Merci beaucoup, Stan!

- Stan Wawrinka stach in Ära der «Big 3» als einer der Einzigen heraus
- Besondere Beziehung zu Roger Federer – Freundschaft und «kritische Situation»
- Seine Familie, seine Weggefährten, sein hohes Standing auf der Tour
Marco PescioReporter Sport
Vor zwei Jahren fand eine Tennisära ihr Ende. Erstmals seit 2002 ging kein einziger Grand-Slam-Titel auf einen der «Big 3», Roger Federer (45), Rafael Nadal (40) und Novak Djokovic (39), zurück. Das Trio hat über zwei Jahrzehnte lang dem Zirkus den Stempel aufgedrückt, ihn dominiert und ihm einen Rekord nach dem anderen beschert. Wie gross diese Vorherrschaft der drei Ausnahmeathleten tatsächlich war, veranschaulicht ein einziger, bemerkenswerter Fakt.
In den besagten, ewig langen 22 Jahren – also bei insgesamt 88 Turnierchancen – gibt es gerade einmal vier Spieler, die es schafften, mehr als einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Es sind dies die beiden neuen Überflieger Carlos Alcaraz (23) und Jannik Sinner (25) mit vier Siegen respektive deren zwei. Sowie Andy Murray (39) und der nun ebenfalls zurückgetretene Stan Wawrinka (41) mit je drei Triumphen.
Der vergleichsweise ganz kleinen Tennisnation Schweiz gelang es in dieser Zeit tatsächlich, neben Gigant Federer einen zweiten Star herauszubringen, der an der Weltspitze zu brillieren wusste. Mehr noch, Wawrinka, der ruhige Waadtländer, schaffte es immer wieder, den Spiess umzudrehen und die Superstars bei grossen Turnieren in den Schatten zu stellen. An den Australian Open 2014 besiegte er im Final mit einer mentalen Meisterleistung den favorisierten, aber körperlich angeschlagenen Nadal. Und in Roland Garros (2015) sowie an den US Open (2016) schlug er im Endspiel jeweils Djokovic. Kumpel Federer bezwang der Romand in 26 Duellen zwar nur dreimal, dafür einmal auch in einem grossen Finalspiel: 2014 in Monte-Carlo.
Alle Titel von Stan Wawrinka in der Übersicht
Einzel
2006: Umag (Kro), Sand
2010: Casablanca (Mar), Sand
2011: Chennai (Ind), Hartplatz
2013: Oeiras (Por), Sand
2014: Chennai, Hartplatz
2014: Australian Open, Hartplatz
2014: Monte Carlo, Sand
2015: Chennai, Hartplatz
2015: Rotterdam, Hartplatz
2015: French Open, Sand
2015: Tokio, Hartplatz
2016: Chennai, Hartplatz
2016: Dubai, Hartplatz
2016: Genf, Sand
2016: US Open, Hartplatz
2017: Genf, Sand
Doppel
2008: Olympia-Doppel, Peking, Hartplatz (mit Roger Federer)
2013: Chennai, Hartplatz (mit Benoit Paire)
2023: Gstaad, Sand (mit Dominic Stricker)
Davis Cup
2014: Finalsieg, Lille, Sand (mit Roger Federer, Marco Chiudinelli und Michael Lammer)
Einzel
2006: Umag (Kro), Sand
2010: Casablanca (Mar), Sand
2011: Chennai (Ind), Hartplatz
2013: Oeiras (Por), Sand
2014: Chennai, Hartplatz
2014: Australian Open, Hartplatz
2014: Monte Carlo, Sand
2015: Chennai, Hartplatz
2015: Rotterdam, Hartplatz
2015: French Open, Sand
2015: Tokio, Hartplatz
2016: Chennai, Hartplatz
2016: Dubai, Hartplatz
2016: Genf, Sand
2016: US Open, Hartplatz
2017: Genf, Sand
Doppel
2008: Olympia-Doppel, Peking, Hartplatz (mit Roger Federer)
2013: Chennai, Hartplatz (mit Benoit Paire)
2023: Gstaad, Sand (mit Dominic Stricker)
