Eine unheilige Allianz – Grossmächte könnten Ukraine in die Knie zwingen

Das britische Magazin «The Economist» erinnerte dieser Tage an ein Bonmot, das Singapurs Staatsgründer Lee Kuan Yew gerne verwendete: «Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras. Aber wenn sie sich paaren, dann leidet es ebenso.» Er machte damit klar: Für kleine und mittlere Staaten sind die Grossmächte eigentlich immer ein Problem.
Das gilt momentan besonders für die Ukraine. Deren Schicksal will nämlich der russische Staatschef Wladimir Putin Mitte November im chinesischen Shenzhen besiegeln. Und zwar auf einem Dreiergipfeltreffen, zusammen mit Chinas Staatschef Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump. Dort sollen, so Putin, die drei Militärgrossmächte die Ukraine zur Kapitulation zwingen. Erinnerungen werden wach an die Konferenz von Jalta nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die USA, Grossbritannien und die Sowjetunion zu dritt Osteuropa der jahrzehntelangen Sowjetherrschaft auslieferten.
Washington rückt von Kiew ab
Die Lage der Ukraine ist so prekär wie nie mehr seit dem russischen Überfall 2022. Zwar behauptet sich das Land dank seinem Wehrwillen und seinem Geschick bisher gegen die auf dem Papier erdrückende Übermacht Moskaus. Schon viel schwieriger ist das mittlerweile, weil Peking die Russen immer stärker unterstützt und ihnen so einen langen Atem verschafft. Und nun wechseln unter Präsident Donald Trump auch noch die USA Schritt für Schritt ins Ukraine-feindliche Lager. Trumps Äusserungen zum Ukraine-Krieg ähneln mittlerweile verblüffend jenen Putins. Sein Sonderemissär Steve Witkoff lobte soeben den russischen Gewaltherrscher gar als Menschenfreund.
Eine unabhängige, freie Ukraine hätte gegen einen solchen, sich abzeichnenden Schulterschluss der drei Grossmächte kaum noch eine Chance.
Dass Trump irgendwann doch noch zum überzeugten Unterstützer der Ukraine wird, scheint ausgeschlossen. Seine Position ist nun festgezurrt. Fraglich ist bloss, ob Trump gerade noch rechtzeitig merkt, dass Putin ihm mit dem Dreiergipfel-Vorschlag eine Giftpille verabreichen will. Für die USA und, was ihm weitaus wichtiger sein dürfte, für ihn selbst. Denn die Russen bieten in Sachen Ukraine keinerlei Hand zu Kompromissen. Aussenminister Sergej Lawrow bestätigte das eben unmissverständlich. Opfern die USA also die Ukraine den Russen, bekommen sie im Gegenzug nichts. Allfällige Geschäfte mit Moskau wären angesichts der wirtschaftlichen Schwäche des Landes bestenfalls Brosamen für die Vereinigten Staaten.
Xi gewinnt, Trump riskiert eine historische Blamage
Für Putin indes ist es jetzt schon eine Win-win-Situation, weil die USA die Ukraine noch stärker bedrängen, zu kapitulieren, und gleichzeitig Russland von Sanktionen befreit haben. Der chinesische Machthaber Xi Jinping dürfte als Gastgeber eines solchen Dreiergipfels immerhin die Lorbeeren als Friedensvermittler einheimsen. Trump hingegen spielt seine Trumpfkarten bereits jetzt, im Vorfeld, leichtfertig aus, indem er die Ukraine fallenlässt.
Findet dieser Dreiergipfel statt und setzt Putin seinen Willen durch, wäre das für die Ukraine eine Katastrophe. Für die Supermacht USA wiederum gliche es einer Selbstverzwergung und würde zur historischen Blamage.
Fredy Gsteiger
Diplomatischer Korrespondent
Fredy Gsteiger ist diplomatischer Korrespondent und stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St. Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» sowie Chefredaktor der «Weltwoche».
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