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Saturday, October 10, 2026

Hormus-Krise – Syriens Hafen Baniyas: Neue Drehscheibe im Ölhandel?

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Schon Dutzende Kilometer vor der syrischen Mittelmeerküste stauen sich schwere Tanklastwagen Stossstange an Stossstange. Das dumpfe Dröhnen Hunderter Dieselmotoren liegt wie ein permanentes Vibrieren in der Luft, gemischt mit dem beissenden Geruch von Abgasen und Rohöl.

Wie einst die Karawanen im Altertum ziehen die Lastzüge quer durch das Land: von der irakisch-syrischen Grenzstation Al-Tanf bis hinunter an den Hafen von Baniyas. Auf den letzten Kilometern vor den Toren des Hafengeländes geht es nur noch im zähen Schritttempo voran.

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  • Bild 1 von 3. Am Schluss ihrer Reise werden die Transporter von der syrischen Polizei eskortiert. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

    Lkw und Krankenwagen fahren auf einer Landstrasse bei bewölktem Himmel.
  • Bild 2 von 3. Jeder Aufleger hat etwa 36’000 Liter Öl geladen. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

  • Bild 3 von 3. Der irakische Fernfahrer hat 1600 Kilometer zurückgelegt – ohne Zwischenfälle oder Überfälle auf seinen Treibstofftransport. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

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Einer der Fahrer kurbelt das Fenster seiner Fahrerkabine herunter. Sieben Tage sei er nun schon unterwegs, berichtet der Mann sichtlich erschöpft von der langen Reise. 36’000 Liter Heizöl hat er im nordirakischen Sulaimaniye geladen und knapp 1500 Kilometer weit quer durch den Irak und Syrien ans Mittelmeer transportiert.

Trotz der enormen Distanz sei die Fahrt problemlos verlaufen, betont der Fernfahrer. Im Irak gebe es derzeit glücklicherweise keine Zwischenfälle durch gezielte Sabotage oder Überfälle auf Treibstofftransporte mehr, und auch auf den syrischen Transitstrassen habe er keine brenzligen Situationen erlebt. Und das gelte für jede einzelne seiner mittlerweile acht Fahrten, die er seit dem Frühjahr absolviert habe.

Das Nadelöhr an den Docks von Baniyas

Hinter dieser gigantischen Logistikoperation steht eine fundamentale Verschiebung der geopolitischen Handelsströme. Als Reaktion auf die Blockade der strategisch bedeutsamen Strasse von Hormus – über die der Irak zuvor den dominierenden Teil seiner Erdölexporte auf die Weltmeere brachte – einigten sich Bagdad und Damaskus im April auf eine Wiederbelebung der syrischen Mittelmeerroute.

Für den Hafen von Baniyas bedeutete das Abkommen die abrupte Rückkehr auf die weltwirtschaftliche Landkarte. Die weitläufige Industrieanlage mitsamt der grössten Erdölraffinerie Syriens lag seit dem Zusammenbruch des Assad-Regimes vor knapp zwei Jahren weitgehend verwaist da. Während der langen Bürgerkriegsjahre diente das Areal vor allem der Anlandung iranischer Tanker für den syrischen Markt.

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  • Bild 1 von 3. Die Ölraffinerie von Baniyas liegt seit dem Sturz des Assad-Regimes weitgehend brach. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn.

  • Bild 2 von 3. Unter Assad diente die Raffinerie zur Abfertigung iranischen Öls für Syrien. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn.

  • Bild 3 von 3. Im Moment finden Wartungsarbeiten statt. Die Anlage wurde seit den letzten Kriegsjahren nicht mehr unterhalten. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn.

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Ein Arrangement, das die neue politische Führung in Damaskus nach der Machtübernahme umgehend kappte. Da die Raffinerie mangels Ersatzteilen und Wartung in den letzten Kriegsjahren nicht mehr instand gesetzt wurde, darbt der Veredelungsbetrieb.

Stattdessen herrscht im hinteren Areal des Geländes geschäftige Betriebsamkeit. Chefingenieur Nadeem Shayouni steht inmitten der irakischen Tanklastwagen, die dort das teure Gut abladen. Mit wachsamen Augen überwacht er den Prozess. «Genau 25 Tankwagen können wir hier gegenwärtig parallel leeren», erklärt Shayouni. Angesichts der schieren Masse an rollendem Nachschub ist das nicht viel. Die improvisiert wirkende Pumpstation ist das Nadelöhr in der Lieferkette und erklärt den endlosen Rückstau auf den Zufahrtsachsen.

Shayouni, ein pensionierter Fachmann, wurde im April eigens aus dem Ruhestand zurückgeholt, um die Umschlagslogistik aus dem Boden zu stampfen. Den Wendeplatz für die schweren Kolosse nennen die Hafenarbeiter respektvoll «Nadeem-Platz».

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  • Bild 1 von 6. Nadeem Shayouni wurde als pensionierter Chefingenieur aus dem Ruhestand zurückgeholt, um die Logistik im Hafen von Baniyas aufzubauen. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

  • Bild 2 von 6. Der improvisierte Umschlagsplatz für das irakische Öl wurde nach dem Ingenieur benannt. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

  • Bild 3 von 6. Auf dem gesamten Hafenareal gilt striktes Rauchverbot – nur in den Büros dürfen die Arbeiter zur Zigarette greifen. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

  • Bild 4 von 6. Pause für die irakischen Fernfahrer: Das Entladen des Öls dauert pro Lastwagen etwa anderthalb Stunden. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

  • Bild 5 von 6. 25 irakische Tanklastwagen können am improvisierten Umschlagsplatz gleichzeitig entleert werden. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

  • Bild 6 von 6. Beim Abpumpen des Rohöls aus den Tanklastwagen entstehen heisse Gase. Bildquelle: SRF/Yamam Al Shaar.

