Abschluss der Frankfurter Buchmesse: Halt dich an deiner Haltung fest

Die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins: Die Frankfurter Buchmesse ist vorbei, die Stimmung war durchwachsen, die Fronten waren geklärt.
Ist man in Berlin unterwegs und verliert aus irgendwelchen Gründen kurzfristig die Orientierung, wo man eigentlich arbeitet, so kommt man mitunter in die doch etwas skurrile Situation, dass es ausgerechnet der Welt-Ballon ist, der einem den Weg zum taz-Mutterschiff weist. Der Ballon macht Werbung für den nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Axel-Springer-Konzern, zu dem diese Zeitung eigentlich aus gutem Grund einen gewissen, wenn auch schwindenden Sicherheitsabstand einhält.
Auch auf der Frankfurter Messe gerät man unfreiwillig in Kontakt mit den Rechten aus der Rudi-Dutschke-Straße. Gleich neben dem taz-Stand steht auf einmal Ulf Poschardt, sein neues Buch, das Sequel zum „Shitbürgertum“ signierend. Gut, Massen an Menschen sind es nun auch nicht, die dem Springer-Granden aufwarten, und vom Niedergang des einst linken Westend-Verlags, der den Nachbarstand be- und Poschardts „Bückbürgertum“ vertreibt, konnte sich in jüngster Vergangenheit jeder selbst überzeugen. Doch ein Rechter bleibt selten allein, und so postete Poschardt stolz ein Selfie mit Gleichgesinnten aus Österreich, die das rechte Fiume-„Magazin für Reinkultur“ herausgeben. Auch die Publizistin Ellen Kositza konnte man sichten, dabei feiern die Rechtsradikalen doch mittlerweile eigentlich ihr eigenes Messefest in Halle.
Es ist diese Gleichzeitigkeit von allem, die Präsenz unabhängiger Verlage mit Indie-Programm neben riesigen Romance-Ständen, neben esoterischen Ein-Mann-Unternehmen, neben amerikanischen Universitätsverlagen, die dieses große Projekt Buchmesse mitunter absurd erscheinen lässt. So kann man sich von den Saudis und von Koranverlagen weitertreiben lassen zur China-Corner, zum Xi-Jinping-Einheitstisch, bis zum Stand von Kolumbien, wo die neue Regierung PR macht für ihren Kampf gegen den „kulturellen Marxismus“.
Doch das sind alles die oberen Stockwerke, das sind die Internationalen. In diesem Jahr kommt die Frankfurter Buchmesse mit neuem Konzept daher, wonach die Publikumsverlage in der ersten Etage untergebracht sind, was zum Schlendern anregen soll. Man schlendert dann also, schlendert vom KiWi-Stand, wo der mit dem Deutschen Buchpreis prämierte Roman „Die Lücken“ von Shida Bazyar viele Käufer:innen findet, zum riesigen Sebastian-Fitzek-Tempel, wo Fans der menschlichen Abgründe sich in einen Windkanal stellen können, um bei einem Gewinnspiel das goldene Los zu fangen.
Man schaut und hört zu, vor der Literaturbühne der Öffentlich-Rechtlichen, der unglaublichen Gisèle Pelicot, die über den Prozess gegen ihren Ehemann und 50 weitere Vergewaltiger spricht, der klugen Radka Denemarková, die als Abgesandte des diesjährigen Gastlands Tschechien auftritt, und schließlich auch noch Constantin Schreiber, der mit seinem Roman „Die Kandidatin“ 2021 unverhofft die Blaupause für aktuell besonders schrill vorgetragene, von red scare durchdrungene Warnungen vor dem von Berlin-Neukölln ausgehenden nahenden Kalifat lieferte.
