Religion und Medizin – Zeugen Jehovas heben ihr Verbot von Bluttransfusionen auf

Die Zeugen Jehovas sind bekannt dafür, ihren Mitgliedern strenge Regeln aufzuerlegen. So ist es ihnen etwa untersagt, Weihnachten, Ostern oder Geburtstage zu feiern.
Die Religionsbewegung, die oft mit sektiererischen Praktiken oder Auswüchsen in Verbindung gebracht wird, befreit nun ihre Mitglieder zumindest von einem dieser Verbote.
Neu ist es ihnen erlaubt, eine Übertragung von Blutplasma, Blutplättchen und weissen oder roten Blutkörperchen zu akzeptieren, sofern es sich nicht um eine vollständige Transfusion menschlichen Bluts handelt.
Medizinische Gefährdung
Das weltweite Leitungsgremium der Zeugen Jehovas hatte bereits im März einen ersten Schritt in diese Richtung gemacht. Es erlaubte damals die Transfusion von Eigenblut.
Einschätzungen des RTS-Religionsexperten zum Thema:
Der jüngste Entscheid wird es den rund neun Millionen Mitgliedern der Bewegung ersparen, bei chirurgischen Eingriffen weiterhin ihr Leben zu riskieren. Das wird auch die Aufgabe der Ärztinnen und Ärzte erleichtern, insbesondere in der Pädiatrie. Sie mussten bisher zusehen, wie sich Menschen auf diese Weise in Gefahr brachten.
Zwei Faktoren dürften diese Kehrtwende ausgelöst haben. Einerseits hat sich die Medizin weiterentwickelt. Es gibt mehr Therapiemöglichkeiten und mehr Sicherheit bei operativen Eingriffen. Dadurch ist es noch schwieriger zu rechtfertigen, jemanden aus religiösen Gründen in Lebensgefahr zu bringen.
Eine Frage des Urteilsvermögens
In der Begründung seines Entscheids vom vergangenen Freitag hebt das elfköpfige Leitungsgremium aber auch die Bedeutung des Urteilsvermögens hervor. Darin steht, dass jeder Christ seine persönliche Entscheidung zu diesem Thema treffen müsse, gestützt auf sein Urteilsvermögen, mithilfe von Gebet und Bibelstudium. Man sollte also «eine Entscheidung treffen, mit der Sie sich vor Ihrem Gott in Frieden fühlen».
Bei der Gründung der Bewegung im 19. Jahrhundert durch Charles Taze Russell gab es das Verbot der Bluttransfusionen noch nicht. Es tauchte erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 auf, also zu einer Zeit, als die Transfusionen zu einer verbreiteten medizinischen Praxis wurden.
Die Zeugen Jehovas nahmen damals eine Neuauslegung der Bibelkapitel vor, in denen vom Blut die Rede ist, nämlich Genesis, Levitikus oder auch die Apostelgeschichte. Im Unterschied zu anderen Kirchen, die dieses Verbot als Verbot zum Verzehr auslegen, entschieden die Zeugen Jehovas, daraus ein medizinisches Tabu zu machen.
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