Begeisterung: Papst Leo besucht Frankreich und stärkt Europa
Eigentlich ist das Land seit gut 200 Jahren und seit der strikten gesetzlichen Trennung von Staat und Kirchen im Jahr 1905 geprägt von säkularen Traditionen. Doch in den nächsten Tagen wird es andere Bilder geben.
Ab Freitag besucht Papst Leo XIV. für vier Tage Frankreich. Er macht Station in Paris, Lourdes und Metz. Alle öffentlichen Veranstaltungen sind seit vielen Wochen ausgebucht. Allein in Paris erwarten die Veranstalter am Samstag rund um die große Papst-Messe auf der Place de la Concorde insgesamt eine Million Menschen auf den Straßen. Das passt dazu, dass die katholische Kirche in Frankreich auf überraschend steigende Zahlen an Erwachsenentaufen und auf neues Interesse am Glauben verweisen kann.

"Der Papst genießt sowohl bei Gläubigen als auch bei Nichtgläubigen Popularität", sagt der Politikwissenschaftler Olivier Roy der DW. Vor allem habe dem Kirchenoberhaupt sein Konflikt mit US-Präsident Donald Trump "eine moralische Statur verliehen, die weit über die katholische Kirche hinausreicht".
Paris rüstet sich
Deshalb der Andrang. Für 600.000 Menschen, die Tickets bekamen, gibt es über die gesamte Champs-Élysées bis zum Arc de Triomphe Platz. Weit mehr werden erwartet. Die Behörden kündigen bereits reihenweise die Schließung von Metro-Bahnhöfen an. An Kirchen und kirchlichen Gebäuden hängen große Papst-Portraits und Vatikan-Fahnen. Für die Sicherheitskräfte ist es eine Herausforderung.
Für die Politik des Landes, in dem in gut sechs Monaten Präsidentschaftswahlen anstehen, ist der Umgang mit dem Besuch durchaus auch heikel. Die Linke, so Roy, "schätzt zwar Leos Persönlichkeit, steht aber dem staatlichen Engagement bei der Organisation des Empfangs skeptisch gegenüber". Die starken Kräfte rechtsaußen begrüßten zwar die Sichtbarkeit des Katholizismus, störten sich aber beispielsweise am interreligiösen Treffen in Metz, das für sie den Islam auf eine Stufe mit dem Christentum stelle. Und: Der Präsident darf wegen der Trennung von Staat und Kirche nicht an den großen öffentlichen Messfeiern teilnehmen.

Auf jeden Fall tut Leo etwas für das Ansehen des Papstes. Einen päpstlichen Staatsbesuch in Frankreich gab es zuletzt 2008. Damals kam Benedikt XVI. (2005-2013) nach Paris und nach Lourdes, in den weltbekannten Wallfahrtsort im Südwesten des Landes – und er verzeichnete geringere Besucherzahlen als der nun anstehende Besuch. Franziskus (2013-2025) kam zwar bei eintägigen Reisen 2014 nach Straßburg und 2024 nach Ajaccio auf Korsika, in Marseille, der Hafenstadt am Mittelmeer, blieb er 2023 auch eine Nacht. Aber er besuchte stets konkrete Anlässe, nie das Land. Und die Franziskus-Reden vor Europaparlament und Europarat in Straßburg bescherten den Zuhörern drastische Kritik an einem, so der Papst, müden Europa.
Der Heilige Vater und die älteste Tochter
Im Kirchen-Sprech gilt Frankreich als die "älteste Tochter Roms". Das spielt auf die frühe Christianisierung des Landes zu Beginn des sechsten Jahrhunderts an. Schon im zweiten Jahrhundert nach Christus entstanden erste christliche Gemeinden. Dem stand die Geringschätzung des Franziskus entgegen.
Olivier Roy betont dabei die unterschiedlichen Sichtweisen der letzten Päpste. Johannes Paul II. (1978-2005) habe das Christentum noch "vornehmlich als europäisch" angesehen, Franziskus "eher als südlich geprägt". Deshalb dieses "gewisse Geringschätzung für Europa". Roy sieht bei Leo, diesem Papst, der in einem Missionsorden und nicht in einer Bischofskonferenz verankert sei, einen Mittelweg: "Er bejaht die Universalität der katholischen Kirche, erkennt aber zugleich das Gewicht Europas innerhalb dieser Universalität an." Dabei greife Leo die Botschaft seines Vorgängers gleichwohl auf.
Die Rolle Europas für die Päpste
Für den Augsburger Kirchenhistoriker und Papst-Experten Jörg Ernesti bleibt Europa "für die Päpste seit dem späten 19. Jahrhundert der wichtigste politische Bezugspunkt". Auch heute. Denn es behalte seine Gültigkeit trotz einer zunehmenden Internationalisierung der Christenheit. Ernesti verweist im DW-Gespräch auf statistische Entwicklungen: Im Jahr 1900 hätten noch mehr als zwei Drittel aller Katholiken in Europa gelebt, heute seien dies noch 20 Prozent. Zeitverzögert präge diese Internationalisierung auch das Kardinalskollegium. "Während dort Europäer in der Geschichte immer die Mehrheit bildeten, sind es heute nurmehr 39 Prozent."
Während der vier Tage soll Leo 15 Reden und Predigten halten. Die meisten richten sich – so in Paris – an die französische Gesellschaft und die politisch Verantwortlichen, bei den großen Messfeiern und in Lourdes vor allem an die Gläubigen des Landes.