Die Fronten sind geklärt
Sie ahnen es vielleicht schon: Gute Laune herrscht nicht gerade in Frankfurt. Die katastrophale Pisa-Studie, die jüngst veröffentlichten deutlichen Umsatzrückgänge im deutschen Buchmarkt, die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt, der immer noch im Sattel sitzende Wolfram Weimer; die Stimmung ist merklich gedrückt an diesen Messetagen. Weimer, den jüngste Recherchen der Lüge in Bezug auf die angeblichen Bedenken von Seiten des Verfassungsschutz gegen die Auszeichnung dreier linker Buchläden überführten, noch im Frühjahr in Leipzig dominierendes Messethema, taugte dabei kaum noch zum Aufreger. Nicht einmal Buhrufe erntete der Kulturstaatsminister bei der Messeeröffnung am Dienstag.
Die Fronten scheinen verhärtet, die Akteure abgeklärt. Abgrenzende Worte („die Machtfrage stellen“) fand etwa auch der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels Sebastian Guggolz bei eben jener Eröffnung, über das Messegelände trägt er demonstrativ einen Stoffbeutel einer der ausgeschlossenen Buchhandlungen aus Berlin, „Zur schwankenden Weltkugel“. Ein weiterer geschasster Buchladen, die „Rote Straße“ in Göttingen, weist dabei live die nun eben auch offiziell entkräfteten Extremismusvorwürfe von sich. „Wir sind alles coole und normale Leute“, sagt ein Kollektivmitglied bei einem Panel am Stand der Frankfurter Rundschau, das würde auch in der Göttinger Stadtbevölkerung niemand bezweifeln.
Irgendwo sind also alle einer Meinung, so scheint es, in der kleinen deutschen Buchwelt. Selbst am Stand der FAZ wird seitens der Zeitung im Gespräch mit dem US-Autor Colson Whitehead Brecht („Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“) zitiert. Verwiesen sei an dieser Stelle auch noch mal auf die Preisrede Shida Bazyars, in der sie betonte, dass es in Deutschland im Moment keine Minderheit gebe, die keinen Grund zur Sorge habe und die in den Medien und vor allem auf Social Media großen Anklang fand. Haltung zeigen: Doch woran hält sich die Haltung fest, wenn ihr zunehmend der Boden unter den Füßen weggezogen wird?
Die Muse KI
Es ist ja jetzt schon so eine Sache mit dieser seltsamen Gleichzeitigkeit. Während KI bestimmendes Thema auf der Messe ist, über Verdachtsfälle, Gefahren, aber auch über Kunst und den menschlichen Odem diskutiert wird, ist in den Business-Etagen der Messe eben dieser menschliche Odem bloß ein Kostenfaktor unter vielen. Die positiv auf KI Bezug nehmenden Veranstaltungen sind zahlreich: Wie KI „ungenutztes Umsatzpotential“ erschließen kann, wird da gelehrt, KI für optimierte Workflows im Verlagswesen angepriesen oder gleich gefordert: „Let’s make AI our muse“. Und mal ehrlich: Ist menschengemacht in Frankfurt wirklich noch state of the art, wenn selbst in den zur Buchpreisverleihung produzierten Videos der Nominierten KI-Bilder zum Einsatz kommen?
Irgendwo drückt sich auf der Buchmesse aber auch ein Mut machender Glaube an Universalismus aus: Dass gute Geschichten über tief empfundene Gefühle überall verstanden werden können. Warum sonst sollte man ein Kinderbuch von den Färöer Inseln übersetzen, warum einen Roman über eine schwindende Liebe aus Argentinien?
Und Perlen finden sich schließlich auch auf dem Messegelände, wenn man sich durch das Meer an Menschen treiben lässt und dem Sirenengesang lauscht, der zum Beispiel aus dem Mund von Martin Piekar kommt. Mit welcher Ernsthaftigkeit der deutsch-polnische Schriftsteller an einem kleinen Stand des Hessischen Literaturrats die Wichtigkeit der gesprochenen Sprache in der Literatur betont, inmitten des den Stand umspülenden Menschengewirrs mit fester Stimme aus seinem Romandebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“ liest und in wenigen Seiten die ganze komplexe Beziehung zwischen einem Sohn und seiner Mutter anzitiert, ist so beeindruckend wie berührend. Es entschädigt für vieles.
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