Zürcher im Schnitt 12,5 Zähne, die kariös, wegen Karies bereits verloren gegangen oder gefüllt waren. 2009 waren es noch 1,31 – ein Rückgang von 90 Prozent.
Ein anderes Beispiel: 2002 hatten nur 33 Prozent der Schweizer Bevölkerung ein vollständiges natürliches Gebiss, zwanzig Jahre später waren es 44 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Menschen, die innerhalb eines Jahres bei der Dentalhygiene waren, von 37 auf 58 Prozent. Kurz gesagt: Wir kümmern uns offenbar besser um unsere Zähne.
Wie viele Löcher hattest du schon in deinen Zähnen?
Warum braucht es dann weiterhin so viel Zahnmedizin?
Zahnarzt Christian Spliethoff ordnet ein: Weniger Karies bei Jugendlichen bedeutet nicht automatisch weniger Behandlungsbedarf in der gesamten Bevölkerung.
«Während früher häufiger umfangreicher Zahnersatz erforderlich war, gewinnt die Betreuung der eigenen Zähne bis ins hohe Alter an Bedeutung», sagt Spliethoff. Wer seine eigenen Zähne länger behalte, benötige im höheren Alter eine auf sein individuelles Risiko abgestimmte Vorsorge. Ziel sei, die eigenen Zähne möglichst ein Leben lang gesund und funktionsfähig zu erhalten. «Dafür sind Prävention und bei Bedarf Behandlung wichtig.»
Das beobachtet auch Dr. med. dent. Patrick Schmidlin, Professor am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich. «Wir haben immer mehr ältere Leute mit mehr natürlichen Zähnen.» Im Alter könnten etwa weniger Speichelproduktion oder Schwierigkeiten bei der Zahnpflege neue Probleme verursachen.
Über die Ärzte
Med. dent. Christian Spliethoff ist Zahnarzt und CEO von Zahnarztzentrum.ch
Prof. Dr. med. dent. Patrick R. Schmidlin leitet die Abteilung für Parodontologie am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich.
Weniger Prothesen, mehr Implantate
Auch die Behandlungen, die beim Zahnarzt gemacht werden, verändern sich. 2002 hatten nur vier Prozent der Schweizer Bevölkerung mindestens ein Implantat, 2022 waren es 13 Prozent. Eine Zahnspange trugen irgendwann im Leben 23 Prozent, zwanzig Jahre später waren es 35 Prozent – dass Zähne gerade, gepflegt und gesund aussehen, gewinnt offenbar an Wichtigkeit.
Klassische Zahnprothesen wurden dagegen seltener: Im Jahr 2022 trugen 9 Prozent der Bevölkerung eine Zahnprothese gegenüber 19 Prozent im Jahr 2002. Statt verlorene Zähne zu ersetzen, geht es heute darum, die eigenen möglichst lange zu behalten. Dr. Schmidlin begrüsst diese Entwicklung: «Es ist wichtig, dass man versucht, nicht mehr jeden Zahn zu ziehen.» Zahnerhalt und Prophylaxe rückten laut ihm stärker in den Vordergrund.
Aber warum ist der Zahnarzt dann noch so teuer?
Dr. Schmidlin bemängelt: «Viele Menschen verstehen nicht, dass auch Prophylaxe etwas kostet. Dabei ist es auch der aktuellen Studienlage zufolge in der Regel günstiger, einen Zahn zu erhalten, als eine Brücke oder ein Implantat machen zu lassen.» Wer seine eigenen Zähne länger behält, muss sie laut ihm auch länger pflegen.
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Der Zahnarzt spricht zudem einen unbequemeren Punkt an: «Wie in allen Branchen kommt es vor, dass einige Zahnärzte ‹portemonnaiegesteuerte› Planungen machen und nicht nur das, was es wirklich braucht.» Deshalb hält er es für entscheidend, dass Patientinnen und Patienten genau verstehen, was gemacht wird, warum es nötig ist, welche Risiken bestehen und welche Alternativen es gibt. Wer der Zahnarztpraxis nicht vertraut, sollte über einen Wechsel nachdenken.
34 Prozent mehr Zahnärzte? Nicht ganz
Und dann wäre da noch eine Zahl, die Fragen aufwirft: 2014 waren in der Schweiz 5522 Zahnärztinnen und Zahnärzte mit einer Berufsausübungsbewilligung registriert, 2024 waren es 7393. Rechnerisch sind das 34 Prozent mehr – dabei sind unsere Zähne besser geworden. Wie passt das zusammen?
«Im betrachteten Zeitraum wurde die gesetzliche Bewilligungspflicht auf weitere, bereits tätige Zahnärzte ausgeweitet», erklärt Spliethoff. Vereinfacht gesagt: In der Statistik tauchten Personen neu auf, die schon vorher als Zahnärztinnen oder Zahnärzte gearbeitet hatten, aber nicht in der Statistik erfasst waren. «Der Anstieg von 5522 auf 7393 Bewilligungsinhaber bedeutet nicht, dass 34 Prozent mehr Zahnärzte tatsächlich praktizieren», sagt Spliethoff. Auch wie viel die einzelnen Personen arbeiten, lässt sich aus diesen Zahlen nicht ablesen.
Wie stellst du sicher, dass deine Zähne gesund bleiben?
Malin Mueller (mmu) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin Lifestyle und Beauty-Redaktorin. Ihr Fokus: Hautpflege, Frisuren und Trend-Checks.
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