Eigene Überzeugungen herausfordern: Moralische Gewissheiten in der Abenddämmerung

Der Film „Staatschutz“ von Faraz Shariat kommt gänzlich ohne Ambivalenzen aus. Wieso trauen wir uns so wenig zu, uns selbst zu hinterfragen?
Foto: Sylvio Dittrich/imago
S eit einer Weile treibt mich mal wieder die Frage um, wie viel wir uns eigentlich noch zumuten? Gesellschaftlich, politisch, in der Kunst? Was holt uns aus unserer Selbstzufriedenheit heraus? Und warum, so mein zunehmender Eindruck, geht der Zeitgeist in folgende Richtung: sich bloß nicht irritieren, bloß nicht herausfordern lassen.
Zugegeben, große Fragen. Aber ich erkläre Ihnen gleich, wie ich darauf komme, es hängt nämlich mit zwei Dingen zusammen: Zum einen habe ich einen Roman geschrieben, was für mich persönlich natürlich eine große Sache ist. Und ich hoffe, dabei nicht nur einen Zeitgeist reproduziert zu haben. Zum anderen lässt mich ein Kinobesuch aus dem Sommer nicht los.
Ich war in diesem Sommer ziemlich häufig im Freiluftkino. Es gibt ja kaum Schöneres, als in der Abenddämmerung Filme zu schauen (abgesehen von den Mücken). Und der Film muss stimmen. Bei „Staatsschutz“ von Faraz Shariat war ich nicht überzeugt. Genauer gesagt: Ich musste mich beherrschen, die Vorführung nicht vorzeitig zu verlassen.
Der Film erzählt von einer Staatsanwältin, die, nach einem rechtsextremen Anschlag auf sich, selbst erlebt, wie schleppend die eigene Behörde ermittelt und die schließlich beginnt, selbst aktiv zu werden. Es geht um Rassismus, rechte Strukturen in der Justiz, institutionelles Versagen. Wichtige Themen, die genug Anknüpfungspunkte in der Realität bieten. Doch ich saß da und stöhnte vor mich hin: So einfach darf man es sich nicht machen.
Eine einzige kritische Filmkritik formulierte meinen Einwand ähnlich: Der Film sei frei von Ambivalenzen. Eine moralisch einwandfreie Haltung allein mache noch keinen überzeugenden Film. Genau das ärgerte mich. Ich fühlte mich manipuliert. Die Guten waren gut, die Bösen böse. Es gab Antworten, keine Fragen, nichts zu entschlüsseln, keinen Moment der Überraschung.
Mehr als nur einfache Botschaften
Dabei ist es doch gerade das, was einen Film interessant macht: Wenn er uns mehr zutraut, als nur einfache Botschaften zu verstehen. Wenn er riskiert, dass wir uns nicht sofort zurechtfinden, uns aufregen und später nach Hause gehen, ohne alles verstanden zu haben.
Die Masse richtet sich gerne in ihren moralischen Überzeugungen ein
Das Publikum jedenfalls gab großen Applaus. Bestätigte dieser meine Ahnung, dass sich die Masse gerne in ihren moralischen Überzeugungen einrichtet, solange die Kunst sie ihr nur deutlich genug zurückspiegelt?
Weltpolitisch mangelt es nicht an Dingen, über die sich der Kopf schütteln lässt. Auch hierzulande nicht. Wer politische Debatten verfolgt, Gespräche im Internet, könnte den Eindruck gewinnen, dass es oft weniger ums Nachdenken als ums Bestätigtwerden geht. Für eine produktive politische Analyse, für eine Praxis, für Kunst, die mehr sein will als nur die pure Wiederholung bereits gefasster Überzeugungen, müssen wir aber bereit sein, uns herauszufordern, uns selbst in Frage zu stellen. Oder wollen das die meisten womöglich gar nicht?
Auf diesen Gedanken brachte mich eine zufällige Bekanntschaft aus dem im weitesten Sinne künstlerischen Umfeld. Die Menschen, sagte sie, wollten die meiste Zeit nicht gestört werden. Unterhalten lassen sie sich gern. Aber sobald etwas zum Nachdenken zwingt, ihre Ordnung infrage stellt, wird es schwierig. Dann regieren Abwehr, Empörung.
Natürlich ist das sehr kulturpessimistisch und vielleicht auch ein bisschen ungerecht. Auch ich möchte hin und wieder unterhalten werden und nicht ständig in eine existenzielle Krise gestürzt werden. Doch wenn mir nicht einmal die Kunst etwas zumutet, wenn nichts mehr rätselhaft bleiben darf, wird irgendwann auch das Denken trivial.
Dann bleibe ich stecken in einem langweiligen Selbstgespräch. Und von diesen Selbstgesprächen habe ich in meinen Kolumnen schließlich genug.
Erica Zingher Autorin und Kolumnistin
Beschäftigt sich mit Antisemitismus, jüdischem Leben, postsowjetischer Migration sowie Osteuropa und Israel. Kolumnistin der "Grauzone" bei tazzwei. Freie Podcasterin und Moderatorin. Axel-Springer-Preis für jungen Journalismus 2021, Kategorie Silber.
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