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Tuesday, September 22, 2026

Marokko wählt: Was das neue Parlament entscheiden kann

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27 Parteien stehen zur Wahl, wenn die Marokkanerinnen und Marokkaner an diesem Mittwoch (23.09.2026) über die Zusammensetzung ihres neuen Parlaments abstimmen. Insgesamt 395 Sitze hat die Abgeordnetenkammer, um die sich über 7200 Kandidaten bewerben, ein gutes Drittel, knapp 2700 von ihnen, sind Frauen. Insgesamt treten 27 Parteien zur Wahl an. Wahlberechtigt sind in Marokko 15,8 Millionen Menschen.

Als wichtigste Parteien gelten jene, die derzeit das Regierungsbündnis bilden: das wirtschafts- und rechtsliberale "Nationale Bündnis der Unabhängigen" (Rassemblement National des Indépendants, RNI) von Regierungschef Aziz Akhannouch, die sozialliberale Partei "Authentizität und Modernität" (Parti Authenticité et Modernité, PAM) und die rechtskonservative Partei "Unabhängigkeit" (Istiqlal PI).

Anhänger des RNI bei einer Wahlkampfkundgebung in Salé
Anhänger des RNI bei einer Wahlkampfkundgebung in SaléBild: Abdel Majid Bziouat/AFP

Im Zentrum des Wahlkampfs stehen wirtschaftliche und soziale Fragen: Arbeitsplätze, Jugendarbeitslosigkeit, Lebenshaltungskosten, Wohnraum, Bildung und Gesundheit. Die Nachrichtenagentur Reuters nennt eine Jugendarbeitslosenquote von rund 27 Prozent. RNI und PAM versprechen rund eine Million neue Arbeitsplätze. Hinzu kommen große Infrastrukturinvestitionen, auch im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2030.

Ein wenig beachteter Wahlkampf 

In der Öffentlichkeit ist der Wahlkampf dagegen kaum präsent. "Im Verhältnis zu dieser Dimension ist der Wahlkampf ausgesprochen langweilig und ereignislos", sagt Anja Hoffmann, Leiterin des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Rabat. Wenige Tage vor der Wahl sei diese weder in den Leitmedien noch im Straßenbild besonders sichtbar. "In den Augen vielen Menschen geht es offensichtlich nicht um sonderlich viel", so Hoffmann zur DW.

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Dafür gibt es mehrere Gründe. Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren machen rund zwölf Prozent der Bevölkerung aus, stellen aber nur etwa drei bis vier Prozent der registrierten Wähler. Einer im März veröffentlichten Afrobarometer-Umfrage zufolge vertraut zudem nur etwa ein Drittel der 18- bis 35-Jährigen Parlament, Regierungschef oder Parteien, berichtet Reuters. Laut Hoffmann gaben jüngere Erhebungen gar an, dass bis zu 70 Prozent der jungen Menschen kein Vertrauen in gewählte Institutionen setzen.

Für den marokkanischen Politikwissenschaftler Muhammad Shuqair geht es deshalb auch darum, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Junge Menschen müssten wieder das Gefühl bekommen, dass politische Beteiligung etwas bewirken könne, sagt er im Interview mit DW Arabisch.

Begrenzte Kompetenzen

Dabei sei die Abgeordnetenkammer durchaus wichtig, erläutert Hoffmann. Sie verweist auf deren Funktionen bei Gesetzgebung und Regierungskontrolle. So richteten dem Think Tank Tafra zufolgedie Abgeordneten während der ersten sechs Sitzungsperioden der Legislaturperiode 2021-2026 über 26.000 Fragen an die Regierung. In einer der untersuchten Sitzungsperioden habe diese allerdings nur 34 Prozent der Fragen beantwortet; auch die vorgesehene Antwortfrist von 20 Tagen sei teilweise deutlich überschritten worden.

Das marokkanische Parlamentsgebäude in Rabat
Das marokkanische Parlamentsgebäude in RabatBild: Artur Widak/NurPhoto/picture alliance

"Das politische System unterscheidet sich von dem, das wir typischerweise aus Europa kennen", sagt Hoffmann. Zwar habe die Verfassung dem Parlament 2011 größere Kompetenzen zugestanden. Strategische Bereiche wie Außenpolitik, Sicherheit, Militär und religiöse Angelegenheiten lägen jedoch vornehmlich in der Entscheidungsmacht des Königs. Die Regierung führt die laufenden Staatsgeschäfte, ist aber nicht unabhängig vom Monarchen: Der König ernennt den Regierungschef aus der stärksten Partei der Abgeordnetenkammer und leitet den Ministerrat.

