«Ohne AKW könnte es das mit dem Klimaschutz gewesen sein»

- ETH-Professor Horst-Michael Prasser spricht sich klar für den Weiterbetrieb und Neubau von Kernkraftwerken in der Schweiz aus.
- Ohne Atomkraft drohe laut Prasser das Scheitern der Energiewende – mit gravierenden Folgen für den Klimaschutz.
- Die bestehenden Schweizer AKW seien durch Nachrüstungen so sicher, dass eine Katastrophe wie Fukushima verhindert werden könnte.
Das Parlament hat das Neubauverbot für AKW gekippt – Kernkraft ist damit wieder auf dem politischen Parkett angelangt. Wie stehen Sie zu diesem Entscheid?
Ich war Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich und bin von der Technik und der Sicherheit überzeugt. Und das, obwohl ich mich in aller Tiefe damit beschäftigt habe (lacht).
Wo sehen Sie die grössten Risiken einer Energieversorgung ohne AKW?
Das Hauptrisiko ist, dass eine allein auf erneuerbaren Energien beruhende Energiewende an technischen, wirtschaftlichen oder Akzeptanzproblemen scheitern könnte. Dann wars das mit dem Klimaschutz.
Der Solarexpress ist ein gutes Beispiel dafür. Geplant waren Anlagen, die jährlich maximal 2000 Gigawattstunden liefern sollten, weniger als Mühleberg. Für die meisten Projekte fehlte jedoch die Akzeptanz, einige waren trotz Zustimmung nicht profitabel. Obwohl der Staat bis zu drei Milliarden Franken Förderung dazugegeben hätte. Mit so einer starken staatlichen Unterstützung könnte man auch ein neues Kernkraftwerk bauen und das würde mindestens das Vierfache an Winterstrom liefern und 80 Jahre laufen können.

Sie sprechen vom Scheitern der Energiewende. Ist das wirklich mit den Risiken der Kernenergie vergleichbar?
Die Risiken sind unterschiedlich, aber man darf die Folgen einer gescheiterten Energiewende nicht unterschätzen. Momentan sieht es danach aus, dass die Klimaziele deutlich verfehlt werden. Von Risiken zu reden, ist mittlerweile eine Untertreibung, denn die Schäden durch die Klimaerwärmung sind bereits sichtbar. Wers nicht glaubt, braucht sich nur unsere Gletscher ansehen. Das ist sozusagen die Spitze des Eisbergs, der schmilzt. Was da noch alles kommen kann, wird momentan noch ziemlich unterschätzt.
Und AKW könnten da Abhilfe schaffen?
Ja. Kernenergie kann unsere Industrie rund um die Uhr und ohne Speicheranlagen versorgen. Schauen Sie mal in die USA. Tech-Giganten wie Google oder Amazon investieren in eigene Kernkraft. Sie geben einer zuverlässigen Grundlastversorgung den Vorzug gegenüber den niedrigen Preisen im Netz, wenn Solar und Wind gerade gut performen. Offenbar hat das für solche Firmen wirtschaftliche Vorteile.
Im Grunde könnte die Industrie stabil aus Neubaukernkraftwerken an den alten Standorten versorgt werden, die Infrastruktur dafür ist vorhanden. Für eine Versorgung aus Solaranlagen müsste sie erst noch gebaut werden, und die Infrastrukturkosten sind noch der grösste Unsicherheitsfaktor.

Aber es gibt ja nicht nur die Industrie.
Gegenfrage: Was wäre ohne Industrie? Dezentral eingesetzt, dort, wo die Energie auch verbraucht wird, sind Solaranlagen und Batterien super. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man den Strom für eine grosse Industrieanlage aus tausenden von Dachanlagen zusammenkratzen kann, ohne dass das unwirtschaftlich wird.
In einer Mangellage könnte die Schweiz ja auf Speicher oder Importe zurückgreifen.
Ich bezweifle, dass andere Länder in einer europaweiten Mangellage überhaupt genügend Strom exportieren können oder wollen. Und völlig offen ist, zu welchem Preis. Am ehesten käme der Strom wohl aus Kernkraftwerken im Ausland. Da könnte die Schweiz auch selber weiter Kernkraftwerke betreiben.
Menschen sorgen sich bei einem AKW ja hauptsächlich um eine Katastrophe wie Fukushima oder Tschernobyl.
Die Sorge vor einem Unfall verstehe ich. Reaktoren der Generation III sind aber für die schwersten denkbaren Störfälle ausgerüstet. Passive Systeme funktionieren ohne Notstrom, ein sogenannter Core Catcher kann eine Kernschmelze auffangen. Das Restrisiko ist meiner Meinung nach kleiner als die Risiken eines vollständigen Kernenergieverzichts mit den erwähnten Klimafolgen.