Davis Cup
2014: Finalsieg, Lille, Sand (mit Roger Federer, Marco Chiudinelli und Michael Lammer)
Wawrinka hat es in seiner Karriere verstanden, sein eigenes Ding durchzuziehen. Er hat sich früh entschieden, seine schwierige Rolle in der von den «Big 3» geprägten Tennisära – und vor allem im Schatten der Lichtgestalt aus dem eigenen Land – zu akzeptieren und Vorteile für sich herauszuziehen. Wawrinka setzte auf die «positive Herangehensweise», wie er sie nannte. Im Sinne von: Wer tausendmal mit einem Überirdischen wie Federer trainieren darf, kann nur besser werden. Wer sich ständig mit den Weltbesten an grossen Turnieren misst, kann nur profitieren. Und das tat Wawrinka, der sich mit Fortdauer der 2005 begonnenen Laufbahn zu einer eigenen Marke auf der Tour entwickelte.
Willensstärke und Kampfgeist
Der Westschweizer stand bis zuletzt für seine Willensstärke und seinen Kampfgeist. Doch in seiner ersten Karrierehälfte führten seine Marathon-Matches oftmals trotzdem nicht zum Sieg. Nicht selten war es der fehlende Killerinstinkt, der ihm vorgeworfen wurde.
Allerdings nur, bis sie dann ins Spiel kam, diese unverkennbare Geste, bei der er mit dem Finger an die Schläfe tippte, um allen zu zeigen, dass ihm mental keiner mehr etwas vormachen kann. Die wohlwollenden Übernamen wie «Stan the Man», «Marathon-Stan» oder «Stanimal» kommen nicht von ungefähr. Sie sind Würdigungen eines Mannes, der niemals aufgab, so aussichtslos der Spielstand auch scheinen mochte und so hart ihn schwere Verletzungen an Knie oder Fuss während der Laufbahn auch treffen sollten.
Die ikonische einhändige Rückhand rundete Wawrinkas Profil des legendären, kultigen Tennisspielers ab. Wenn er die Backhand wieder einmal in sauberer, schwungvoller Stan-Manier durchzog und sie einen Winner produzierte, riss es die Fans in den Arenen dieser Welt zu Recht von den Sitzen.
Wawrinka hat in seiner Karriere gelernt, Chancen zu ergreifen, zuzuschlagen, wenn die grossen Gegner gerade verwundbar waren, aber gleichzeitig auch über sich hinauszuwachsen, wenn er spürte, dass ein Coup möglich war. Er wurde zum Meister darin, das Maximum aus sich herauszuholen. Er kann bei weitem nicht mit den Statistiken und Titelgewinnen von Federer, Nadal, Djokovic oder auch Murray mithalten. Doch er ist jener Spieler, der sich mit harter Arbeit und enorm viel Leidenschaft zu Trophäen pushte, die andere, noch talentiertere Weggefährten bis heute nicht aufweisen können. Und es kann ihm auch niemand mehr nehmen, dass er zwischenzeitlich die Nummer drei der Welt war.
Freundschaft zu Federer
Wawrinka, der zusammen mit seinem Bruder Jonathan sowie den Schwestern Djanaée und Naëlla auf einem Bauernhof in Saint-Barthélemy VD aufwuchs, hat umgekehrt auch geschätzt, dass er auf nationaler Ebene mit Federer einen Weltstar an seiner Seite hatte. Schliesslich hat ihm dies auch Türen geöffnet: 2008 gewann das Duo an den Olympischen Spielen in Peking – nach einer fantastischen Performance von Wawrinka, die in der legendären Feuer-Jubelszene endete – Gold im Doppel. Und 2014 triumphierte die Schweiz dank Federer und Wawrinka erstmals überhaupt im Davis Cup.