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Aus den Lastwagen wird das Öl direkt in Lagertanks gepumpt und von dort über Rohrleitungen auf Hochseetanker verfrachtet. 47 Schiffe habe man auf diese Weise bereits abgefertigt – rund 3.7 Millionen Tonnen Öl, die überwiegend Kurs auf Europa genommen haben. Für Shayouni ein logischer Schritt: Der europäische Markt liege schliesslich direkt vor der syrischen Haustür.

Grosse Träume und ein frostiger Alltag

Die Pläne der Führung in Damaskus reichen weit über provisorische Lastwagenkonvois hinaus. Seit September wird über Baniyas zusätzlich Benzin in der Gegenrichtung in den Irak transportiert.

Syrien ist nun vollständig unter staatlicher Kontrolle und absolut sicher.

Am Hauptsitz der staatlichen Erdölgesellschaft in der Hauptstadt Damaskus beschreibt Vizedirektor Ahmad Qubbaji bereits die nächste Etappe: «Eine Absichtserklärung zwischen Bagdad und Damaskus sieht vor, innerhalb von zwei Jahren eine feste Pipeline von Kirkuk nach Baniyas zu realisieren.»

Diese solle täglich rund zwei Millionen Barrel Öl an die syrische Küste leiten. Zudem führe man Verhandlungen mit Jordanien, Katar und Saudi-Arabien, um künftig auch Golf-Erdgas via Syrien in die Türkei zu transportieren.

Person in rotem Anzug vor grossem Rauch und Feuer im Freien.
Legende: Während des Irak-Kriegs 2003 wurde die historische Pipeline durch Angriffe beschädigt. REUTERS/Arko Datta AD/JDP

Die Idee, irakisches Rohöl über Syrien ans Mittelmeer zu transportieren, ist nicht neu, sondern greift auf eine historische Infrastruktur zurück. Bereits 1952 wurde die Pipeline zwischen den ölreichen Feldern von Kirkuk im Nordirak und dem syrischen Exporthafen Baniyas in Betrieb genommen. Über Jahrzehnte hinweg stellte die Leitung eine zentrale Lebensader für den irakischen Ölexport nach Europa dar, war jedoch immer wieder Spielball geopolitischer Zerwürfnisse.

Im Zuge des Ersten Golfkriegs schloss Syrien 1982 die Pipeline aus Solidarität mit dem Iran. Nach einer kurzen Wiederinbetriebnahme um die Jahrtausendwende wurde die Röhre während der US-Invasion im Irak 2003 schwer beschädigt und im darauffolgenden Bürgerkrieg endgültig unbrauchbar gemacht. Die aktuellen Bestrebungen, eine Pipelineverbindung neu zu errichten, knüpfen an dieses historische Projekt an, um die strategische Abhängigkeit beider Länder von den maritimen Engpässen im Persischen Golf dauerhaft zu verringern.

Qubbaji ist überzeugt, dass Syrien dauerhaft als zentrale Drehscheibe für Öl, Gas und Elektrizität im Nahen Osten fungieren wird – auch wenn sich die Lage am Persischen Golf wieder entspannen sollte. Der Landweg durch Syrien sei schlichtweg kürzer, kostengünstiger und sicherer als die Passage über das Rote Meer oder den Persischen Golf.

Angesprochen auf jüngste Angriffe mutmasslicher Schläferzellen der Terrormiliz IS auf syrische Kraftwerke, weist der Vizedirektor jegliche Bedenken jedoch schroff zurück: «Syrien ist nun vollständig unter staatlicher Kontrolle und absolut sicher.»

Das Öl zieht vorbei, der Frust bleibt

An der Küste von Baniyas, wo das rhythmische Rauschen der Mittelmeerwellen an die Kaimauern schlägt, zeichnet sich indes ein völlig anderes Bild.

Sie sollten zuerst die eigene Bevölkerung mit Energie versorgen, bevor sie alles ins Ausland verschiffen.

Ein einheimischer Fischer blickt mit verbitterter Miene auf die mächtigen Silhouetten der Öltanker hinaus, die träge ankern. «Sie sollten zuerst die eigene Bevölkerung mit Energie versorgen, bevor sie alles ins Ausland verschiffen», schimpft der Mann. Zwar gebe es heute keine staatlichen Rationskarten mehr wie unter der gestürzten Assad-Diktatur, doch leisten könne sich den Treibstoff kaum noch jemand.

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  • Bild 1 von 1. Die syrische Mittelmeerküste bei Baniyas, wo das irakische Öl auf Hochseetanker verladen wird. Bildquelle: SRF/Thomas Gutersohn.

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Denn die globale Hormus-Krise hat auch Syrien erfasst. Die Treibstoffpreise mussten erhöht werden, was vieles im Land verteuerte. Eine einfache Fahrt im örtlichen Sammeltaxi, die vor wenigen Wochen noch 3000 syrische Pfund kostete, schlägt nun mit bis zu 5000 Pfund zu Buche. Während auf den Docks von Baniyas die Weichen für das globale Ölgeschäft neu gestellt werden, bleibt den Menschen vor Ort nur die Erkenntnis, dass die rollenden Reichtümer vor ihren Augen vorbeiziehen – ohne dass ihr eigener Alltag dadurch heller wird.

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