Dieser Pilz lässt Menschen «kleine Männchen» sehen

- Der Pilz Lanmaoa asiatica aus der chinesischen Provinz Yunnan löst «Lilliput-Halluzinationen» aus.
- Betroffene sehen winzige, elfenhafte Gestalten.
- Eine Studie der University of Utah zeigt, dass der Röhrling eine bislang unbekannte halluzinogene Substanz enthält.
Sie gelten als Delikatesse und sind entsprechend beliebt. Doch kaum beginnt die Hauptsaison für den Pilz Lanmaoa asiatica, füllen sich die Spitäler in der südchinesischen Provinz Yunnan mit Patienten, die von einem ungewöhnlichen Symptom berichten: Sie sehen winzige, elfenartige Gestalten, die über Tische und Teller marschieren oder an Wänden emporklettern.
Diese als «Lilliput-Halluzinationen» bekannten Wahrnehmungen sind nach den kleinen Bewohnern der fiktiven Insel Lilliput aus Jonathan Swifts Roman «Gullivers Reisen» benannt. Nun liefert eine Studie der University of Utah eine Erklärung: Auslöser der Halluzinationen ist offenbar Lanmaoa asiatica.
«Mushroom madness» gibt es seit 1934
Der Röhrling wächst in den Kiefern- und Pinienwäldern der Region. Zwischen Juni und August wird er auf lokalen Märkten verkauft und in Restaurants zubereitet. Colin Domnauer, Doktorand an der Universität, entdeckte, dass der Pilz eine bislang unbekannte halluzinogene Substanz enthält. Diese könnte neue Einblicke in neurologische Erkrankungen sowie in die Frage ermöglichen, wie das Gehirn Wahrnehmung und Bewusstsein formt.
Bereits 1934 hatten westliche Forscher im Hochland von Papua-Neuguinea von Dorfbewohnern erfahren, die nach dem Verzehr eines wilden Pilzes ähnliche kleine Gestalten sahen. Die Kolonialverwaltung bezeichnete das Phänomen damals als «mushroom madness». Der niederländische Psychiater Jan Dirk Blom wertete später in einer systematischen Untersuchung 226 dokumentierte Fälle von Lilliput-Halluzinationen aus aller Welt aus. Demnach berichteten 96 Prozent der Betroffenen von winzigen, autonom handelnden Menschen. Für die Forschenden ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um regionalen Volksglauben, sondern um eine wiederkehrende biologische Reaktion handelt.
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Colin Domnauer reiste mehrmals nach Yunnan
Domnauer hörte während seines Studiums erstmals von seinem Mykologie-Professor von Lanmaoa asiatica. «Es klang so bizarr, dass es da draussen einen Pilz geben könnte, der märchenhafte Visionen hervorruft, von denen kultur- und epochenübergreifend berichtet wird. Ich war verblüfft und von Neugier getrieben, mehr darüber zu erfahren», sagte er der BBC.
Im Sommer 2023 reiste Domnauer während der Pilzsaison nach Yunnan. Auf den weitläufigen Märkten der Provinz fragte er Händler, bei welchen Pilzen man «kleine Männchen» sehe. Die Exemplare, auf die die kichernden Verkäufer deuteten, kaufte er und brachte sie zur Genomsequenzierung ins Labor.
Timer zeigte richtige Garzeit an
Im Südpazifik scheinen Menschen die Wirkung des wilden Pilzes zu kennen. «In einem Restaurant in Südchina, das Topfgericht serviert, stellte der Kellner einen Timer auf 15 Minuten und warnte uns: ‹Esst sie erst, wenn der Timer abgelaufen ist, sonst seht ihr womöglich kleine Männchen›», erzählt Domnauer.
Zurück im Labor untersuchte Domnauer Lanmaoa asiatica genauer. Chemische Extrakte des Röhrlings lösten bei Mäusen Verhaltensänderungen aus, die jenen beim Menschen ähneln: Zunächst wurden die Tiere hyperaktiv, anschliessend verfielen sie in einen längeren Zustand der Erstarrung, in dem sie sich kaum bewegten.
Nun wollen Domnauer und sein Team die genaue Substanz in Lanmaoa asiatica identifizieren. Pilze seien noch immer viel zu wenig erforscht, sagt der Wissenschaftler: «Wir kratzen beim Reich der Pilze gerade erst an der Oberfläche. Denken Sie nur an Penicillin – es wurde aus einem Pilz gewonnen und war wahrscheinlich das revolutionärste Medikament des letzten Jahrhunderts. Wer weiss, welche weiteren Wundermedikamente oder bahnbrechenden Erkenntnisse wir bei der Erforschung der Natur noch entdecken werden.»
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Karin Leuthold (kle), Jahrgang 1968, arbeitet seit 2005 für 20 Minuten und ist derzeit am Newsdesk tätig.
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