Viele «Ung’fälle»: Randa lebt seit Jahrhunderten mit Gefahren

- Nach Gletscherabbrüchen und starken Bewegungen gilt am Dorfrand von Randa ein Aufenthaltsverbot.
- Das Bergdorf im Walliser Mattertal wurde in seiner Geschichte immer wieder von Gletscher- und Bergstürzen getroffen.
- Seit den schweren Bergstürzen von 1991 wird der Berg mit modernen Messsystemen eng überwacht.
Die Gesteinsmassen rund um das Bergdorf Randa im Walliser Mattertal sind stets in Bewegung, meist leicht und ohne Folgen für die rund 450 Bewohnenden. Doch am Montagnachmittag brachen am Hängegletscher Weisshorn Ost mindestens drei Teile ab. Weiter wurden stark beschleunigte Bewegungen festgestellt.
Die Gemeinde setzte daraufhin eine Warnung ab. Weil weitere Abbrüche nicht ausgeschlossen werden können, wurde für das definierte Gefahrengebiet am Dorfrand ein Aufenthaltsverbot verhängt. Für die Menschen in der Region nichts Ungewöhnliches, wie Lotti zu 20 Minuten sagt: Im Wallis wachse man damit auf, den Blick stets auf die Berge zu richten und mögliche Gefahren im Auge zu behalten.

Fels, Eis und Schnee: Die Liste der «Ung’fälle» ist lang
Dass das auch speziell für das Bergdorf Randa gilt, zeigt ein Blick auf dessen Geschichte. Denn in den letzten Jahrhunderten kam es dort immer wieder zu ganz unterschiedlichen Ereignissen am Berg, die auch die Gemeinde im Tal betrafen. Die Liste der «Ung’fälle» von Randa sei lang, heisst es im «Walliser Jahrbuch 2017» (PDF). Bis 1999 seien «nicht weniger als 20 Gletscherstürze» dokumentiert. Darunter gewaltige.
Immer wieder auch tödliche Eis-Schneelawinen
Wegen der starken Neigung des unteren Teils des Bisgletschers lösten sich in der Vergangenheit immer wieder grössere Massen und stürzten ins Tal. Im Januar 1636 brachte eine kombinierte Eis-Schneelawine in Randa 37 Menschen den Tod. 84 Jahre später kamen bei einem ähnlichen Ereignis zwölf Personen ums Leben. Weitere Eis-Schneelawinen in den darauffolgenden Jahrzehnten führten zu Gebäudeschäden und veränderten vor allem die Landschaft: Oftmals blockierten die niedergestürzten Eismassen den Abfluss der Vispa, wodurch es zur Bildung eines Sees kam. Mitunter kam es in der Folge zu Überschwemmungen in Randa. Auch Bahnlinie und Strasse im Mattertal wurden immer wieder verschüttet.

