«Viel los grad»: Was dieser Satz anderen über dich verrät

«Ich kann heute nicht lange, ich muss später nochmals an den Laptop.» Kaum habt ihr beim Apéro angestossen, sitzt die Arbeit deiner Freundin mit am Tisch. Morgen steht schliesslich eine Präsentation an. Am Wochenende muss sie übrigens auch arbeiten – gerade sei einfach wahnsinnig viel los. Eigentlich wolltest du nur wissen, wie es deiner Freundin geht. Jetzt kennst du ihren Terminplan.
Vielleicht denkst du gerade an jemanden, der auf jedes «Wie gehts?» mit «Ach, so viel zu tun» antwortet. Vielleicht bist sogar du diese Person. Denn so sehr wir über die Arbeit klagen: Ein bisschen wichtig fühlen wir uns dabei manchmal schon. Wer so viel zu tun hat, wird offenbar gebraucht.
Wie wirkt es auf dich, wenn jemand ständig betont, wie viel er zu tun hat?
Die Kommunikationsexpertin Vanessa Van Edwards warnt im Podcast «Aspire with Emma Grede» genau hiervor. «Weisst du, was überhaupt nicht spannend ist? Wenn du darüber sprichst, wie beschäftigt du bist», sagt sie. «Die Forschung zeigt: So halten dich andere für weniger kompetent.»
«Busy» kann nach Erfolg klingen
Wer mit seiner Belastung Eindruck schinden will, könnte also genau das Gegenteil erreichen. Dieses Prahlen mit der eigenen Belastung nennt sich «Stress Bragging»: Überstunden, ausgelassene Mittagspausen und Mails um Mitternacht sollen zeigen, wie unverzichtbar man ist.
Stress wie eine Auszeichnung vor sich herzutragen, kommt laut Studien aber schlecht an. Für eine 2024 im Fachjournal «Personnel Psychology» veröffentlichte Studie bewerteten 360 Personen Aussagen fiktiver Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen nach einer Konferenz. Die Person, die mit ihrem Stress prahlte, wirkte weniger kompetent und weniger sympathisch als jene, die ihre Belastung bloss erwähnte oder von der Konferenz schwärmte. Auch helfen wollten ihr die Befragten seltener.
Die Vorstellung, ein voller Kalender mache Eindruck, ist aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Eine Studie von 2017 im «Journal of Consumer Research» zeigte: In den US-Stichproben galten Menschen mit langen Arbeitszeiten und wenig Freizeit als ehrgeizig, kompetent und beruflich gefragt. Wer kaum Zeit hat, muss gefragt sein, so die dahinterliegende Logik. Viel zu tun zu haben und damit anzugeben, ist allerdings nicht dasselbe.
Was unterscheidet Erzählen von Angeben?
Heisst das, Gestresste sollen fortan einfach lächeln und so tun, als sei alles bestens? Nein. «Nicht das Gestresstsein an sich ist das Problem», erklärt Studienautorin Jessica Rodell von der University of Georgia in einer Mitteilung. Wer Stress beiläufig ansprach oder als gestresst wahrgenommen wurde, löste nicht dieselben negativen Reaktionen aus.
«Die Woche war heftig, ich muss kurz Dampf ablassen» klingt anders als «Ihr habt jetzt wenigstens Feierabend, bei mir wäre das undenkbar». Im zweiten Fall wird aus dem eigenen Stress ein Vergleich mit den anderen. Wer mal wegen einer Deadline absagt oder über Stress klagt, will sich nicht gleich wichtigmachen. Manchmal ist die Arbeit einfach zu viel und man möchte jemandem erzählen, wie mühsam es gerade ist.
Was du statt «so viel zu tun» sagen kannst
Van Edwards rät im Podcast «The Learning Leader Show», konkreter zu werden: Was hält dich gerade auf Trab? Was ist gut gelaufen, was hat genervt? Zum Beispiel: «Wir haben heute endlich unser Projekt abgegeben. Das war viel und ich bin so froh, dass das durch ist.» Du erzählst, was dich beschäftigt und wie es dir damit geht, ohne deinen ganzen Kalender runterzurattern. Und so hat dein Gegenüber auch etwas, worauf es eingehen kann.
Kommt das «Ich bin so busy» von der anderen Person, hilft eine Rückfrage, ob es sich um guten oder schlechten Stress handelt: «Viel los im guten Sinn oder einfach zu viel?» Vielleicht ist dein Freund stolz auf ein neues Projekt, vielleicht ist er gerade am Anschlag. Mit «Bei mir auch, ich habe gestern bis zehn gearbeitet» findest du das kaum heraus.
Sagst du auch oft «viel los», wenn jemand fragt, wie es dir geht? Und wie reagierst du, wenn andere das sagen?
Gloria Karthan (glo), arbeitet seit 2019 für 20 Minuten. Sie ist Mitglied der Redaktionsleitung und Leiterin des Lifestyle-Teams.
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