Mr. Gay und seine Mission – «Wie Affen im Zoo»: Was queere Menschen im Sprechzimmer erleben

«Ich verspreche euch: Ich werde euch nicht hängen lassen.» Seine Stimme zittert, als er diese Worte im August 2025 in Amsterdam ins Mikrofon spricht. Michael Pereira ist gerade zum Mister Gay Europe gewählt worden – als erster Schweizer überhaupt.
Mit seinem Versprechen verbindet Pereira ein klares Ziel: Der im Wallis aufgewachsene Kinderarzt will den Titel nutzen, um queere Menschen im Gesundheitswesen vor Diskriminierung zu schützen. Die Jury des Wettbewerbs konnte er mit seinem Projekt überzeugen. Nun will er es umsetzen.
Unsicherheit im Behandlungszimmer
Kurz nach seiner Wahl zum Mister Gay Europe gründet der 32-Jährige den Verein «Safe to Grow». Mit ihm will Pereira Ärztinnen, Pflegende und anderes Gesundheitspersonal schulen, damit sich junge queere Menschen und Regenbogenfamilien im Gesundheitswesen sicher und respektiert fühlen.
Denn Pereira ist überzeugt: Viele Fachpersonen seien im Umgang mit queeren Menschen unsicher. Daraus könnten im Behandlungszimmer unangenehme Situationen entstehen, die Betroffene als Diskriminierung erleben. «Sogar ich komme teilweise an meine Grenzen. Wie sollen denn Leute, die sich noch nie mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, wissen, wie sie damit umgehen sollen?»
Pereira kann die Unsicherheit seiner Kolleginnen und Kollegen verstehen. Es fehle nicht am guten Willen, sondern an Wissen und Übung. Auch in seinem Medizinstudium sei das Thema kaum vorgekommen. Doch schon ein bestimmter Blick könne beim Gegenüber etwas auslösen.
Wer Angst habe, nicht ernst genommen zu werden, suche womöglich keine medizinische Hilfe mehr. «Das kann teilweise schon traumatische Ausmasse annehmen. Bei Leuten, die wirklich medizinische Betreuung brauchen, sich diese aber nicht holen, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben», sagt Pereira.
«Du fühlst dich wie ein Affe im Zoo»
Doch was erleben queere Menschen im Gesundheitswesen? Valerie ist 20 Jahre alt und trans. Im Rahmen ihrer Geschlechtsangleichung spritzt sie sich Hormone. Seither drehe sich bei Arztbesuchen oft alles nur noch darum, dass sie trans ist.
Selbst bei einer Blasenentzündung werde sie von einer Spezialistin zur nächsten geschickt: «Jede meiner Gesundheitsbeschwerden wird darauf geschoben, dass ich trans bin. Du fühlst dich halt wie ein Affe im Zoo. Du kommst dir einfach nicht gesehen, vernachlässigt, nicht wahrgenommen vor.»
Das alles hat dazu geführt, dass Valerie heute länger wartet, bevor sie medizinische Hilfe sucht. Dabei sind ihre Erwartungen sehr grundlegend: «Verständnis. Dass man mir zuhört, mir auch Glauben schenkt.» Und: «Dass man mich menschlich behandelt, genauso wie jede andere Patientin auch.»
Wie verbreitet ist das Problem?
Valeries Vertrauen ins Gesundheitswesen ist gesunken. So wie ihr dürfte es auch vielen anderen queeren Personen gehen. Das zeigt auch ein Forschungsbericht zur Gesundheit von LGBT-Personen in der Schweiz.
Die Hochschule Luzern untersuchte im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit die Gesundheit von LGBT-Personen in der Schweiz. Der 2022 veröffentlichte Forschungsbericht verbindet bestehende Forschung mit Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung und einer zusätzlichen Online-Befragung.
In dieser Online-Befragung berichteten insgesamt 26.6 Prozent der LGBT-Befragten, im Schweizer Gesundheitswesen mindestens einmal im Leben Diskriminierung oder Gewalt aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erlebt zu haben. Betrachtet man nur die trans und nichtbinären Befragten, lag der Anteil bei 44.4 Prozent.
Die Online-Befragung ist nicht repräsentativ. Die berichteten Diskriminierungserfahrungen und die besonders starke Betroffenheit von trans und nichtbinären Menschen stehen jedoch im Einklang mit Befunden anderer Studien.
Gemäss dem Bericht verzichten die befragten LGBT-Personen aus mangelndem Vertrauen mehr als doppelt so häufig auf Gesundheitsleistungen wie die Schweizer Wohnbevölkerung. Trans Menschen erleben laut Studien besonders häufig Diskriminierung.
