Verwüstete Landschaften – «Megafeuer zeigen unser gestörtes Verhältnis zur Natur»

Der Hitzesommer hat uns gelehrt: Megafeuer sind keine Seltenheit. Die Philosophin Joëlle Zask erklärt, warum wir Feuer nicht nur bekämpfen, sondern unseren Umgang mit der Natur grundlegend überdenken müssen.
Joëlle Zask
Philosophin und Dozentin
Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen
Joëlle Zask forscht am Centre Norbert Elias zu politischer Ökologie, Demokratie und Bürgerbeteiligung. International bekannt wurde sie mit dem Buch «Quand la forêt brûle» (2019), einer Kulturphilosophie der Megafeuer. Zask warnt vor einem neuen Zeitalter der Megafeuer, die kaum mehr zu kontrollieren sind. Megafeuer sind für die Philosophin Ausdruck eines gestörten Verhältnis von Mensch und Natur.
SRF: Warum interessieren Sie sich für Waldbrände?
Joëlle Zask: 2017 brannte es im Cap Bénat im Var. Die Landschaft, die ich liebte, wurde verwüstet. Mir wurde klar: Verwüstung entsteht, wenn sich eine Zivilisation gegen sich selbst richtet. Diese Feuer sind keine Naturkatastrophen, sie offenbaren etwas über unser Verhältnis zur Natur.
Was genau?
Das Verhältnis ist gestört. Wir wollen die Natur ausbeuten und gleichzeitig haben wir eine romantische Vorstellung von unberührter Natur.
Sie argumentieren, Megafeuer seien nur möglich, weil der menschengemachte Klimawandel auf den Verlust von traditionellen Feuerkulturen trifft. Was meinen Sie damit?
Damit meine ich traditionelles Wissen darüber, wie Menschen mit Feuer und Wald umgehen können. Feuer wurde nicht nur als zerstörerische Kraft verstanden, sondern gezielt eingesetzt, um trockenes Material und Unterholz zu reduzieren, offene Flächen zu erhalten und damit Biodiversität und Waldgesundheit zu fördern.
Was ist ein Megafeuer?
Box aufklappen Box zuklappen
Als Megafeuer bezeichnet man besonders extreme Waldbrände, deren Ausbreitung kaum noch kontrollierbar ist. Sie können so intensiv werden, dass sie ihr eigenes Wetter erzeugen – etwa Feuerwirbel, starke Winde oder sogenannte Feuerbomben, die Glut weit über die Brandfront hinaustragen. Auch scheinbar gelöschte Flächen können wieder aufflammen.
Megafeuer zerstören Ökosysteme oft nachhaltig: Nicht nur Bäume, sondern auch Wurzeln und Böden können verbrennen. Die Folgen reichen über die betroffene Region hinaus. Rauch und Feinstaub belasten die Gesundheit und verstärken den Klimawandel. Asche kann Gewässer verschmutzen und Schadstoffe freisetzen.
Obwohl Megafeuer weltweit vergleichsweise selten sind, verursachen sie einen grossen Teil der gesamten verbrannten Fläche. Entscheidend ist dabei weniger eine bestimmte Grösse als die extreme Intensität und die fehlende Kontrollierbarkeit des Feuers.
Die Aborigines in Australien praktizieren solche Formen des kontrollierten Brennens seit rund 60'000 Jahren. Auch in Europa gab es vergleichbare Praktiken von Bauern, Schäferinnen und Dorfgemeinschaften. Sie transformierten den Wald und die Landschaften und machten sie dadurch robust.
Warum ging dieses Wissen verloren?
Die Moderne hat die traditionellen Praktiken verdrängt und abgewertet. Der Mensch betrachtete die Natur zunehmend als Ressource, die es maximal auszubeuten gilt. Ein Wirtschaftsmodell, das man Extraktivismus nennt. Gepaart ist dies mit einer Naturschutzpolitik, die Natur als unberührten Schutzraum versteht.
Was ist falsch an Schutzräumen für die Natur?
Eine Naturschutzpolitik, die den Menschen aus der Natur heraushalten will, hat Feuer lange konsequent unterdrückt und dabei die ökologische Funktion kontrollierter Brände unterschätzt.
Langfristig müssen wir unsere Lebensweise grundlegend ökologischer gestalten.
Ausbeutung und die Vorstellung unberührter Natur sind für mich deshalb zwei Seiten derselben Medaille.
Diesen Sommer gab es verheerende Feuer. Die Politik versprach mehr Löschflugzeuge, mehr Feuerwehr und bessere Ausrüstung im «Kampf gegen das Feuer». Sie sagen, das sei der falsche Ansatz.
Keine Technologie kann die Extremfeuer bezwingen. Die Feuerwehr ist wichtig, sie rettet Leben und kann evakuieren. Aber gegenüber Extremfeuern ist auch sie machtlos. Dennoch hält die Politik an dieser «Kriegslogik» fest.
Was wäre die Alternative?
Prävention: Eine andere Bewirtschaftung und Pflege von Wäldern und Landschaften. Wir müssen die Bauweise und Infrastruktur anpassen, Fluchtwege planen. Langfristig müssen wir unsere Lebensweise grundlegend ökologischer gestalten.
Spektakuläre Bilder der Katastrophe lösen grosse Emotionen aus, aber ohne zu mobilisieren.
Aber Prävention setzt einen Sinn für Komplexität voraus. Gegenwärtig erkenne ich diesen Willen weder in der Politik noch in der Bevölkerung.
Dabei sehen wir die Katastrophe auf Fotos und Videos. Schafft das nicht die nötige Aufmerksamkeit?
Die Bilder spektakularisieren die Katastrophe. Das löst grosse Emotionen aus, aber mobilisiert nicht. Im Gegenteil: Es betäubt. Medien müssten mehr über die Zusammenhänge und Handlungsspielräume berichten, statt die Katastrophe nur abzubilden.
Ist das Feuer vom Verbündeten des Menschen zu seinem Feind geworden?
Das Feuer war immer beides: Es spendet Leben, aber es hinterlässt auch Ruinen und Asche.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.