Ex-Judo-Star – «Nach solchen Sprüchen gab es für mich nur eine Lösung: Prügeln»

«Mein Leben ist auf Kämpfen aufgebaut. Ich kämpfe seit 45 Jahren. Das ist in mir drin.»
Sergei Aschwanden, Sohn eines Urners und einer Kenianerin, scheitert bei den Olympischen Spielen in der ersten Runde, doch er steht immer wieder auf und holt 2008 in Peking Bronze.
«Es gab für mich nur eine Lösung: Prügeln»
Seinen Kampfgeist entwickelt er früh. Als Kind wehrt er sich gegen rassistische Sprüche mit den Fäusten – nur so könne er sich schützen.
In der Schule und im Dorf ist Sergei das einzige Kind mit dunkler Hautfarbe. Die Sprüche sind brutal. Mitschüler sagen ihm, er stinke, sie beschimpfen ihn mit dem N-Wort. Sergei wehrt sich auf die einzige Art, die er kennt: Prügeln. «Dann kannst du dem anderen wehtun, weil sie dir auch wehgetan haben. Danach habe ich mich besser gefühlt.»
Anfang Bildergalerie
-
Bild 1 von 3. Aschwandens Mutter ist 1974 mit seinem Vater in die Schweiz gekommen. Ein Jahr später kam er auf die Welt. Bildquelle: Privat / Sergei Aschwanden.
-
Bild 2 von 3. Mit 13 Jahren wusste Aschwanden er möchte Profi-Judoka werden. Bildquelle: Privat / Sergei Aschwanden.
-
Bild 3 von 3. Sergei Aschwandens Vater und Mutter unterstützen ihn dabei. Bildquelle: Privat / Sergei Aschwanden.
Ende der Bildergalerie
Zurück zum Anfang der Bildergalerie.
Seiner Mutter gefällt das nicht, sie meldet ihn im Judo an. Dort darf er seine Kraft zum ersten Mal einsetzen, ohne dass es falsch ist. «Die Wut war eine Unzufriedenheit, ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Ich musste das irgendwie loslassen.»
Zweimal in der ersten Runde raus
1988 sitzt der junge Sergei Aschwanden vor dem Fernseher und schaut die Olympischen Spiele. Danach ist für ihn klar: «Ich möchte Profi-Judoka werden. Seit diesem Tag hatte ich nur noch Judo im Kopf.»
Sie haben Olympiamedaillen gewonnen und Schweizer Sportgeschichte geschrieben. In «Champion der Champions» treten sieben ehemalige Spitzensportlerinnen und -sportler erneut an und sprechen über Erfolge, Rückschläge, Ängste und Zweifel – und darüber, was von einer grossen Karriere bleibt.
Alle Folgen sind auf Play SRF verfügbar.
2000 wird Aschwanden Europameister und reist nach Sydney für die Olympischen Spiele – wo er gleich im ersten Kampf ausscheidet. 2003 folgen EM-Gold und WM-Silber, doch in Athen 2004 ist erneut in der ersten Runde Schluss. «Das war ziemlich bitter. Man versteht nicht, weshalb man alle anderen Wettkämpfe gewinnt und an den wichtigsten alles schiefgeht.» Die Aufnahmen des Kampfs in Athen kann er vier Jahre lang, bis zur nächsten Olympiade, nicht anschauen.
In Peking 2008 kämpft er um Bronze. «Man weiss: Wenn man verliert, geht man mit leeren Händen nach Hause.» Er gewinnt – und spürt kurz darauf, dass etwas fehlt. «Die Wut war immer ein Treiber. Nach der Medaille ist das im Spitzensport verschwunden.» Er tritt zurück.
«Das kann ich nicht akzeptieren»
Nach seinem Rücktritt studiert Aschwanden Sportmanagement, engagiert sich in der Politik für die FDP im Kanton Waadt und übernimmt Führungsaufgaben im Schweizer Sport sowie im Tourismus. Zudem ist er stolzer Vater von vier Kindern. «Das sind meine Kiddies, sie sind das Wichtigste in meinem Leben», sagt er. Dass er all seine Aufgaben unter einen Hut bringt, verdanke er seiner Familie: «Das geht nur, weil ich zu Hause einen sicheren Halt habe.»
Was sein Sohn in der Schule erlebt, kann Aschwanden nicht begreifen. Ein achtjähriges Kind sagt zu ihm, er solle zurück zu den Affen in den Wald, dort gehöre er hin. «Das hat mich zutiefst betroffen. Und das kann ich nicht akzeptieren.»
Aschwanden hat gehofft, dass seine Kinder nicht mehr erleben müssen, was er sich früher anhören musste. «Ich glaube tief in mir drin, dass die Gesellschaft mit der Zeit ein paar Dinge begreifen und verbessern sollte. Das war für mich ein gravierender Rückschlag.» Die Wut, die er aus seiner Kindheit kennt, ist also nicht ganz verschwunden.
Champion der Champions Sieben Sporthelden: Der Wettkampf beginnt
Sport Staffel 3 Episode 1. Laufzeit 43 Minuten.
SRF 1, Champion der Champions, 17.10.2026, 20:10 Uhr ; stel;noes
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.