Ein Besuch im Bundeshaus
Um sein Projekt voranzubringen, sucht Pereira auch nach politischer Unterstützung. Ein paar Monate nach seiner Wahl zum Mister Gay Europe wird er von der SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser ins Bundeshaus eingeladen. Sie hört solche Geschichten seit Jahren – von der Therapeutin über den Hausarzt bis zur Operation – und sagt: «Das sind nicht einfach Einzelfälle. Das ist ein strukturelles Problem.»
SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel teilt diese Einschätzung nicht. Für sie persönlich brauche es Pereiras Projekt nicht. Es würden «wieder teure Studien gemacht», und schlussendlich «könnten das auch Einzelfälle sein». Offen sei, ob schlechte Erfahrungen mit dem Queersein zusammenhingen oder andere Gründe hätten. Zudem habe man in der Schweiz ein sehr gutes Gesundheitssystem.
«Homosexuelle Menschen sind nicht normal»
Auch Aurelio hat mit Ärztinnen, Ärzten und Pflegepersonal schlechte Erfahrungen gemacht. Über Jahre. Er will anonym bleiben, sein Name ist geändert. «Wenn die Ärzte nicht wussten, dass ich homosexuell bin, habe ich eine normale Behandlung bekommen. Doch sobald sie es wussten, habe ich bemerkt, wie sich die Behandlung veränderte.»
Aurelio nimmt ein Medikament zur HIV-Prävention. Darum sei er vom medizinischen Personal immer wieder auf seine Homosexualität reduziert worden. Einmal habe ihn ein Arzt direkt gefragt, ob er schwul sei. Als er dies bestätigte, folgte eine Aussage, die Aurelio bis heute nicht aus dem Kopf bekommt: «Und dann hat er gesagt: ‹Ja, das ist der Grund für diese Situation. Homosexuelle Menschen sind nicht normal.›»
Wenn ich so etwas als junge Person erlebt hätte, wäre das absolut verheerend gewesen.
Aurelio fühlte sich als schwuler Mann abgestempelt. Die Belastung wurde so gross, dass er an einer Depression erkrankte, Suizidgedanken entwickelte und einen Abschiedsbrief schrieb. «Es gab ein Gefühl von: Ich bin kein Mensch. Ich bin nur ein Homosexueller. Wenn ich so etwas als junge Person erlebt hätte, wäre das absolut verheerend gewesen.»
Was Michael Pereira antreibt
Erfahrungen, wie Aurelio oder Valerie sie machen mussten, will Michael Pereira verhindern. Denn auch er weiss, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Pereira weiss schon früh, dass er schwul ist – doch bis er offen dazu stehen kann, dauert es Jahre.
Aufgewachsen im Bergdorf Zermatt wurde er über Jahre wegen seiner Homosexualität gemobbt. Selbst einen Regenschirm habe er sich nicht aufzuspannen getraut: Er fürchtete, damit als zu wenig männlich zu gelten. «Dann bin ich einfach ganz nass in die Schule gegangen.»
Das Gefühl, sich verstecken zu müssen oder falsch zu sein, hat Michael Pereira heute nicht mehr. Die schmerzhaften Erfahrungen in seiner Vergangenheit motivieren ihn heute dazu, für sich und andere queere Menschen einzustehen.
Erste Schulungen, erste Anerkennung
Pereiras Suche nach finanzieller Unterstützung für sein Projekt lief zunächst harzig. Angefragte Sponsoren sagten ab. Auch sein Arbeitgeber, das Kinderspital Zürich, lehnte einen Forschungsantrag ab. Doch inzwischen haben er und sein Team erste Schulungen durchgeführt und Unterstützung gefunden.
Im Oktober 2026 steht Pereira mit seinem Team im Berner Münster. Etwas mehr als ein Jahr nach seiner Wahl zum Mister Gay Europe wird Pereiras Verein mit einem «Swiss Diversity Award» ausgezeichnet.
In seiner Dankesrede spricht Pereira von queeren Kindern und Jugendlichen, die noch ihren Platz auf der Welt suchen. Und von Regenbogenfamilien, die Angst haben, nicht akzeptiert zu werden. «Für sie stehen wir heute hier.» Der Preis bedeutet für ihn auch Rückhalt: «Genau solche Momente wie jetzt zeigen uns, dass wir nicht alleine sind.»
Vertrauen ist fundamental im Gesundheitswesen. Aber es ist schnell verspielt. Ob er mit seinem Projekt jungen Menschen ersparen kann, was er selbst durchmachen musste, lässt sich heute noch nicht sagen. Pereira aber will sein Versprechen einlösen.
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