Späte 2000er statt Y2K: Warum die Nullerjahre auf Tiktok bei Teenagern Kult werden

«Millennial Optimism»
Späte 2000er statt Y2K: Warum die Nullerjahre auf Tiktok bei Teenagern Kult werden
Auf Tiktok feiern Teenager ein überraschendes Comeback: Die späten 2000er-Jahre sind zurück. Alte Digitalkamera-Fotos, Ukulelen und Indie-Klänge werden zum nostalgischen Trend – voller Sehnsucht nach einer einfacheren digitalen Zeit.
Publiziert: vor 15 Minuten
- Teenager feiern «Millennial Optimism» auf Tiktok
- Digicam-Fotos und Indie stehen für ein Internet mit Ende
- Paradox: Diese Ära führte zur Daueronline-Welt
Florin SchranzRedaktor News
Wer heutzutage auf dem Smartphone durch die kurzen Videoclips von Teenagern wischt, traut seinen Augen kaum. Statt futuristischer Modetrends dominieren plötzlich verwaschene Fotos aus alten Digitalkameras und ein Style, der längst auf dem Müllhaufen der Popkultur gelandet war. Was noch vor kurzer Zeit als peinlicher Kitsch galt, wird auf Tiktok zum Sehnsuchtsort. Ausgerechnet das Lebensgefühl der späten 2000er-Jahre erlebt ein Comeback bei Teenagern.
Vom Peinlich-Trend zum neuen Kult
Jahrelang galten enge Röhrenjeans, Schnauzbart-Tattoos auf dem Zeigefinger, Holzperlenketten, Westen im Trödel-Look und Blumenkränze im Haar als Inbegriff der Peinlichkeit. Doch der Wind hat gedreht. Nach der Y2K-Bewegung, die die frühen 2000er-Jahre mit tief geschnittenen Jeans, Glitzer und Klapphandys romantisiert hat, kommen nun die späten Nullerjahre und frühen 2010er-Jahre. Der Trend heisst Millennial Optimism.
Auf Tiktok werden millionenfach Bilder geteilt, die aussehen wie alte Familienalben: schlichte Wohnzimmer, ausgebleichte Schnappschüsse, Partys mit Blitzlicht und Fotos aus Digitalkameras, deren schlechte Qualität heute fast schon charmant wirkt. Dazu läuft fröhliche Indie-Musik. Nichts wirkt künstlich ausgeleuchtet oder teuer inszeniert. Gerade diese Unvollkommenheit scheint die heutige Jugend zu faszinieren.
Als das Internet noch ein Ende hatte
Denn die Welt auf diesen Bildern war tatsächlich anders. Das Internet war weniger durchkommerzialisiert, soziale Netzwerke waren kleiner, und das Smartphone hatte noch nicht jeden freien Moment erobert. Man konnte online sein, ohne permanent online sein zu müssen. Instagram hatte irgendwann ein Ende, wenn man alle Posts seiner Freunde gesehen hatte. Dann war schlicht kein neuer Inhalt mehr da. Das Internet hatte einen Anfang und irgendwie auch ein Ende.
Das bedeutet nicht, dass die späten 2000er-Jahre eine heile Welt waren. Auch damals gab es sozialen Druck und digitale Selbstdarstellung. Aber das Ausmass war ein anderes. Heute entscheidet der Algorithmus, was als Nächstes auftaucht. Der Feed endet nicht. Wer eigentlich nur kurz schauen wollte, kann eine Stunde später noch immer durch Clips wischen.
Vielleicht liegt genau darin ein Grund für den aktuellen Sinneswandel. Die damalige Jugendkultur bot eine einfache Form der Zugehörigkeit. Man musste kein riesiges Budget für Designermarken haben: Die richtige Musik, ein schlichtes Hemd, eine kitschige Goldkette – und schon war man Teil der Gemeinschaft.
Natürlich verklären die Teenager damit eine Zeit, die sie selbst kaum bewusst erlebt haben. Sie kennen sie vor allem aus Bildern, Musikvideos und den Erzählungen älterer Geschwister. Aber sie erfinden diese Vergangenheit nicht vollständig. Vieles von dem, wonach sie sich sehnen, gab es tatsächlich.
Die Schattenseite der Nostalgie
Und darin steckt ein Paradox: Ausgerechnet diese vermeintlich unbeschwerte digitale Welt war das Sprungbrett in jene Gegenwart, von der viele Menschen heute erschöpft sind. Aus Blogs und Fotoplattformen wurden soziale Netzwerke, aus Schnappschüssen Influencer-Marketing und aus dem gelegentlichen Blick ins Internet ein permanenter Begleiter.
Für die Teenager auf Tiktok spielt dieser Widerspruch vermutlich keine grosse Rolle. Vielleicht sehnen sie sich deshalb gar nicht nach den späten 2000er-Jahren. Vielleicht sehnen sie sich nach etwas, das damals noch selbstverständlich war und heute fast schon exotisch wirkt: nach Optimismus und dem Gefühl, dass das Internet nicht überall ist.
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