Unicef-Studie zu benachteiligten Kindern: Wer bei den Jüngsten spart, zahlt später drauf

In benachteiligte Kinder zu investieren, kann dem Staatshaushalt nutzen. Das zeigt eine neue Studie. Die Bundesregierung plant das Gegenteil.
Hat das Kind zwei Paar Schuhe? Kann es bei Schulausflügen dabei sein, auch wenn die Geld kosten? Bekommt es täglich eine gesunde Mahlzeit? All das sind Fragen, die die Europäische Union definiert hat, um festzustellen, ob bei Kindern ein materieller Mangel besteht. Deprivation bei Kindern – so der Fachausdruck – schadet dem Staatshaushalt langfristig. Das ergab eine am Donnerstag veröffentlichte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des UN‑Kinderhilfswerks Unicef.
Die IW-Studienautoren berechneten modellhaft die Auswirkungen von Kinderarmut und mangelnden Teilhabemöglichkeiten von jungen Menschen auf den Staatshaushalt. Das Ergebnis: Wird zu wenig in die Jüngsten investiert, kosten sie den Staat als Erwachsene umso mehr. Die Studie betrachtete hierfür die Bildungswege von Kindern, auf die die Faktoren der materiellen Deprivation zutreffen, und die von Kindern, bei denen das nicht der Fall ist.
Je nachdem, wie Deprivation definiert wird – ob ein Mangel also „nur“ aus finanziellen Gründen oder auch wegen anderer Aspekte besteht –, sind der IW-Auswertung der Unicef-Studie zufolge 11,3 Prozent beziehungsweise 25,2 Prozent der unter 16-Jährigen in Deutschland betroffen.
Laut Analyse unterscheiden sich gerade bei der Bildung die Wege der Kinder stark. Während rund 40 Prozent der nicht-deprivierten Kinder ein Gymnasium besuchen, sind es bei den benachteiligten Kindern nur 20 Prozent.
Langfristig ökonomisch sinnvoll
Um herauszufinden, wie viel der Staat in Kinder investiert und später wieder herausbekommt, erstellten die Studienautoren eine „Fiskalbilanz“. Zu den Ausgaben zählen etwa Investitionen in das Bildungssystem, die Sozialversicherung, das Eltern- und Kindergeld. Die Einnahmen werden über Steuer- und Sozialabgaben berechnet.
Modellhaften Lebensverläufen folgend, stellen die Autoren folgenden Vergleich auf: Wer einen „akademischen Bildungsweg“ abschließt, würde dem Staat im Laufe des gesamten Lebens in der Bilanz etwa 943.000 Euro an Steuer- und Sozialabgaben einbringen. Bei einem „beruflichen Bildungsweg“ seien es noch 118.000 Euro. Wer einen Bildungsweg ohne berufsqualifizierenden Abschluss mache, koste den Staatshaushalt dagegen etwa 377.000 Euro.
Aus diesen Modellrechnungen schließt die Studie, dass die Unterstützung benachteiligter Kinder und Jugendlicher für den Staat zwar kurzfristig zu Mehrausgaben führe, „langfristig aber auch aus ökonomischer Sicht eine lohnende Investition darstellt“.
Unicef fordert daher, dass wirkungsvolle Maßnahmen für Kinder nicht mehr gekürzt werden dürfen. „Sowohl aus kinderrechtlicher als auch aus ökonomischer Sicht sind Investitionen in Kinder gewinnbringend“, heißt es zu der Studie.
Vergangene Woche debattierte der Bundestag in erster Lesung über das Startchancengesetz der Bundesregierung. Dabei geht es genau darum: Kinder schon möglichst früh gezielt fördern und ihnen so eine bessere Teilhabe ermöglichen. Trotzdem will die Regierung kürzen. Statt der zwei Milliarden Euro, die der Bund bisher jährlich hier beisteuerte, sollen nun etwa 500 Millionen weniger im Jahr investiert werden.
UNICEF-Studie zum Kindeswohl Deutschland wieder weit abgeschlagen
Kommentar von Ralf Pauli
Die kurze Grundschulzeit ist zentraler Grund für die Diskriminierung im deutschen Bildungsbereich. Diskrepanzen zwischen Arm und Reich sind massiv.
Unicef zu Wohlbefinden von Kindern Die armen Kinder
Eine Unicef-Studie zeigt einmal mehr: Das Wohlergehen deutscher Kinder ist abhängig vom Geldbeutel der Eltern. Viele Länder Europas schneiden besser ab.
Von Anna Klöpper
Ungleiche Bildungschancen Leider wieder nur schlechte Noten
Deutschland versagt weiter bei der Chancengleichheit, zeigt eine neue Studie. Jungs schaffen den sozialen Aufstieg besonders selten.
Von Ralf Pauli
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.