Weltklimarat – Forschende wehren sich gegen Verschleppung von Klimabericht

«Wir arbeiten weiter»: Trotzig äussern sich knapp 120 Klimawissenschaftlerinnen und Klimawissenschaftler in einem offenen Brief zur Verzögerung ihrer Arbeit. Unter ihnen ist Sonia Seneviratne von der ETH Zürich. Sie hat schon länger eine führende Rolle bei den Berichten und ist langwierige Diskussionen und Verzögerungen gewohnt. «Aber so eine lange Verzögerung gab es noch nie», sagt Seneviratne.
Obwohl die Fakten zur Klimaerwärmung zu einem grossen Teil auf dem Tisch liegen, seien die Berichte des Weltklimarates weiterhin unersetzlich, sagt Seneviratne.
Wie geht es dem Klima? Wie und wo zeigt sich die Klimaerwärmung? Die Berichte des Weltklimarates sind sehr wichtig für die Politik. Insgesamt arbeiten Tausende Forschende daran mit.
Sie diskutieren in Teil 1 der kommenden Bestandsaufnahme nicht nur die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um die Erderwärmung, sie evaluieren in Teil 2 auch, wie gravierend die Auswirkungen in verschiedenen Bereichen sind, und in Teil 3, wo die einzelnen Länder bei der Reduktion der Treibhausgase stehen.
All diese Fragen seien so wissenschaftlich nach dem aktuellen Stand abgesichert, sagt Sonia Seneviratne von der ETH Zürich.
Ein zentraler Punkt ist: «Die Berichte sind von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfasst. Aber sie werden von den Ländern gutgeheissen», sagt Seneviratne. Und wenn die Länder jeweils ihre Zustimmung zum aktuellen Stand des Wissens gegeben haben, könne man im Prinzip nicht mehr dahinter zurück.
Erich Fischer, ebenfalls von der ETH Zürich und ebenfalls beteiligt am Bericht, stimmt Seneviratne zu. «Diese Tätigkeit ist unersetzlich. Insbesondere in einer Zeit, in der Fakten infrage gestellt, verwässert oder sogar falsche Fakten portiert werden.»
Eine Diskussion ohne Datengrundlage?
Doch verschiedene Länder, insbesondere ölfördernde Staaten wie Saudi-Arabien und Russland, aber auch Indien und einige andere weniger entwickelte Länder, fordern mehr Zeit für die Abfassung der Berichte. Diese Verzögerung bewirkt, dass die Berichte jetzt vielleicht nicht wie geplant 2028 vorliegen. Dann soll es die nächste grosse Bestandsaufnahme zur Frage geben, wo die Welt und die einzelnen Nationen bei der Bewältigung der Klimakrise stehen.
So drohen die Diskussionen an der Klimakonferenz in zwei Jahren zu einer Diskussion ohne gemeinsame Datengrundlage zu werden. Für die beteiligten Forscherinnen und Forscher ergäben sich daraus auch ganz praktische Probleme, sagt Fischer. «Einen komplexen Bericht mit Hunderten Autorinnen und Autoren zu schreiben, ohne zu wissen, wann er genau erscheinen soll, ist schwierig.»
Verzögerungen erschweren Forschungsarbeit
Forscherinnen und Forscher werden für ihre Arbeit nicht entschädigt. Sie machen diese Zusatzarbeit oft an Wochenenden oder auch in nächtlichen Meetings, teilweise abgegolten durch die Institutionen, für die sie sonst arbeiten – wie etwa die ETH Zürich oder die Universität Bern.
Zusätzliches Geld müsse einzig für die gemeinsamen Treffen gesprochen werden – aber auch dieses Budget sei nun verzögert. Und solange es nicht stünde, könnten auch keine Treffen organisiert werden, sagt Fischer.
Progressivere Länder wollen Blockade beenden
Die Forscherinnen und Forscher sind frustriert. Während sich ein Super-El-Niño aufbaut, die Meere Rekordtemperaturen aufweisen und nächstes Jahr vielleicht schon ein Plus von 1.7 Grad überschritten werden könnte, schaffen es die Regierungsvertreter nicht einmal, sich auf einen gemeinsamen Fahrplan für die wissenschaftlichen Grundlagenberichte zu einigen.
Dieser Fahrplan wird damit auch zu einem Diskussionspunkt der diesjährigen Klimakonferenz, die in drei Wochen in Antalya in der Türkei beginnt. Die breite Mehrheit der progressiveren Länder wird versuchen, die Blockade zu beenden.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.