Die Politikwissenschaftlerin Aisha Kadaoui spricht in einer Analyse für den Think Tank Toda Peace Institutevon einem System, in dem das Parlament formal gestärkt worden sei, ohne entsprechend politische Autonomie gewonnen zu haben. Wahlen entschieden über Parteien, Regierungsbildung und politische Prioritäten, veränderten aber nicht die grundlegende Machtarchitektur des Landes.

Geringes Ansehen 

Dieser begrenzte Handlungsspielraum erklärt auch einen Teil des geringen Ansehens der gewählten Institutionen. "Viele Wählerinnen und Wähler sind von den gewählten Instanzen sehr enttäuscht", sagt Hoffmann. Sie verweist auf zahlreiche Abgeordnete - allein in der vergangenen Legislaturperiode waren dies fast ein Zehntel der 395 Mandatsträger -, gegen die wegen Korruption oder finanzieller Delikte strafrechtlich vorgegangen wurde.

Die Wahl könne soziale und wirtschaftliche Probleme jedoch nicht allein lösen, betont Mohamed Ghouati, Professor für Öffentliches Recht und Politikwissenschaft an der Fakultät für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Salé. Entscheidend sei, ob die politischen Institutionen anschließend konkrete und messbare Ergebnisse lieferten, so Ghouaiti zu DW Arabisch.

Der marokkanische König Mohammed VI. Aufnahme aus dem Jahr 2024
Der marokkanische König Mohammed VI.; Aufnahme aus dem Jahr 2024Bild: LUDOVIC MARIN/AFP/Getty Images

Trotz dieser Enttäuschung sieht ein marokkanischer Menschenrechtler, der anonym bleiben möchte (Name der Redaktion bekannt), auch positive Entwicklungen im Wahlkampf. Einige Parteien hätten erstmals ausgearbeitete Programme mit konkreten Maßnahmen, Budgets, Zeitplänen und Angaben zur Umsetzung vorgelegt. Zudem seien sowohl junge Menschen als auch Frauen im Wahlkampf stärker präsent als bei früheren Wahlen.

Außenpolitische Fragen

Doch so wichtig das Parlament bei innenpolitischen Fragen ist - außenpolitisch sind seine Einflussmöglichkeiten begrenzt. Dies gilt etwa mit Blick auf die langjährige internationale Debatte um die Westsahara. Marokko hat für seine Position in den vergangenen Jahren wichtige internationale Unterstützung gewonnen, unter anderem durch die USA sowie Spanien und Frankreich. "Die Außenpolitik des Königreiches wird im Lande insgesamt als sehr erfolgreich wahrgenommen", sagt Hoffmann. Die Westsahara-Frage bestimme zunehmend, welche Staaten Marokko als Freunde oder Gegner betrachte.

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Anders sieht es im Verhältnis zuIsrael aus. Marokko hat seine Beziehungen zu Israel seit 2020 normalisiert; die Zustimmung zu diesem Kurs in der Bevölkerung ist seit Beginn des Gaza-Krieges jedoch deutlich zurückgegangen. Obwohl die islamistische PJD - die das Normalisierungsabkommen während ihrer Regierungszeit einst selbst mittragen musste - sich anlässlich neuerer Schritte kurz vor den Wahlen in einer Pressemitteilung dagegen aussprach, hat dies kaum wahlentscheidende Relevanz. Die großen politischen Parteien liegen in dieser Frage ohnehin auf der Linie des Königs, in dessen verfassungsrechtlich verankerter Kompetenz außenpolitische Strategiefragen liegen, wie Hoffmann betont.

Die Wahl entscheidet damit über die Zusammensetzung des Parlaments, die Regierungsbildung und darüber, welche Parteien soziale und wirtschaftliche Fragen gestalten. Über die grundlegenden strategischen Linien des Staates entscheidet sie dagegen nur eingeschränkt. Die Spannung zwischen einem arbeitenden Parlament und einer politisch übergeordneten Monarchie prägt auch diese Parlamentswahl.

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