Die laufenden Anlagen in der Schweiz sind aber älter als Generation III.
Das ist richtig. Durch zahlreiche Nachrüstungen wurde der Sicherheitsstandard der Schweizer Werke aber so weit wie möglich an jenen der Generation III angenähert. Nach meinen Erkenntnissen hätte das eine Katastrophe wie Fukushima verhindern können.
Macht Kernenergie die Schweiz nicht abhängig von Russland und ausländischen Brennstoffen?
Es gibt keine Abhängigkeit von Russland. Seit dem Importstopp aus Russland bezieht etwa die Axpo ihr Uran aus Kanada und Kasachstan; weiterverarbeitet wird es dann in Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und Schweden. Das Importvolumen ist mit etwa 100 Millionen Franken für fertige Brennelemente jährlich klein. Für Öl und Gas werden noch immer etwa 10 Milliarden ausgegeben, für Solarmodule aus China bis zu 500 Millionen.
Prof. Dr. Horst-Michael Prasser
Was sagen Sie zu den Kosten: Eine Studie von 19 Expertinnen und Experten der ETH und des Paul Scherrer Instituts kam zum Schluss, neue AKW seien nur mit staatlicher Unterstützung wirtschaftlich sinnvoll.
Die Studie sagt: Werden die Erneuerbaren staatlich gefördert, die Kernenergie aber nicht, ist ein zukünftiger Mix mit Kernenergie weniger wirtschaftlich. Nicht sehr überraschend. Es steht aber auch drin: Wenn die Nuklearbranche die Baukosten doch senken kann oder der Staat die Kernenergie ähnlich unterstützt wie die Erneuerbaren, würden die Modelle kostenoptimale Systeme ergeben, die neue Kernkraftwerke, erneuerbare Energien, Speicher, Flexibilität und Stromhandel kombinieren. Warum sollten die Baukosten nicht sinken? In Asien geht es ja auch. Und warum sollte der Staat nicht fördern, wenn es um das Überleben der Volkswirtschaft geht?

Also sagen Sie, die Studie ist falsch?
Nein, aber sie beleuchtet nur gewisse Aspekte. Was die Studie ganz ausblendet, sind Umweltaspekte. Kernenergie setzt nicht nur fast kein CO2 frei, sondern hat auch beim Landbedarf, Materialverbrauch und bei den Abfallmengen pro Kilowattstunde Vorteile gegenüber den Erneuerbaren. Deshalb sollte man seine Entscheidung nicht allein von dieser Studie abhängig machen.
Und was ist mit den radioaktiven Abfällen aus den Kernkraftwerken?
Die Mengen sind gering bezogen auf die grosse Energiegewinnung. Mit nur etwa einem Rappen pro Kilowattstunde können die nötigen Gelder für Rückbau und Entsorgung in der Höhe von etwa 25 Milliarden Franken angespart werden. Damit kann der radioaktive Abfall in sehr robuste Stahlbehälter eingeschweisst und 600 Meter tief eingelagert werden, ohne dass die Wirtschaftlichkeit der Kernenergie leidet. Das geht mit keinem anderen Abfall, egal wie toxisch er ist.
Auch bei der Entsorgung und besonders bei der Herstellung von Solarmodulen und Windkraftanlagen fallen hochtoxische Stoffe an, die eigentlich in ein Endlager gehören.

Aber die chemischen Abfälle sind nicht radioaktiv.
Radioaktivität klingt ab, chemische Giftigkeit bleibt. Gefährlich werden können radioaktive Abfälle auch nur, wenn sie entweichen können und in das Trinkwasser und die Nahrung gelangen. Das ist nicht anders als bei Giftstoffen. Für die gibt es aber schon Tiefenlager, warum also nicht auch für den Nuklearabfall? Führend bei den Chemieabfällen ist Deutschland mit Untertagedeponien, wie derjenigen im Salzstock von Herfa-Neurode. Die Schweiz hat das Glück, ihren chemisch-toxischen Abfall dorthin bringen zu können.
Bei importierten Komponenten für Solar- und Windkraftanlagen bleibt übrigens viel toxischer Abfall im Herstellerland. Davon bekommen wir in der Schweiz einfach nichts mit – aber müssen wir nicht global denken?
Zum Weiterlesen
Energieexpertinnen und -experten sind sich beim Thema Kernkraft uneinig – auch wegen der Kosten. Professor Tobias Schmidt erklärt etwa im früheren Interview mit 20 Minuten, weshalb neue AKW in Europa oft viel teurer ausfallen und länger brauchen als ursprünglich angenommen.
Ob die Schweiz neue AKW baut oder nicht, wird sich zeigen. Bis dahin wird wohl so oder so noch ein bisschen Zeit vergehen. Wie soll die Schweiz in der Zwischenzeit ihren Strom produzieren?
Solange unsere beiden grösseren Kernkraftwerke laufen, kommen wir dank Wasserkraft mit Speicherseen sicher besser über die Runden als manche Nachbarländer. Deshalb sollte die technisch mögliche Laufzeit der bestehenden Werke ausgeschöpft werden. Man kann hoffen, dass dies als Brücke reicht, bis langfristig über Ersatzkapazitäten entschieden und diese gebaut werden können.
Wie siehst du die Rolle der Atomkraft für die zukünftige Energieversorgung der Schweiz?
Thomas Leu (tle) arbeitet seit 2026 bei 20 Minuten. Er ist Praktikant im Ressort Politik.
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