Amoktat von Aarau – «Schwere Taten sind auch ohne psychische Krankheit möglich»

Auch nach der Medienkonferenz zur Amoktat von Aarau bleiben viele Fragen offen. Der mutmassliche Täter war nicht vorbestraft. Hinweise auf eine schwere psychische Störung oder einen extremistischen Hintergrund gibt es bisher nicht. Der forensische Psychologe Jérôme Endrass ordnet ein, was ihm an diesem Fall auffällt, und sagt, ob sich eine solche Tat verhindern liesse.
Jérôme Endrass
Co-Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie, Uni Konstanz
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Jérôme Endrass ist seit 2011 Co-Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie an der Universität Konstanz. Zudem ist er seit 2019 Forschungsleiter im Zürcher Justizvollzug.
SRF News: Was fällt Ihnen an den neuesten Erkenntnissen auf?
Jérôme Endrass: Drei grosse Themen: Die Person war offenbar nicht vorbestraft. Zudem gibt es keine Anhaltspunkte für eine schwere psychische Störung. Die Polizei sprach zwar von psychischen Problemen. Es gibt aber keine Hinweise, dass der Mann bereits behandelt worden oder in einer psychiatrischen Klinik war. Drittens geht die Polizei explizit nicht von einem extremistischen Hintergrund aus. Diese drei Faktoren gehören zu den häufigsten Risikofaktoren, die wir bei Attentaten sehen. Im vorliegenden Fall scheinen sie keine Rolle gespielt zu haben.
Welche Krankheitsbilder können zu einer solchen Tat führen?
Man muss zwischen einer psychischen Störung und psychischen Problemen unterscheiden. Probleme haben keinen Krankheitswert. Sie können uns Menschen aber über den Kopf hinauswachsen. Wenn jemand aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur nicht damit umgehen kann, kann es in seltenen Fällen zu Straftaten kommen. Menschen können wegen persönlicher Probleme sehr schwere Taten begehen, ohne im engeren Sinne psychiatrisch krank zu sein.
Lassen sich solche Taten überhaupt verhindern?
Prävention ist möglich, wenn sich eine Person auffällig verhält. Dann wird man überhaupt erst aufmerksam und kann sich den Fall genauer anschauen. Manche kündigen Delikte an. Man spricht von Leaking-Verhalten. Allerdings kündigen viele Menschen solchen Unsinn an, aber die allerwenigsten tun das dann auch. Für die Behörden ist es deshalb schwierig, zu erkennen, welche Fälle gefährlich sind. Es gibt aber auch Situationen, in denen es kaum Vorzeichen und kaum Vorlauf gibt. Dann ist man letztlich blind und hat keine Chance, zu reagieren.
Wird die tatverdächtige Person als mysteriös oder faszinierend dargestellt, kann dies die Tat für mögliche Nachahmer attraktiver machen.
Besteht durch die Berichterstattung die Gefahr von Nachahmern?
Diese Gefahr besteht. Von Schulamokläufen wissen wir, dass sich junge Menschen stark davon beeinflussen lassen können, was sie über frühere Taten lesen und wie intensiv sie sich damit beschäftigen. Deshalb spielt es eine Rolle, wie über eine solche Tat berichtet wird. Wird die tatverdächtige Person als mysteriös oder faszinierend dargestellt, kann dies die Tat für mögliche Nachahmer attraktiver machen. Eine neutrale, nüchterne und faktenbasierte Berichterstattung senkt hingegen das Risiko einer Nachahmung.
Es gibt keinen direkten linearen Zusammenhang zwischen der Schusswaffendichte und der Zahl der Attentate oder Amoktaten.
Was sagt die Wissenschaft zum Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Waffen und Amoktaten?
Es gibt einen Zusammenhang, allerdings weniger bei der Frage, ob jemand eine Tat begeht, als bei deren Folgen. Niemand verübt allein deshalb ein Attentat, weil er zufällig eine Waffe vor der Nase hat. Aber es spielt eine Rolle, wie schwer die Auswirkungen sind. Wenn man ein Attentat begeht und nur ein Messer hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass gleich viele Menschen schwer verletzt werden wie bei einem Angriff mit einem Sturmgewehr. Wichtig zu betonen: Es gibt keinen direkten linearen Zusammenhang zwischen der Schusswaffendichte und der Zahl der Attentate oder Amoktaten. Die Schweiz ist dafür das beste Beispiel: Wir haben eine sehr hohe Schusswaffendichte und wenig solche Vorkommnisse.
Das Gespräch führte Noëmi Ackermann.
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