1819 stand Randas Zukunft auf der Kippe
Besonders schwerwiegend waren auch die 13 Millionen Kubikmeter Eis und Schnee, die im Dezember 1819 ins Tal donnerten. Allein der Luftdruck des Staubanteils der Lawine zerstörte damals 113 Gebäude und forderte zwei Menschenleben, wie die ETH Zürich unter Naturgefahren Gletscher schreibt. «Die zwei Getödteten (!) gehörten benachbarten Ortschaften an, ein Missgeschick hatte sie eben vorübergeführt», zitiert das Walliser Jahrbuch 2017 Pfarrer Johann Schulzki in St. Niklaus.
«Sicher ist man nur dort, wo es Gott will.»
Der Kantonsingenieur Ignaz Venetz soll nach dem «Ung’fall» von 1819 für Randa keine Zukunft mehr gesehen und vorgeschlagen haben, das Dorf weiter talwärts nach Täsch zu verlegen, heisst es weiter. Dagegen habe Pfarrer Moritz Tscheinen mit der Allmacht Gottes argumentiert: «Die Bewohner leben, unbekümmert für die Zukunft, in so drohender Gefahr, sich mit einer seltenen Resignation der väterlichen Anordnung Gottes überlassend, mit den Worten: Sicher ist man nur dort, wo es Gott will.»
1973 wurde ein Abbruch erstmals vorhergesehen
Das Bergdorf blieb damals, wo es schon immer war. Auch weiterhin erlebten die Bewohnerinnen und Bewohner Abbrüche und Eisstürze. Anders als in früheren Jahrhunderten traf es sie jedoch nicht mehr aus heiterem Himmel. Der grosse Eissturz vom 14. Juli 1973, bei dem rund 130’000 Kubikmeter vom Hängegletscher in der Nordflanke am Ostgrat des Weisshorns stürzten, war dank zuvor in der Region installierter Bewegungsmesser vorhergesehen worden, schreibt die ETH. Randa kam mit dem Schrecken davon: Die Lawinen kamen auf einem tiefer liegenden Gletscherfeld zum Stillstand. Es sind keine bedeutenden Schäden bekannt.
Warst du schon einmal in Randa?
1991: Das Jahr, das für Randa viel veränderte
Anders war das im Jahr 1991, das in der Gemeinde als «ausgesprochenes Katastrophenjahr» gilt. Bei drei aufeinanderfolgenden Bergstürzen innert weniger Wochen stürzten über 30 Millionen Kubikmeter Gestein ins Tal. Wie die Region auf ihrer Website schreibt, sind auch heute noch «Felsblöcke so gross wie ein Einfamilienhaus» im Tal zu sehen. Das Ereignis damals gilt als einer der grössten Felsstürze des 20. Jahrhunderts.
Menschen kamen 1991 nicht zu Schaden. Allerdings fanden 35 Schafe und sieben Pferde den Tod. Über 30 Landwirtschaftsgebäude, Häuser und Ställe wurden verschüttet. Ebenso die Bahnstrecke und Strassen. Auch eine Stromleitung wurde zerstört. Nach dem dritten Sturz wurde zudem die Vispa auf einer Länge von 1,3 Kilometern gestaut. Nach Gewittern kam es mehrfach zu Überschwemmungen Randas. Insgesamt entstand ein Schaden von über 80 Millionen Franken, so das Forschungszentrum für die alpine Umwelt Crealp.
Die Abbrüche vor 35 Jahren kamen für die Fachwelt unerwartet: Niemand hatte mit einem Ereignis dieses Ausmasses gerechnet. Damit so etwas nie wieder passiert, wird der Berg seither mithilfe modernster Technologien überwacht. Die Landschaft steht unter Dauerbeobachtung. Installiert sind heute unter anderem GPS, Reflektoren, Laserscans, Kameras, verschiedene Radare und automatische Messsysteme.
Auch andere Massnahmen wurden ergriffen
Damit es im Falle des Falles glimpflich ausgeht, hat man zwischenzeitlich auch andere Vorkehrungen getroffen. Zum Beispiel wurde direkt nach dem Dreifach-Bergsturz von 1991 mit der Errichtung eines 3,5 Kilometer langen Stollens begonnen, durch den die Vispa bei Hochwasser abfliessen kann. Er wurde zwei Jahre nach der Katastrophe fertiggestellt. Zudem gibt es in der Region heute Verbauungen gegen Lawinen und Murgänge. Gibt es Anzeichen für einen bevorstehenden Abbruch, werden die Menschen in Randa per Gemeinde-App gewarnt.
Messungen waren es auch, die zu den aktuellen Massnahmen in Randa geführt haben. Bereits im Juni war eine erhöhte Bewegung am Hängegletscher festgestellt und der Gefahrenbereich definiert worden. Danach hatte sich der Berg beruhigt. Nach einer erneuten Verschärfung der Situation wurde die Überwachung auf Stufe 3 erhöht und die Situation in einem engmaschigeren Rhythmus überwacht.
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Fee Anabelle Riebeling (fee) arbeitet seit 2014 für 20 Minuten. Sie ist stv. Leiterin Wissen/AI, Data und Leiterin des Fachgremiums Faktencheck & Verifikation.
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