«Fast überall war Kokain präsent» – Tests schlagen im Tessin an

Darum gehts
- In 24 von 30 getesteten Orten in Lugano und Locarno wurden Kokainspuren nachgewiesen.
- Abwasseranalysen bestätigen den weit verbreiteten Kokainkonsum im Tessin.
- Experten warnen vor einer Normalisierung und den schweren gesundheitlichen Risiken von Kokain.
Von einem heimlichen Kokainkonsum kann im Tessin nicht die Rede sein. In einem aktuellen Test wurden Spuren der illegalen Droge in 80 Prozent aller untersuchten Nachtclubs auf den Toiletten nachgewiesen. Rückstände wurden an 24 der 30 untersuchten Orte in den Regionen Lugano und Locarno entdeckt. Auch im Cornaredo-Stadion wurde das Team fündig. Zu diesem Zeitpunkt trat der FC Lugano gegen Maccabi Tel Aviv an.
«Fast überall war Kokain präsent»
«Bars, Nachtclubs, öffentliche Plätze, Treffpunkte für Jugendliche und Familien, sogar die mobilen Toiletten in Lugano Marittima: Überall, wo wir hinkamen, war Kokain präsent – oder fast überall», schreibt RSI. Auch für den Test (siehe Box) verantwortlich war die Redaktion der TV-Sendung «Patti Chiari». Kokain sei weit verbreitet.
Bereits vor zwei Jahren berichtete 20 Minuten «Reporter!n» von der offenen Drogenszene in Lugano. Das Team traf damals unter anderem Jonas*, der die dortige Szene als «dreckig» und «schlimmer als in Zürich» beschrieb (siehe Video oben).
So wurde getestet
Ausgestattet mit speziellen Tüchern, die Spuren von Kokain und Crack durch eine blaue Verfärbung nachweisen können, besuchte das Team an Sommerwochenenden die Toiletten von Bars, Nachtclubs und öffentlichen Einrichtungen in den Regionen Lugano und Locarno. Dort wischte es die Oberflächen ab. Oft wurden sie fündig.
Das von der «Patti Chiari»-Redaktion festgestellte Muster wird durch Abwasseranalysen bestätigt, die im Auftrag der Eidgenössischen Wasserforschungsanstalt (Eawag) in Lugano und Umgebung durchgeführt wurden. Im jüngsten europäischen Ranking belegt Lugano Platz 18 von 129 Städten. Genf und Zürich gehören sogar zu den Top 10. Locarno ist nicht gelistet.
Kokainkonsum in Locarno: Das sagt die Stadt
Laut Elena Zaccheo, Vorsteherin des dortigen Sicherheitsdepartements, ist man sich in der am Lago Maggiore gelegenen Stadt der Problematik bewusst: «In den vergangenen Jahren haben wir eine zunehmende Verfügbarkeit der Substanz beobachtet: Das Angebot ist gestiegen, die Preise sind gesunken und der Zugang ist einfacher geworden.» Zudem beobachte man, dass Kokain oft als Ventil für Druck und persönliche Belastungen betrachtet werde. Entsprechend handele es sich um ein Problem, «das in seiner ganzen Komplexität angegangen werden muss», so Zaccheo. Durch etwa Polizeiarbeit, Prävention, Information und sozial- und gesundheitsbezogene Dienste.
Laut einer aktuellen Analyse von Sucht Schweiz nimmt der Kokainkonsum im gesamten Land zu. Nicht nur für die Betroffenen selbst, auch für ihre Angehörigen ist das mitunter sehr problematisch.
Eines der grössten Risiken: Kokain als beherrschbar anzusehen
«Ich bin weniger überrascht als vielmehr besorgt», sagt Marcello Cartolano von der Suchtberatungsstelle Ingrado angesichts der Testergebnisse. «Sie bestätigen die Normalisierung von Kokain im sozialen Kontext.» Viele Menschen würden jemanden kennen, der konsumiert. Für manche gehöre es mittlerweile zum festen Bestandteil ihres Abends, so der Suchtexperte. Genau diese Wahrnehmung der Substanz als etwas Beherrschbares und nicht besonders Gefährliches stelle eines der grössten Risiken dar. Kokain habe zu Unrecht ein sauberes Image.
Wie stehst du zu Kokain?
Dass Kokainkonsum alles andere als harmlos ist, weiss auch Marco Valgimigli, Leiter der Kardiologie am Cardiocentro Ticino in Lugano: Kokain könne zu Herzmuskelentzündungen, Herzinfarkten und sogar Herzstillstand führen. «Schon ein einziger Konsum genügt», warnt er.
*Name der Redaktion bekannt.
Folgst du schon 20 Minuten auf Whatsapp?
Eine Newsübersicht am Morgen und zum Feierabend, überraschende Storys und Breaking News: Abonniere den Whatsapp-Kanal von 20 Minuten und du bekommst regelmässige Updates mit unseren besten Storys direkt auf dein Handy.
Fee Anabelle Riebeling (fee) arbeitet seit 2014 für 20 Minuten. Sie ist stv. Leiterin Wissen/AI, Data und Leiterin des Fachgremiums Faktencheck & Verifikation.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
