Soziologin über Klimakrise: „Resignation ist überhaupt nicht angebracht“

Hitze, Brände, Fluten: Die Welt ächzt unter den Folgen der Klimakrise. Ist noch Wandel möglich? Soziologin Anita Engels sagt Ja – und erforscht, wie.
Foto: Uwe Anspach/dpa
taz: Frau Engels, wie können Regierungen und Konzernspitzen dazu gebracht werden, den Klimaschutz wieder ernster zu nehmen?
Anita Engels: Die Zivilgesellschaft muss sich strategisch organisieren und den politischen Druck gezielt erhöhen, etwa durch Klimaklagen gegen Regierungen und Unternehmen. Ein anderer Weg ist, über Netzwerke beispielsweise am Arbeitsplatz neue Möglichkeiten für den Klimaschutz zu eröffnen. Das Ziel dabei: Die Rahmenbedingungen für Politik und Wirtschaft langfristig so zu ändern, dass fossile Geschäftsmodelle sich nicht mehr lohnen – damit Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben.
Bild: privat
Im Interview: Anita Engels
geboren 1969 in Leverkusen, ist Klimasoziologin an der Universität Hamburg. Sie forscht zur Frage, welche gesellschaftlichen Kräfte den Klimaschutz vorantreiben – und welche nicht. Im Juli erschien ihr Buch „Die Klimawende JETZT organisieren“.
taz: Im Moment steht die Zivilgesellschaft selbst unter Druck. Die Arbeit von NGOs wird diskreditiert, die Regierung will das Verbandsklagerecht einschränken und das Informationsfreiheitsgesetz entschärfen.
Engels: Umso wichtiger ist es, sich dagegen zu wehren und bestehende Rechte zu verteidigen. Mir geht es aber nicht nur um politischen Druck.
taz: Sondern?
Engels: Ein Beispiel: Für die Klimawende brauchen wir ganz neue Kenntnisse und Fähigkeiten. Denken Sie an einen Heizungsinstallateur, der seine Leute besser für die klimafreundliche Wärmeversorgung aus- und fortbilden möchte. Er kann in Berufsschulen, Unternehmen, Kammern und Verbänden nach Verbündeten suchen, um die Ausbildungspläne bedarfsorientiert weiterzuentwickeln. Das dauert normalerweise Jahre. Da müssen wir viel schneller werden.
taz: Was kann ich tun, wenn ich nicht im Heizungsbau oder an ähnlicher Stelle arbeite?
Engels: Jede Person kann prüfen, welche Möglichkeiten sie in ihrem Umfeld sieht, wo es Verbündete geben könnte; und vor allem: wofür sich der Einsatz lohnt. Es geht ja um strategisches Engagement. Sobald man in der eigenen Organisation ein Netzwerk etabliert hat, kann man außerhalb nach weiteren Verbündeten suchen. Das können je nach Anliegen Kirchengemeinden sein, Krankenhäuser, Schulen oder politische Akteure. Ausgehend vom Arbeitsplatz funktioniert das besonders gut, denn dort verbringt man ohnehin viel Zeit, und zudem kann man das eigene Fachwissen einbringen.
taz: Was macht Sie zuversichtlich, dass eine grundlegende Klimawende auf die Art zu schaffen ist?
Engels: Die Zukunft ist offen. Niemand weiß, was kommt – also ist Resignation überhaupt nicht angebracht. Gesellschaft ist veränderbar, und manchmal wird man von positiven Veränderungen überrascht. In meiner Forschung stoße ich ständig auf wirksame Initiativen. Zum Beispiel auf Menschen, die in ihrem Stadtteil über viele Jahre hinweg Beziehungen aufgebaut und dann gemeinsam die Verkehrswege klimafreundlich verändert haben; oder die erreicht haben, dass Nahwärmenetze geschaffen und Fassaden flächendeckend begrünt werden.
taz: Das sind Stadtteilinitiativen. Wir brauchen Klimaschutz doch in viel größerem Maßstab.
Engels: Die Klimawende ist eine Riesenaufgabe, das stimmt. Aber überall mobilisieren sich derzeit Leute. Unter Älteren gibt es eine richtige Mobilisierungswelle, und wenn die „Omas gegen Rechts“ sich mit all ihrer Lebenserfahrung, ihrer Zeit und ihren Ressourcen jetzt auch fürs Klima einsetzen, macht mir das schon Hoffnung. Klima-Organisationen suchen ebenfalls gezielt nach neuen Bündnispartnern, zum Beispiel unter den Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden.
taz: Mit wem verbünden Sie sich?
Engels: Ich forsche stärker zu sozialer Gerechtigkeit und kooperiere dabei mit sozialen Einrichtungen und dem Hamburger Stadtmagazin Hinz und Kunzt. Zugleich erforsche ich große Konzerne und rede dort viel mit Nachhaltigkeitsmanagern, die versuchen, ihre Unternehmen von innen klimafreundlicher zu machen. Sie betrachte ich ebenfalls als Verbündete. Außerdem gibt es einen Austausch mit NGOs über die Bedeutung sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse für ihre strategische Neuausrichtung. Es gibt so viele Möglichkeiten! Die Schwierigkeit ist eher, gezielt auszuwählen und nicht alles zu machen, um die eigenen Kräfte nicht zu schnell zu erschöpfen.
taz: Sie sagen, es geht darum, fossile Geschäfte unrentabel zu machen. Wie bricht man die politische und wirtschaftliche Macht der Ölkonzerne?
Engels: Ich würde unter den superreichen Familien nach Verbündeten suchen. Auch unter ihnen muss es Menschen geben, die den Klimawandel als ernstes Problem verstehen. Prominente können helfen, politische Unterstützung zu mobilisieren. Aber kleine Schritte bringen auch etwas: Ich kann in meinem Umfeld für den Umstieg auf klimafreundlichen Strom werben, um die Nachfrage nach fossiler Energie zu begrenzen, so weit es geht. Ich kann meine Bank drängen, nicht mehr in fossile Geschäfte zu investieren.
taz: Das dauert lange. Aber die Zeit drängt.
Engels: Wir haben wenig Zeit – das stimmt, aber das Argument bringt uns überhaupt nicht weiter! Natürlich ist das ein ganz dickes Brett. Aber die Gesellschaft ist einfach noch viel zu abhängig von fossilen Energien. Wir müssen leider die Geduld aufbringen, das Schritt für Schritt zu ändern. Und bisher haben wir damit noch nicht einmal richtig angefangen.
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25.– 29. August 2026
Bremerhaven
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