«Statt eines Heiratsantrags präsentierte er mir seine Freundin»

- Nach einer gescheiterten Ehe verliebt sich Pia erneut und fasst wieder Vertrauen.
- Ihr neuer Partner führt offenbar ein Doppelleben – und lässt sie kurz vor den gemeinsamen Ferien sitzen.
- Der Betrug bringt sie in eine psychische Krise. Noch heute, fünf Jahre später, kämpft sie mit Verlustängsten.
20 Jahre lang war Pia* verheiratet. Dann erfuhr sie, dass ihr Mann eine Affäre hatte. Die Ehe zerbrach, das Vertrauen in die Liebe war erschüttert. «Danach war ich extrem vorsichtig mit Männern», erzählt die 50-Jährige gegenüber 20 Minuten. Dass sie wenige Jahre später erneut einen schweren Betrug erleben würde, ahnte sie damals nicht.
Ihren neuen Partner kannte sie bereits von der Arbeit. «Er hat mir immer zugehört, Verständnis gezeigt und mich getröstet. Er gab mir die Hoffnung, dass es noch gute Männer gibt.» Auch ihre Familie kannte ihn seit Jahren. Ihr Bruder, der mit dem Mann Fussball gespielt hatte, sagte damals sogar: «Da hast du nun einen richtig guten Mann gefunden.»
«Meine Kinder hatten ihn sehr gerne»
Die beiden verliebten sich. Zehn Monate waren sie zusammen. Er lernte ihre drei Kinder kennen, damals 22, 18 und 11 Jahre alt. «Sie hatten ihn sehr gerne. Vor allem mein Sohn hatte viel Spass mit ihm.» Fast jeden Abend übernachtete er bei ihnen, in seiner eigenen Wohnung hing ein grosses gemeinsames Foto.
Die Beziehung beschreibt Pia rückblickend als intensiv und wunderschön. «Wir lachten viel, hatten nie Streit. Er überraschte mich ständig mit Blumen und Geschenken.» Heute würde sie dieses Verhalten als Lovebombing bezeichnen.
So aufmerksam er ihr gegenüber war, so wenig bekam sie allerdings von seinem Umfeld mit. Seine Freunde lernte sie nie persönlich kennen. Zweifel kamen zwar gelegentlich auf, doch er hatte stets eine plausible Erklärung. «Er schaffte es, dass ich dachte, ich sei durch die Geschichte mit meinem Ex-Mann einfach sehr misstrauisch geworden.»
Doch es gab auch Momente, in denen die heute 50-Jährige stutzig wurde. Einmal war er während eines Ausflugs in die Berge stundenlang nicht erreichbar. Später erklärte er, ein Freund habe gesundheitliche Probleme gehabt. Als Beweis schickte er ihr Fotos und weitergeleitete Nachrichten. «Heute weiss ich, dass er diese Nachrichten vermutlich selbst geschrieben hat.»
«Meine Kinder dachten an einen Antrag»
Im Sommer 2021 buchte ihr Partner zwei gemeinsame Reisen. Am 11. Oktober sollte es nach Barcelona gehen, wenige Tage später mit ihrem Sohn nach Paris ins Disneyland. «Ich habe mich riesig gefreut. Meine Kinder meinten sogar, er mache mir bestimmt einen Heiratsantrag auf dem Eiffelturm», erzählt Pia.
Welche Warnzeichen würdest du in einer neuen Beziehung am ehesten ernst nehmen?
Am Tag vor der Abreise schickte er ihr noch eine liebevolle Videobotschaft. Nachmittags folgten Herzchen-Nachrichten. Doch zum Abendessen erschien er nicht. Stattdessen kam eine SMS. Es tue ihm leid, er sei nun drei Wochen weg. Danach werde er ihr alles erklären. Er liebe sie über alles.
«Ich fiel in ein tiefes Loch. Ich war im Schockzustand», erinnert Pia sich. Trotzdem dachte sie zunächst, ihrem Partner sei etwas zugestossen. Verzweifelt versuchte sie, ihn zu erreichen, telefonierte seine Freunde und Arbeitskollegen ab.
«Er machte mich zur Affäre, die ich nie sein wollte»
Schliesslich rief Pia seine Schwester an. Diese erzählte ihr die Wahrheit: Ihr Partner war mit seiner langjährigen Partnerin für drei Wochen nach Namibia geflogen. Mit der Frau, die er stets als seine Ex-Freundin bezeichnet hatte.
Nach der Rückkehr der beiden suchte Pia die andere Frau auf. Gemeinsam mit ihrem Therapeuten hatte sie sich zuvor auf das Gespräch vorbereitet. «Sie öffnete die Tür. Wir sassen am Küchentisch und ich erzählte ihr alles.»
Für die andere Frau war die Nachricht ebenfalls ein Schock. «Es hat mich sehr traurig gemacht, dass ich ihr durch meine Geschichte so viel Leid brachte.» Besonders schmerzhaft sei gewesen, dass sie selbst ungewollt zur Affäre geworden war. «Mein Ex-Mann hatte mich über ein Jahr lang betrogen. Das Letzte, was ich jemals sein wollte, war die Affäre eines anderen Mannes.»
«Ich musste in psychiatrische Behandlung»
Die Folgen waren gravierend. Pia wurde arbeitsunfähig, musste in ein Kriseninterventionszentrum und psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. Schliesslich kündigte sie ihren Job und begann beruflich noch einmal von vorne.
Bis heute macht sie sich manchmal Vorwürfe. «Warum habe ich es trotz meiner Vorsicht nicht gemerkt?», fragt sie. Dabei habe ihr Partner sie sogar öffentlich an der Hand durch Winterthur geführt. «Er kannte so viele Menschen. Warum hat niemand etwas gesagt?»
«Es braucht viel Zeit und Geduld»
Inzwischen hat Pia wieder einen Mann an ihrer Seite. Doch die Angst ist geblieben. «Sobald wir eine richtig tolle Zeit haben, kommt manchmal der Gedanke: Es kann nicht sein, dass wir es so schön haben.»
Auch die erste gemeinsame Flugreise wurde zur Herausforderung. «Beim Packen kam plötzlich wieder diese Angst: Was, wenn er nicht am Flughafen steht?» Dass sie sich überhaupt wieder auf eine Beziehung einlassen konnte, verdanke sie auch ihrem Therapeuten.
Ihr neuer Partner habe viel Geduld mit ihr und sei sogar zu einigen Therapiesitzungen mitgekommen. Anderen Frauen, die nach einem Betrug das Vertrauen verloren haben, möchte sie deshalb eines mitgeben: «Glaubt noch an die Liebe. Aber es braucht viel Zeit und Geduld.»
*Name geändert
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.
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