Die Wahrheit: Magdeburger Spielereien

Kinder, Kinder, diese Zeiten. Oder haben wir da etwas nicht richtig verstanden? Ein Ortsbesuch in Sachsen-Anhalts Hauptstadt.
Foto: AP
„Papa!“, ruft das Kind, als ich durch das sonnig-herbstliche Stadtbild von Magdeburg flaniere. Kurz zucke ich zusammen. Dann fällt mir ein: Ich hab gar kein Kind. Und ich wohne auch gar nicht hier. Deswegen kann ich hier ja auch so arglos flanieren. Ich wende meinen Blick zur Quelle des Rufs. Tatsächlich: Es ist nicht mein Kind, das an der Schaufensterscheibe eines Spielzeugladens klebt.
Nicht ich bin gemeint, sondern der hinterher trottende Vater. Der trägt einen schweren Rucksack und ein ebenso schweres Kinderfahrrad, das von dem Kind beim Losgehen wohl mit einem „Will Fahrradfahren!“ eingefordert worden ist. Nach ein paar Metern ganz sicher jedoch mit einem „Will nich mehr!“ auf den Gehweg gepfeffert wurde. Nun schleppt es der Papa.
„Papa!“, ruft das Kind erneut und zeigt auf etwas, das im Schaufenster liegt: „Kann ich die Swastika? Bitte! Ich will die Swastika!“ – „Nein“, beginnt nun der Vater zu argumentieren. Es sei doch gerade erst Geburtstag gewesen mit ganz viel Geschenken und bald sei Weihnachten mit ganz vielen Geschenken. „Und eigentlich wollen wir doch noch zum Indoor-Spielplatz!“
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ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.
Die Wahrheit
hat den einzigartigen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.
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hat drei Grundsätze:
Warum sachlich, wenn es persönlich geht.
Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.
Warum beweisen, wenn man behaupten kann.
Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.
„Will ich nicht, ich will nur die Swastika!“, beharrt das Kind.
Uups …
Uups, denke ich, das ging aber schnell. Deutschland 2026. Die AfD hat die CDU links überholt, wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft, regiert jetzt faktisch zwei von fünf sogenannten neuen Bundesländern und könnte – wäre am nächsten Sonntag aus irgendeinem noch unvorhersehbaren Grund vorzeitige Bundestagsneuwahl – ratzfatz die Mehrheit holen. Und mit Jens Spahn den Kanzler stellen (Michael Kretschmer wird dann nächstes Jahr Bundespräsident). Da sollte man seinem quengelnden Kind aber ganz fix mindestens eine Swastika kaufen, sonst geht es zum Klassenlehrer denunzieren.
Dabei sieht das Kind gar nicht aus, wie … obwohl: blond, blaue Augen, Zöpfchen, nicht prekär, weiß … Der Vater hingegen wirkt wie ein aufrichtiger Linker: Pädagogenbart, Pferdeschwanz, Augenringe, halb woke, halb übermüdet.
Ich bin ein wenig neugierig, was für eine Swastika das Kind haben will. Andererseits bin ich schon ein paar Meter gegangen und zu faul, noch einmal umzukehren. Lieber lenke ich meine Schritte weiter, um die letzten schönen Herbsttage zu genießen – ehe die nächste faschistische Diktatur losbricht oder der Klimawandel – je nachdem, was zuerst kommt. Ist es ein Spielzeug? Ein Holzpuzzle etwa, in dezenten Naturfarben lasiert und mit waldorfschul-rundgelutschten, handschmeichlerischen Kanten? Ist es ein Swastika-Frisbee, das man im Park fliegen lassen und damit Wirtschaftsflüchtlinge aus der Umgebung treffen kann? Ein Fidget Spinner, ein Rubik’s-Zauberwürfel-Kreuz? Oder das Lego Set 88000 mit 1.933 Teilen?
Nein, vielleicht eher ein Swastika-Labubu, eine Toniebox-Swastika mit Ärmchen und Beinchen und einem Gesicht und den schönsten deutschen Kinderliedern. Oder ein Nachtlicht, das man an die Wand hängt, und das nachts in einem leichten AfD-Blau leuchtend die bösen Messermigranten verscheucht. Oder ein Anhänger mit Glitzersteinchen von Swarowski, also eine Swarowstika. Oder doch eine Plüschswastika zum Kuscheln und Liebhaben, die singt und spricht, wenn man auf die Rückseite drückt? „Ich hab dich ganz doll lieb und die Alice hat dich auch ganz doll lieb. Schlaf gut, du deutsches Mädel.“
Als ich eine halbe Stunde später auf demselben Weg zurück flaniere, stehen die beiden immer noch vor dem Spielzeugladen. Das Kind scheint ein harter Verhandlungspartner zu sein, die Argumente sind verhältnismäßig einfach und zeitigen vor allem in der steten Wiederholung Wirkung: „Die haben jetzt alle“, und „Biiiiitttttteeeeeeee“, ruft das Kind. Gegenvorschläge des Vaters werden mit einem entschiedenen „Nein, nein, nein!“ und einem Aufstampfen begegnet. Ganz so wie in unserem derzeitigen politischen Diskurs.
Na, gut …
Bevor ich noch interessehalber nachschauen kann, wie diese spezielle Swastika denn nun aussieht, knickt der Vater auch schon ein. Wacker hat er sich an die in der einschlägigen Elternliteratur empfohlenen 30 Minuten gehalten, nun gibt er den Widerstand auf und streckt die Waffen. Inhaltlich kann er seinem kleinen Putinkind ohnehin nichts dagegenhalten.
„Na, gut“, flüstert er kraftlos, „aber nur die zwei. Zwei Sticker. Keinen mehr.“
„Papa“, sagt das Kind. „Und der noch. Alle guten Sticker sind drei.“
Puh!, denke ich, Glück gehabt. Da hätte ich mit meinem Verhörer doch fast den nächsten Faschismus auf deutschem Boden ausgelöst. Also, das müssen ganz besondere Sticker sein. Vielleicht mit einem Glitzer-Regenbogen-Hakenkreuz drauf?
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