«Trump könnte Iran-Krieg als Ablenkung eskalieren lassen»

- Die Demokraten gewinnen die Midterms klar, Donald Trump und die Republikaner verlieren deutlich.
- Nahost-Experte Marcus Schneider sieht den Iran-Krieg als entscheidenden Grund für die Niederlage.
- Er warnt, Trump und Netanjahu könnten den Krieg als «Flucht nach vorn» eskalieren lassen.
- Eine Eskalation hielte Schneider für «sehr real», mit «katastrophalen» Folgen für Region und Weltwirtschaft.
Die Demokraten gewinnen die Midterms klar – für Donald Trump ist es eine schwere Niederlage. Nahost-Experte Marcus Schneider sieht im Iran-Krieg einen entscheidenden Grund dafür. Die Wahlschlappe könnte den Konflikt nun sogar nochmals gefährlicher machen.
Laut Schneider zahlte Trump gleich dreifach den Preis: Er brach sein «America first»-Versprechen, die Blockade der Strasse von Hormus trieb die Ölpreise hoch – und militärisch scheitert die Supermacht USA am stark sanktionierten und international isolierten Iran.
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Droht nun eine Eskalation als Ablenkung?
Kurzfristig könnte die Lage nach Schneiders Einschätzung sogar gefährlicher werden. Trump sei innenpolitisch angeschlagen und nach den Midterms eine «lame duck» – ein Präsident mit begrenzter politischer Zukunft.
«Er könnte die Flucht nach vorn antreten und mit einer Eskalation gegen Iran von seiner Niederlage ablenken», sagt Schneider. Auch Netanjahu befinde sich in einer ähnlichen Lage, nachdem er seine Mehrheit verloren habe. Beide könnten versucht sein, den Krieg nochmals hochzufahren, bevor sich die politische Stimmung in den USA stärker gegen Israels Kurs richte. «Das macht die Lage so gefährlich.» Schneider hält deshalb eine Eskalation für «sehr real».
Das ist der Experte
Was bedeutet das Wahlergebnis für die beteiligten Länder?
Iran
Iran hat laut Schneider bewusst versucht, die politischen Kosten des Kriegs für Trump zu erhöhen. Die Blockade der Strasse von Hormus sei Teil dieser Strategie gewesen – und offenbar erfolgreich. «Iran bleibt ein Trauma für das politische Establishment in Amerika.»
Doch das könne sich auch umdrehen: Sollte Trump aus Rache eskalieren, wären die Folgen laut Schneider «katastrophal» – für die Region, die Weltwirtschaft und den Iran selbst.
Israel
Für Israel sei es möglicherweise der letzte Moment, mit einer wohlwollenden US-Regierung und republikanischer Mehrheit im Kongress nochmals gegen Iran vorzugehen. Die Wahl ist eine Zäsur. «Nie war der politische Widerstand gegen das Land in den USA stärker», sagt Schneider. Die Sympathiewerte für Israel seien auf einem historischen Tiefstand, die Unterstützung für die Palästinenser nehme zu.
Zudem bröckle der jahrzehntelange parteiübergreifende Konsens zugunsten Israels. Demokraten, die den Krieg in Gaza als Völkermord und die Unterdrückung der Palästinenser als Apartheid bezeichneten, zögen in den Kongress ein. Aber auch in der MAGA-Basis wachse die Skepsis, sich für israelische Kriegsziele einspannen zu lassen.
«Eine künftige israelische Führung wird wieder politisch und nicht nur militärisch denken müssen», sagt Schneider. Ohne die bedingungslose Unterstützung der USA müsse Israel stärker auf regionalen Ausgleich setzen. «Die Zweistaatenlösung ist damit ein ganz klein wenig nähergerückt.»
Golfstaaten
Auch für die Golfstaaten eröffne das Resultat die Aussicht auf eine Nach-Trump-Welt. Schneider kritisiert, diese hätten politisch und wirtschaftlich stark auf Trump gesetzt – mit verheerendem Resultat für ihr Sicherheitsmodell.
Kurzfristig drohe aber das Gegenteil: Eskalieren Trump und Netanjahu den Konflikt nochmals, gerieten die Golfstaaten direkt ins Visier iranischer Vergeltung. «Energieinfrastruktur, Flughäfen, Entsalzungsanlagen – das wäre ein Untergangsszenario.»
Wie beurteilst du die Gefahr, dass Trump mit einer Eskalation gegen Iran von seiner Wahlniederlage ablenken könnte?
Welche Szenarien sind auch denkbar?
Eine Abkehr vom Krieg ist laut Schneider durchaus auch nicht auszuschliessen. Innerhalb der MAGA-Bewegung könnten sich jene Kräfte durchsetzen, die den Konflikt als Fehler bezeichnen. Trump könnte zudem versuchen, Sündenböcke für seine eigene Entscheidung zu suchen.
Auch ein Machtwechsel in Israel sei möglich, falls die Opposition Netanjahu stürze. Dafür müssten sich jüdische und arabische Parteien aber einigen. «Das Netanjahu-Lager wird alles versuchen, um eine Zusammenarbeit mit Arabern als Verrat darzustellen», sagt Schneider. Ein neuer Krieg mit Iran würde eine solche innenpolitische Radikalisierung zusätzlich befeuern.
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
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