Mit diesen Codes sprechen Putins Soldaten über den Krieg

- Eine eigene Kriegssprache hat sich in Russland etabliert – von der Front bis auf den Pausenhof.
- Russische Soldaten und Angehörige verwenden Codes wie «500», «Fleisch» oder «auf null setzen».
- Die Soldaten nutzen diese Wörter, um eine Realität zu beschreiben, die der russische Staat offiziell negiert, sagt die Autorin des «Ethnografischen Wörterbuchs des Krieges».
Russische Soldaten, Angehörige und Behörden verwenden Codes, Frontjargon und beschönigende Ausdrücke, um im Krieg gegen die Ukraine über Einsätze, Gewalt und Tod zu sprechen.
77 Beispiele umfasst das «Ethnografische Wörterbuch des Krieges». Die russische Sozialanthropologin Alexandra Archipowa und der aus Taschkent stammende Psychologe Jurij Lapschin werteten dafür mehr als 6700 geleakte Beschwerden von Soldaten und Angehörigen aus, schreibt «Der Spiegel».
«Geschäftsreise»
«Komandirowka» bedeutet eigentlich Geschäftsreise. Russische Soldaten und ihre Angehörigen verwenden das Wort jedoch für die Teilnahme am Krieg – selbst wenn der Einsatz zeitlich nicht begrenzt ist.
Auch die Wagner-Gruppe warb mit einer sechsmonatigen «Geschäftsreise» im Rahmen der «SWO». Das Kürzel steht für «militärische Spezialoperation», wie der Kreml den Angriffskrieg nennt.

«200», «300» und «500»
«Ladung 200» ist ein sowjetischer Militärcode für den Abtransport getöteter Soldaten. Er wird bis heute verwendet, auch in der Ukraine. «Ladung 300» steht für Verwundete.
Neuer ist «500»: Soldaten, die desertiert sind oder von ihren Kommandeuren zu Deserteuren erklärt wurden. Wer «sich verfünfhundert», versteckt sich, um einem gefährlichen Einsatz oder der Gewalt oder Bestrafung von Vorgesetzten zu entkommen.
«Obnulenije»: «auf null setzen»
Die Position «Null» liegt direkt an der Frontlinie. Von dort brechen Soldaten zu Kampfeinsätzen auf. Den Beschwerden russischer Soldaten zufolge schicken Kommandeure Untergebene mitunter zur Bestrafung dorthin oder drohen ihnen damit, um Geld zu erpressen.
Noch drastischer ist «Obnulenije», auf Deutsch «auf null setzen»: So nennen Soldaten es, wenn ein Kommandeur oder Kamerad einen der eigenen Männer tötet – etwa indem sie ihn ohne Prozess hinrichten. Laut der Sozialanthropologin Alexandra Archipowa tauchte der Begriff in 45 untersuchten Schreiben auf.
Unter den Beschwerden war laut Archipowa auch der Brief eines Mädchens aus der Nähe Moskaus. Es habe die Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa mehrfach gebeten, seinen Vater vor dem «Obnulenije» zu retten.
«Ankunft»
«Priljot» bezeichnete früher die Ankunft eines Flugzeugs. Heute sprechen russische Behörden und Staatsmedien von «Ankünften», wenn die Ukraine Gegenangriffe fliegt. Der Ausdruck sei ungenauer als «Schlag» oder «Treffer» und könne je nach Zusammenhang beschönigend wirken, so der «Spiegel».

«Fleisch»
Wegen der hohen Prämien und Gehälter habe ein russischer Soldat zwar einen hohen Preis, aber nur einen geringen Wert, schreibt der «Spiegel». Als «Fleischangriff» oder «Fleisch» gilt ein Angriff, bei dem der vollständige Verlust einer Gruppe als wahrscheinlich und «akzeptabel» betrachtet wird.
Der Ausdruck ähnelt «Kanonenfutter» und entmenschlicht die eingesetzten Soldaten. Eine Frau zitierte ihren verletzten Mann in ihrer Beschwerde mit den Worten: «Ich will kein Fleisch sein!»
Vom Frontjargon in den Alltag
Nach Einschätzung der Wörterbuch-Autorin Archipowas mussten die Soldaten Wörter finden, um eine Realität zu beschreiben, die der russische Staat negiere. In ihrer Sprache vermischten sich informeller Frontjargon und offizielle Begriffe des Regimes.
Während Soldaten Codes für Tod und Gewalt verwendeten, würden Behörden und Staatsmedien zu Euphemismen greifen, also Ausdrücke, die das Geschehen beschönigen.
Inzwischen verwendet laut Archipowa auch die Zivilbevölkerung diese Wörter: Angehörige übernehmen sie in ihren Beschwerden. Auf russischen Pausenhöfen sollen die Kinder das Fangspiel «Obnulenije» spielen.
Material aus einem Leak
Für das «Ethnografische Wörterbuch des Krieges» werteten Archipowa und Lapschin tausende Beschwerden von Soldaten und Angehörigen aus, die zwischen April und September 2025 an die russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa gegangen waren.
Moskalkowa ist von der Duma ernannt, gilt als kremltreu und nicht unabhängig. Das Material stamme aus einem Leak, sagte Archipowa, die in Paris forscht.
Das Wörterbuch umfasst bislang 77 Begriffe. Einige stammen aus früheren Kriegen, andere sind seit der russischen Invasion von 2022 entstanden.
Ann Guenter (gux), arbeitet seit 2012 als Auslandsredaktorin für 20 Minuten. Seit August 2015 ist sie zudem Chefreporterin International.
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