Visuelles Gedächtnis der Stadt – Zärtlichkeit und Zorn: Bilder eines verschwundenen Zürichs

Zwei Frauen lachen aus voller Kehle, die eine hält ein Baby an der Brust – eine gelöste Szene, wie man sie nicht aus dem Zürcher Frauenhaus erwarten würde. Dieser überraschende Blickwinkel ist typisch für Gertrud Voglers Reportagen: «Sie hatte die Gabe, Menschen nahe zu kommen, ohne voyeuristisch zu sein», sagt Stefan Länzlinger, Leiter des Zürcher Sozialarchivs.
Chronistin gesellschaftlicher Veränderungen
Gertrud Vogler war ausgebildete Verkäuferin und brachte sich das fotografische Handwerk in den 1970er-Jahren selbst bei. Es sei für sie ein Ausgleich zur monotonen Hausarbeit gewesen, sagte sie einmal. Obwohl sie früh ihren Mann verlor und alleinerziehend war, gelang es ihr, oft mit ihrer Kamera unterwegs zu sein und die Linse auf gesellschaftliche Brennpunkte zu richten. Von 1975 bis zur Jahrtausendwende dokumentierte sie soziale Bewegungen und gesellschaftliche Brennpunkte.
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Bild 1 von 3. Warten auf die Zukunft: Asylbewerber im Obergeschoss einer Turnhalle. (Aarau, 1986). Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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Bild 2 von 3. Romnja im Zürcher Albisgütli. (1995). Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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Bild 3 von 3. Obdachlosigkeit im Shopville: Die Einkaufspassage wird zum Reich der Armen. (Hauptbahnhof Zürich, 1989). Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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Für das Sozialarchiv ist ihr Werk eine wahre Fundgrube, sagt Länzlinger: «Sie hat viele soziale Bewegungen über lange Zeit dokumentiert und damit ein visuelles Gedächtnis der Stadt geschaffen.»
Protest gegen die bürgerliche Enge
Ein verschwundenes Zürich wird lebendig in den Bildern von Gertrud Vogler: Feste der Friedensbewegung, die Suche nach alternativen Lebensentwürfen, die Proteste gegen die bürgerliche Enge, die in den Revolten der 1980er-Jahre kulminierte.
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Bild 1 von 3. Razzia beim Autonomen Jugendzentrum (AJZ) in Zürich. (1980). Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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Bild 2 von 3. Besetzung an der Badenerstrasse beim Zürcher Stauffacher, bevor das Haus abgerissen und durch ein Shoppingcenter mit teuren Wohnungen ersetzt werden soll. (1984). Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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Bild 3 von 3. 1.-Mai-Umzug in Zürich an der Kreuzung Kanonengasse/Dienerstrasse. (1996). Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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Gertrud Voglers Bilder sind Zeitzeugnisse, oft mit poetischem Blick: «Zärtlichkeit und Zorn» steht auf einer Mauer, davor schläft ein Mann auf einer Bank – vielleicht im Rausch, vielleicht hat er kein Zuhause. Auch Wohnungsnot und Häuserbesetzungen sind ein wiederkehrendes Motiv.
«Sie tauchte in die Szenen ein, die sie fotografierte», sagt Länzlinger: «Durch ihre Präsenz hatte sie das nötige Vertrauensverhältnis.»
Nie ist es das Spektakuläre, das die Fotografin interessiert: Sie gibt auf subtile Weise Einblicke in Gemeinschaften. Während in vielen Medien reisserische Bilder der offenen Drogenszene kursierten, bediente Gertrud Vogler keinen Elends-Voyeurismus. Ihre Bilder lassen den suchtkranken Menschen ihre Würde, zeigen aber das Unwürdige der Situation.
Buchhinweis
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Gertrud Vogler: «Soziale Brennpunkte. Fotografien aus einer Zeit im Umbruch. 1975–2000». Herausgegeben von Stefan Länzlinger und Silvan Lerch. Scheidegger & Spiess, 2026.
Ein feiner Hintersinn spricht aus vielen ihrer Fotografien: Drei junge Frauen halten ein Plakat mit dem Slogan: «Männer = potenzielle Vergewaltiger. Frauen = potenzielle Opfer.» Daneben stehen drei junge Männer, die ratlos wirken, wie sie darauf reagieren sollen.
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Bild 1 von 3. Internationaler Frauentag in Zürich: Frauen protestieren, Männer stehen daneben. Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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Bild 2 von 3. «Hau ab!»: Die Doppeldeutigkeit zeigt sich, gerade an diesem Ort, wo viele Menschen in die Schweiz einreisten, um zu arbeiten. Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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Bild 3 von 3. «Alles wird gut»: Kein schlechter Willkommensgruss in einer reichen Stadt, die arm an günstigem Wohnraum ist. (Besetztes Wohlgroth-Areal in Zürich, 1993). Bildquelle: Schweizerisches Sozialarchiv / Gertrud Vogler.
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«Gertrud Vogler hatte ein Gespür für ironische und witzige Bildkompositionen», sagt Länzlinger. Ein Beispiel ist die Aufnahme eines Werbeplakats am Grenzbahnhof Buchs: Es zeigt einen Schweizer Käse, dazu ein Taschenmesser und die Aufforderung «Hau ab!». Die Botschaft wird doppeldeutig an diesem Ort, über den viele Saisonniers einreisten.
Fotografien, die über Zürich hinausweisen
Der Nachlass von Gertrud Vogler, die ab 1981 für die Wochenzeitung «WOZ» arbeitete, umfasst eine Viertelmillion Negative. An Nachruhm war sie nicht interessiert – als das Sozialarchiv ihr Werk übernehmen wollte, sei sie überrascht gewesen. «Sie sagte, es sei ihr Wurst, was damit passiere», erzählt Stefan Länzlinger, der sie vor ihrem Tod 2018 noch kennengelernt hat.
Umso schöner, dass dieser Schatz nun gehoben wurde. Gertrud Voglers Fotografien erzählen ein wichtiges Stück Gesellschaftsgeschichte, das über Zürich hinausweist.
Transparenzhinweis
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Der Mitherausgeber des Buches, Silvan Lerch, ist bei SRF tätig.
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