Vorurteile gegen Deutsch-Türken: Der Eroberer des Jobcenters

Während der Bundespräsident eine Mongolei-Ausstellung eröffnet, fragt sich der Kolumnist: Was haben Dschingis Khan und ein Köftekneter aus Berlin gemeinsam?
Foto: Uladzimir Zuyeu/Getty Images
H err Bundespräsident, ich sehe, Sie hatten eine arbeitsreiche Woche. Sie waren gemeinsam mit dem Präsidenten der Mongolei in Berlin bei der Eröffnung der Ausstellung über Dschingis Khan und die Welt der Mongolen. Dschingis Khan und seine Nachkommen veränderten die Machtverhältnisse in Anatolien nachhaltig. Auch Europa blieb von den mongolischen Eroberungszügen nicht verschont.
Wie dem auch sei, Herr Bundespräsident, vor vierzehn Tagen hatte ich an dieser Stelle aufgehört zu schreiben. Eigentlich wollte ich Ihnen die Geschichte eines anderen Mannes erzählen, der vermutlich ähnlich hochgewachsen war wie Dschingis Khan, der Europa auf seine eigene Weise erobert hat und über den die Meinungen ebenso geteilt sind. Dschingis Khan war persönlich nie in Europa, und Dschingis Khan war ein Titel, nicht der Name des Mannes. Deshalb habe ich auch den Namen dieses Mannes geändert.
Dieser kleine, rundliche Mann aus dem Wedding war die Verkörperung all jener Vorurteile über die Almancıs, die Menschen in der Türkei für wahr halten. Er stammte aus einer Stadt am Schwarzen Meer, die als Hochburg des Konservatismus gilt, und unterstützte die AKP. Heute schwört er jedoch, dass er das nie getan habe.
Timuçin lebt vom Jobcenter
Und noch ein Vorurteil: Natürlich betrügt er hier den Staat. Seit die Köftebude, die er vor Jahren übernommen hatte, pleiteging, lebt er vom Jobcenter. Er schwört, dass es die einzige Möglichkeit war, und ich glaube ihm, wenn er das sagt.
„Dieses ‚Çöp-Sentır‘, weißt du, das ist die schönste Firma, die ich in meinem Leben gesehen habe“, sagt Timuçin: „Du kannst denen sagen: ‚Ich habe gezockt, mein Geld ist weg‘, und die geben dir trotzdem Geld. Ich schwöre bei Gott.“
In dem Restaurant, in dem er Vollzeit arbeitet, knetet er je nach Tag bis zu 50 Kilo Köfte. Keine einfache Arbeit. Er steckt sich aber auf diese Weise zusätzlich über 2.000 Euro steuerfrei in die Tasche. Mit dem Geld kauft er Häuser in der Türkei. Dazu ist er geizig: Er wundert sich, wenn er hört, dass andere Menschen hohe Ausgaben haben. Wenn man ihn dafür kritisiert, sagt er: „Sogar der Imam unserer Moschee macht das.“
Er ist jeden Tag völlig erschöpft von der Arbeit. Und nur Alkohol lässt ihn schlafen. Weil er sich nicht traut, offen Alkohol zu trinken, füllt er kleine Wodkaflaschen in eine 50-cl-Plastikflasche Fanta. Wenn dieses Gemisch, dessen Alkoholgehalt mit der Zeit immer weiter steigt, ausgetrunken ist, geht er, isst ein Brathähnchen und schläft. Ein Rock-’n’-Roll-Life. Aber dieses Leben ist nun vorbei.
Jetzt braucht er wirklich den Staat
Denn Timuçin erlitt vor einiger Zeit einen Schlaganfall und entkam nur knapp dem Tod. Er blieb fast zwei Monate in einem nahegelegenen Krankenhaus und verlor ziemlich viel Gewicht. Jetzt lächelt er wie ein schüchternes Kind und hat mit dem Trinken aufgehört, raucht er aber immer noch. Er kann jetzt wirklich nicht mehr arbeiten. Seine Arme und Beine sind schwach.
Jetzt braucht er vielleicht zum ersten Mal wirklich den Staat. Manchmal denke ich, dass er angesichts all der geplanten Kürzungen oder der strengeren Kontrollen seine Sozialleistungen verlieren könnte. Was wäre dann?
Herr Bundespräsident, ich weiß, dass Sie nicht sagen: „Geschieht ihm recht.“ Ich kann das auch nicht sagen; irgendwie mag ich den Mann immer noch. Und er ist ein gutes Beispiel für Diskussionen. Wenn immer jemand in der Türkei abfällig über Almancıs spricht, kann ich auf ihn verweisen und sagen: „Ja, so einen Mann gibt es tatsächlich, und hier ist er. Ich kenne allerdings nur diesen einen.“
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