Bedrohte Alpwirtschaft – «Natürlich mache ich mir Sorgen»

«Es ist unsere Aufgabe, der nächsten Generation die Berge so zu übergeben, wie wir sie übernommen haben», sagt Ernst Wandfluh. Deshalb sei es für jeden Älpler selbstverständlich, dass er Sorge trage zur Natur.
Umso mulmiger ist sein Gefühl angesichts der gewaltigen Veränderungen, die er in den vergangenen zwanzig Jahren miterlebte. Die Berge, die sein Vater noch bewirtschaftete, und jene von heute – die Unterschiede sind augenfällig. Und die Probleme akzentuieren sich.
Massnahmen gegen den Klimawandel
Der fortschreitende Klimawandel führt dazu, dass der Permafrost in den Bergen taut. Das Hochgebirge verliert dadurch seinen inneren Halt. Denn der Permafrost ist eine Art «Kitt der Alpen». Wenn er sich zurückzieht, sind vermehrte Fels- und Bergstürze die Folge.
Schlamm- und Gerölllawinen können Alphütten, ja, gar ganze Dörfer bedrohen. «Natürlich mache ich mir Sorgen, ob es gut kommt», sagt Ernst Wandfluh.
Der Klimawandel sei ein globales Problem und könne darum nur global gelöst werden, stellt er fest, die Einflussmöglichkeiten der Schweiz seien beschränkt. Wandfluh, der seit drei Jahren für die SVP im Nationalrat sitzt, fordert darum vor allem Massnahmen, um sich an den Klimawandel anzupassen.
Eine davon: Möglichkeiten zu schaffen, um in den Bergen Wasser zu speichern. Daraus könnte sich die Alpwirtschaft bei längeren Trockenphasen bedienen. Es wäre aber auch möglich, Flüsse dosiert zu speisen.
Handlungsbedarf ist jetzt
Das Thema Wassermanagement, das heute in aller Munde ist, wurde auf der Ueschinen Alp oberhalb von Kandersteg, wo Wandfluh seine Tiere sömmert, schon früh antizipiert. Es wurde eine Quelle gefasst, die alle Familien mit Wasser versorgt. Solche Quellfassungen fordert er auch für andere Gebiete.
Aber Quellen können auch versiegen. Darum brauche es dort, wo es möglich ist, zudem eine bessere Erschliessung durch Strassen, auf denen Tanklastwagen fahren und in akuten Dürrephasen Wasser bringen könnten, sodass dies nicht mit Helikoptern geschehen müsse.
Der Sommer 2026 machte klar, dass immer mehr Gebiete, in denen sich die Frage der Wasserversorgung bisher nicht stellte, betroffen sein können. «Wir Älpler denken in Generationen, nicht in Jahren», sagt Wandfluh. Und die Tendenz sei klar: Der Klimawandel schreite weiter voran. Darum müsse jetzt gehandelt werden.
Er hofft, dass sich dafür stabile politische Mehrheiten finden, die einerseits das nötige Geld zur Verfügung stellen, andererseits aber auch die Gesetze so anpassen, dass Erschliessungen nicht durch Einsprachen blockiert werden könnten. Die Erfahrung zeigt nämlich: Wer in Berglandschaften eingreifen will, kann schnell in Konflikt geraten mit Naturschutzanliegen.
Sehnsuchtsort für Städter
«Der Anpassungsdruck begleitet die Alpwirtschaft seit jeher», sagt die Historikerin Rahel Wunderli. Die Kreativität, mit der die Älpler darauf reagierten, fasziniere sie. Wunderli untersuchte die Lebensrealität in den Berggebieten wissenschaftlich und stellt fest, dass diese wenig zu tun habe mit dem Bild, das in den Köpfen vieler Städter vorhanden sei.