Der Titel war auch der Beweis für die Freundschaft der beiden Schweizer Tennisaushängeschilder. Denn nur eine Woche zuvor hatte es an den ATP-Finals eine «kritische Situation» in ihrer Beziehung gegeben, wie Wawrinka es später nannte. In der Kabine sind die beiden aneinandergeraten, nachdem sich Wawrinka über Zwischenrufe von Federers Frau Mirka (darunter das berühmte «Cry Baby») genervt hatte. Die Episode wussten die beiden aber genauso gut einzuordnen wie den Fluch, den Wawrinka 2017 nach dem verlorenen Indian-Wells-Endspiel in Richtung von Finalgegner Federer ausstiess. Damals bezeichnete er ihn im Platzinterview scherzhaft als «Arschloch». Federer musste lachen und zeigte damit auch, wie locker die beiden miteinander umgingen. Wawrinka beschrieb seinen Landsmann seinerseits stets als «grossen Bruder und echten Freund».
Das Privatleben hielt der Sohn vom früheren Landwirt Wolfram, dessen Vater einst aus Deutschland eingewandert war, und von Isabelle Wawrinka zu grossen Teilen verdeckt. Stanislas, wie sein gebürtiger Name lautet, war mit Moderatorin Ilham Vuilloud verheiratet, bis die Ehe unschön und mit einer öffentlichen Schlammschlacht endete. Über die Jahre scheint das Verhältnis wieder entspannter geworden zu sein. In den letzten Jahren war zu sehen, wie Vuilloud und die gemeinsame Tochter Alexia (16) hin und wieder auf der Tribüne neben den Grosseltern sassen. So etwa in Paris, bei Wawrinkas French-Open-Dernière. Und auch nun beim Abschied in Basel.
Kein Mann der grossen Töne
Eine besondere Freundschaft verbindet Wawrinka mit seinem langjährigen Coach Magnus Norman (50). Die beiden fanden immer wieder zusammen, auch in Wawrinkas letztem Karriereabschnitt war der frühere Weltranglistenzweite Begleiter und Ratgeber. Der Schwede war bei allen drei Grand-Slam-Triumphen dabei. Kaum einer kennt Wawrinka, wie er leibt und lebt, so gut wie Norman.
Wawrinka war bis zum Schlusspunkt seiner Karriere kein Mann der grossen Töne, die Pressetermine mit ihm verliefen in ruhigen Bahnen. Doch der Vaudois, der zum Zeitpunkt seines Rücktritts im Herbst 2026 der älteste aktive Topspieler im ATP-Ranking war, scheute sich nicht, seine Meinung kundzutun. Wawrinka wurde in den letzten Jahren immer wieder zum Sprachrohr der ATP-Spieler. Er kritisierte den zu vollen Spielkalender oder das neue Format des Davis Cups. Und gleichzeitig genoss er sein scheinbar immer grösser werdendes Ansehen bei Fans auf der ganzen Welt.
Das für seinen Fanatismus bekannte Publikum an den French Open behandelte ihn seit Jahren wie einen Einheimischen. Wawrinka fühlte sich in Paris «adoptiert», wie er sagte. Und er wiederum erwiderte die Liebe der Franzosen nach Siegen mit Extra-Showeinlagen. «Stan, je t’aime», hiess es aber nicht nur in Roland Garros, sondern auch an den Swiss Indoors in Basel, wo es das Publikum schaffte, den Routinier bei seinem letzten Auftritt noch einmal tief zu berühren. Nach dem Federer-Rücktritt vor vier Jahren hatte die Sport-Schweiz ein weiteres Mal das Bedürfnis, einem ganz Grossen Danke zu sagen. Merci beaucoup für all die Emotionen, den Nervenkitzel und die Marathon-Siege, Stan!
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