Aber die größte Spannung gilt einer Rede zum Thema Europa, die am Schlusstag in Metz ansteht und in die Präsident Macron eigens einführen wird. Sie steht unter dem Titel "An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit".
Schon der Ort Metz hat seine symbolische Bedeutung. Denn die Stadt, einst Zentrum des Karolingerreiches, wechselte einige Male in den vergangenen Jahrhunderten die Sprache und die Zugehörigkeit. Mal war sie deutsch, dann wieder französisch.

Aber vor allem kann Leo im Robert-Schuman-Kongresszentrum auf den Namensgeber des Gebäudes verweisen. Robert Schuman (1886-1963), in Luxemburg geboren, war französischer Staatsmann mit ursprünglich deutscher Staatsbürgerschaft. Er setzte sich früh nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schuman drängte auf ein neues, vereintes Europa, wurde 1958 erster Präsident des damals neuen Europäischen Parlaments. Im Kirchlein eines Vorortes von Metz wurde er nach seinem Tod beigesetzt.
Für diesen Papst, so Roy, sei "Europa eine reale Einheit, die über den Nationalismen hinweg gestützt und weiterentwickelt werden muss". Dies sei seit dem Zweiten Weltkrieg "stets die Botschaft der katholischen Kirche gewesen. Es ist die Botschaft Schumans", meint der Wissenschaftler. Die Stadt Metz, früher "Zankapfel der deutsch-französischen Rivalität", und die Person Schumans seien dafür starke Symbole.
Auch Roy ist gespannt darauf, ob oder wie offen Papst Leo bei seinem Aufruf zur Stärkung der EU in Metz Populismus und Nationalismus kritisiert, auch einen in Frankreich anzutreffenden Nationalkatholizismus. Denn nicht selten, sagt er, seien die Verfechter der alten lateinischen Messe "identitäre Nationalisten oder sogar dem rechtsextremen Spektrum nahestehende Personen".
Leo trifft Missbrauchs-Opfer
Keine Papstreise ohne das Thema Missbrauch. Als Papst Benedikt 2008 Frankreich bereiste, begegnete er keinen Betroffenen von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Dabei hat die Kirche des Landes bis in die heutigen Tage immer wieder mit neuen Skandalen zu tun und ging spät an die Aufarbeitung.

Nun steht ein solches Treffen beim Aufenthalt in Lourdes im Programm. Aber etwas hat sich geändert. Zu Zeiten von Benedikt und Franziskus blieben die Gesprächspartner meist namenlos. Es wirkte gelegentlich so, als gewähre der Vatikan bei Stillschweigen Zugang. In Frankreich haben die sieben Betroffenen, die Leo begegnen, vorab gemeinsam das Wort ergriffen, fünf der sieben veröffentlichten auch ihren Namen. "Dialog bedeutet nicht, zu billigen", erklärten sie. "Empfangen zu werden heißt nicht, unsere Forderungen aufzugeben." Das Thema bleibt der Kirche erhalten, auch in Frankreich - und auch in Frankreich noch lange.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.