«Die Alp ist ein Sehnsuchtsort – und dadurch automatisch auch eine Projektionsfläche.» Wer täglich urbane Hektik erlebe, suche verständlicherweise das Gegenteil: Abgeschiedenheit, weiten Blick und unmittelbare Begegnungen zwischen Mensch und Natur.
Das Bild der Alpwirtschaft ist seit dem 19. Jahrhundert geprägt durch Bücher und Filme. Die Schweizer Autorin Johanna Spyri publizierte in den 1880er-Jahren «Heidis Lehr- und Wanderjahre» und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat».
«Heidi ist symbolisch für den Mythos, dass das Leben in den Bergen gut und gesund ist und man dort das wahre Glück findet», sagt Rahel Wunderli. Die Stadt dagegen steht in Spyris Büchern für das Gegenteil: Krankheit und Unglück – verkörpert durch Klara Sesemann, ein gehbehindertes Mädchen aus reichem Haus.
Geschäftsmodell seit dem 19. Jahrhundert
Wenn Ernst Wandfluh heute seine Alpprodukte anpreist, spielt Gesundheit eine zentrale Rolle. «Wenn ein Städter jeden Tag ein bisschen Alpkäse isst, ist das, wie wenn er aus dem Nebel in die Sonne kommt: Dem geht es sofort besser.»
Auch bei der touristischen Vermarktung der Schweizer Berge schwingt das Bild stets mit. Es ist ein Geschäftsmodell, das seit dem 19. Jahrhundert laufend weiterentwickelt wurde. Begonnen hat es mit Sanatorien und Kurhäusern, das Versprechen war das gleiche: als kranker Städter in der Höhe gesunden.
Dieses Bild, mit dem die Schweiz seither gerne wirbt, geriet indes immer wieder in Konflikt mit der harten Lebensrealität in den Berggebieten.
Wenn es zu ärmlich und dreckig geworden wäre, hätte dies das sorgfältig kultivierte Image unterlaufen, sagt Rahel Wunderli. Darum sei die Alpwirtschaft stets bemüht gewesen, dass beides nicht zu weit auseinanderklaffte. Die Folge waren stetige Anpassungsprozesse und Modernisierungsbewegungen. Ein solcher Schub scheint sich gerade wieder zu vollziehen.
Vereinbarkeit mit der Arbeitswelt
Neben dem Klimawandel wird die Alpwirtschaft auch durch die angespannte Personalsituation herausgefordert. Die Betriebe in den Berggebieten sind mit den gleichen Problemen konfrontiert wie jene im Tal: Längst nicht alle finden Nachfolger.
Es melden sich zwar viele, die eine Auszeit suchen und mal eine Saison lang mithelfen möchten. Oft folgt dann ein hartes Erwachen. Kommt hinzu, dass sich die Arbeitswelt verändert hat. Saisonarbeit ist immer schwerer damit vereinbar.
Die Arbeit ist hart. Umso wichtiger seien gute Unterkünfte, um sich zu regenerieren, sagt Ernst Wandfluh. Dazu kommen faire Löhne. Und Wertschätzung. Schliesslich ist auch die Vereinbarkeit mit der Familie ein wichtiges Thema: Wer den Sommer auf der Alp verbringt, kann seine Kinder grundsätzlich mitnehmen.
Die Ferien dauern allerdings nirgendwo in der Schweiz drei oder vier Monate. Darum wären einheitlich geregelte Homeschooling-Modelle hilfreich, derzeit unterscheiden sich die Regeln von Kanton zu Kanton stark.
«Künftige Generationen werden das meistern»
Die Alpsaison wurde im Dezember 2023 von der Unesco offiziell in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Das sei eine grosse Chance für die Älpler und die Schweiz, sagt Rahel Wunderli. «Wir können uns darüber bewusst werden, was daran Kultur ist und was diese für uns bedeutet.» Und natürlich auch, wie sich die Alpwirtschaft weiterentwickeln soll. «Die künftigen Generationen werden das meistern», ist sich Ernst Wandfluh sicher.
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