Vatikan – «Der Papst ist einer wie du und ich»

Bei Papst Leo XIV. ist ein Teil eines Lungenflügels wegen eines bösartigen Tumors entfernt worden. Die Diagnose Lungenkrebs trifft statistisch gesehen täglich Tausende Menschen. Dass es auch das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche treffen kann, mag darum – nüchtern betrachtet – logisch sein, und doch bewegt es naheliegenderweise Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.
Krankheiten des Papstes früher tabu
Bemerkenswert dabei ist vor allem, dass die Welt überhaupt so schnell und so präzise davon erfährt. Jahrhundertelang galt der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden. Ein Mensch zwar, aber entrückt von allem Irdischen, näher bei Gott als alle anderen im Diesseits. Der Gesundheitszustand des Papstes war darum ein Tabu, Informationen darüber flossen spärlich oder gar nicht.
Diese Mentalität hielt noch nach der Jahrtausendwende an. Bei Papst Johannes Paul II., so erfuhr man später, wurde zwar hinter den Vatikan-Mauern bereits 1991 die Parkinson-Krankheit diagnostiziert. Offiziell war davon aber erst 2003 die Rede.
Radikaler Bruch mit Geheimniskrämerei
Mit dieser Geheimniskrämerei hat Papst Leo nun radikal gebrochen – noch dezidierter als sein Vorgänger Franziskus. In beispielloser Offenheit hatte er am Sonntag am Ende seines traditionellen Angelus-Gebets vor den Gläubigen auf dem Petersplatz selbst über die bevorstehende Operation informiert und sich damit von einer sehr menschlichen Seite gezeigt.
«Der Papst ist einer wie du und ich», sagte heute eine Gläubige vor dem Gemelli-Spital. «Manchmal geht es uns besser, manchmal schlechter.» Und ein Mann meinte: «Der Papst zeigt uns, dass er nichts Besonderes ist. Er ist einer von uns.» Beide waren wie Dutzende andere gekommen, um der Ankunft des Papstes im Spital beizuwohnen, ihm für den Eingriff Mut zu machen oder für ihn zu beten.
Auch nach dem Eingriff hat der Vatikan jetzt mit der gleichen Offenheit informiert: Wenige Stunden nach Ende der Operation wurde der Befund publik gemacht, in einer Medienmitteilung, schnörkellos und nüchtern, weder dramatisierend noch verniedlichend.
Heilungschancen gelten als gut bis sehr gut
Ja, der Papst hat Krebs, er ist aber nicht todkrank. Nach dem, was wir aus den Informationen aus dem Vatikan wissen, hatten die Ärzte mit dieser Diagnose gerechnet. Die Entfernung eines Teils eines Lungenflügels ist im Falle des festgestellten Adenokarzinoms die Standardbehandlung und die Heilungschancen gelten nach einer erfolgreichen Operation im Frühstadium – und als solches schätzten es die Ärzte ein – als gut bis sehr gut.
Dass also der Papst, wie angekündigt, nach dem 20. Oktober seine Aufgaben wieder wahrnehmen und Anfang November wie geplant nach Südamerika reisen kann, bleibt nach wie vor möglich. Und doch: Eine Krebsdiagnose verändert ein Leben, nimmt ihm ein gutes Stück sicher Geglaubtes und sie führt einem vor Augen, dass gesund sein nicht selbstverständlich ist. Das gilt für den Papst genau so wie für alle anderen Menschen.
Curdin Vincenz
Korrespondent für Italien und den Vatikan
Curdin Vincenz arbeitet seit 1998 für SRF. Seit August 2026 berichtet er aus Rom über das Geschehen in Italien und dem Vatikan. Davor war er 10 Jahre Bundehausredaktor. Frühere Funktionen bei SRF waren unter anderen Regionalkorrespondent in Zürich und Moderator und Produzent der Radio-Informationssendungen «Rendez-vous» und «Info 3». Vincenz hat an den Universitäten Bern und Zürich Geschichte, Politikwissenschaft und Staatsrecht studiert.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.