Drogensuchthilfe im Wandel – Wie hilft man heute Menschen aus der Drogensucht?

Heinz ist seit 40 Jahren suchtkrank. Der 59-Jährige sitzt auf seinem Bett in einer Einrichtung der Stiftung Pfarrer Sieber in Zürich Affoltern. Mit den Drogen ganz aufhören wolle und könne er nicht. Heute konsumiere er aber weniger: «Das Problem ist nicht, sauber zu werden. Das Problem ist, sauber zu bleiben.»
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Bild 1 von 3. Über seine Sucht sagt Heinz (59) im Neubau des Sozialwerks: «Ich bin seit 40 Jahren süchtig. Was soll ich jetzt noch ganz aufhören? Mein Konsum hat sich vor etwa zehn Jahren stark reduziert. Seither ist mein Leben ruhiger geworden. Komplett ohne Drogen kann ich mir mein Leben aber nicht vorstellen.» (Im Bild: seine Schuhe. Er will anonym bleiben.). Bildquelle: Nina Thöny.
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Bild 2 von 3. Auf die Frage, was das Schwierigste an einem Entzug sei, sagt er: «Der Heroinentzug geht vielleicht sechs Tage. Das Problem ist nicht, sauber zu werden. Das Problem ist, sauber zu bleiben. Wenn die Drogen weg sind, kommen viele Dinge wieder hoch. Man ist ausgegrenzt, hat keine Arbeit, muss Termine einhalten und sein Leben wieder organisieren.». Bildquelle: Nina Thöny.
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Bild 3 von 3. Er zieht den Standort in Zürich Affoltern dem in Sihlbrugg vor: «Dort kannst du nicht schnell einkaufen gehen, sitzt herum und bist mit Leuten zusammen, die du dir nicht ausgesucht hast. Mein Umfeld, das wirklich jahrzehntelang nicht mehr konsumiert hat, hat das eher über Familie und soziale Umgebung geschafft als über einen Therapieort.». Bildquelle: Nina Thöny.
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Sein Beispiel zeigt, warum moderne Suchthilfe heute andere Ziele kennt als früher. Die Suchthilfe arbeitet jetzt stärker mit individuellen Zielen. 35 Jahre lang setzte die bekannte Pfarrer-Sieber-Einrichtung «Sunnedörfli» jedoch auf Distanz zur Drogenszene und Abstinenz. Jetzt steht das Haus in Sihlbrugg seit gut einem Jahr leer und soll verkauft werden.
Abstinenz nicht mehr oberstes Ziel
«In der Vergangenheit ist man der Ansicht gewesen, Abstinenz ist der einzige Weg», sagt Kuvinda Kossinna, Co-Chefarzt des Fachspitals der Stiftung. Erfahrungen und Studien hätten gezeigt, dass das nicht für alle realistisch sei – gerade bei schwer abhängigen Menschen.
Heute geht es deshalb oft zuerst um Stabilisierung. Bei einer Heroinabhängigkeit können etwa Medikamente eingesetzt werden, die Opioide kontrolliert ersetzen. Diese Opioid-Agonisten-Therapie könne Leben retten und die Basis schaffen, damit Betroffene Gesundheit, Wohnen oder Tagesstruktur wieder angehen können.
Schadensminderung als Credo
Das Ziel ist nicht zwingend, jeden Konsum sofort zu beenden. Stattdessen soll der gesundheitliche und soziale Schaden möglichst klein werden. «Die Menschen dort abholen, wo sie stehen», nennt Kossinna das. Dazu gehören neben medizinischer und psychiatrischer Behandlung auch ein sicherer Wohnort, Tagesstruktur und soziale Kontakte.
Die Menschen dort abholen, wo sie stehen.
Heinz lebt diesen Ansatz. Sein Konsum sei heute deutlich geringer als früher. Ein vollständig drogenfreies Leben könne er sich aber nicht vorstellen. Für ihn bedeutet Erfolg deshalb etwas anderes als Abstinenz: möglichst stabil leben.
Überholte Abgeschiedenheit?
Für Menschen, die ausdrücklich abstinent leben möchten, könne Abstand zur Szene weiterhin sehr hilfreich sein, sagt Kossinna. Gemeinschaft und Tagesstruktur könnten diesen Weg unterstützen.
SRF News: Was war die Idee hinter dem «Sunnedörfli»?
Walter von Arburg (Sprecher der Stiftung): Pfarrer Sieber wollte, dass suchtkranke Menschen wieder autonom werden. Nach dem Entzug sollten sie Abstand zur Drogenszene gewinnen, in einer kleinen Gemeinschaft leben, Aufgaben übernehmen und schrittweise wieder selbstständig arbeiten und ihr Leben führen.
Warum funktioniert dieses Konzept heute weniger gut?
Die idyllische Lage und die Distanz zur Zürcher Drogenszene waren früher ein Vorteil. Das wurde mit der Zeit zum Nachteil. Der Ort ist schlecht mit dem ÖV erreichbar, Mitarbeitende waren schwieriger zu finden und auch viele Therapie-Teilnehmende wollten nicht mehr so abgeschieden leben.
Was hat sich in der Haltung der Stiftung verändert?
Heute akzeptieren wir viel stärker, dass nicht alle Menschen den vollständigen Ausstieg schaffen. Für viele wäre es eine Bestrafung, wenn wir sagen würden: «Du bekommst nur Hilfe, wenn du zuerst abstinent wirst.» Mit Substitution können wir Stabilität und wenigstens einen geregelten Alltag ermöglichen.
Doch die abgeschiedene Lage wurde beim «Sunnedörfli» zunehmend zum Nachteil. Teilnehmende wollten nicht mehr so weit weg von ihrem Alltag leben, Arbeitsstellen waren schlecht erreichbar und auch Personal liess sich schwieriger finden. Was früher Schutz bot, erschwerte später die Rückkehr ins gewöhnliche Leben.
Wenig Angebote für Schwerabhängige
Die Stiftung sucht deshalb nach einem neuen Angebot. Dabei will sie nicht das «Sunnedörfli» kopieren, sondern eine andere Lücke schliessen. Besonders wenige Angebote gebe es laut Kossinna für schwer abhängige Menschen, die trotz Behandlung weiterhin Drogen konsumieren.
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Bild 1 von 4. Das «Sunnedörfli» bei Sihlbrugg wurde vor fast 35 Jahren von Pfarrer Ernst Sieber gegründet. Bis zu zwölf suchtkranke Menschen sollten dort nach einem Entzug Abstand zur Zürcher Drogenszene gewinnen. Bildquelle: Keystone/Peter Lauth (1997).
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Bild 2 von 4. «Sauber bleiben», wie Heinz es nennt – genau das stand im «Sunnedörfli» lange im Zentrum. Wer nach einem Entzug dorthin kam, sollte weit weg von der Zürcher Drogenszene einen Neustart schaffen. Bildquelle: Sozialwerk Pfarrer Sieber (ZVG).
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Bild 3 von 4. Die abgeschiedene Lage im Grünen war bewusst gewählt: Ruhe, Distanz und ein Neustart standen im Zentrum. Bildquelle: Sozialwerk Pfarrer Sieber (ZVG).
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Bild 4 von 4. Der Alltag war klar strukturiert. Die Bewohnerinnen und Bewohner kochten, putzten, deckten den Tisch und übernahmen Aufgaben in der Gemeinschaft. Später sollten sie wieder arbeiten und ihr Leben selbstständig führen. Bildquelle: Sozialwerk Pfarrer Sieber (ZVG).
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Der grundlegende Wandel liegt damit weniger in einer neuen Therapie als in einem neuen Ziel: Nicht alle suchtkranken Menschen müssen denselben Weg gehen. Entscheidend ist, welche Behandlung ihnen ein möglichst stabiles und selbstbestimmtes Leben ermöglicht.
Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 19.10.2026, 12:03 Uhr ; külc/thon;gotl;liea
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